Zurück auf Start

Normalerweise tüfteln Autoren an ihren Spielen Monate, wenn nicht sogar Jahre. Karin Janner und Marcel Kerkow entwickelten das stARTspiel in vier Wochen. Geholfen haben ihnen dabei zwölf Menschen aus dem Internet. "Zentrale Social Media Themen sind ja Partizipation, Nutzung der ‘kollektiven Intelligenz’ und die Tatsache, dass man Nutzern nicht ein fertiges Produkt vor die Nase setzt, sondern sie in die Entwicklung einbezieht. Daher entwickeln wir das Spiel gemeinsam – online. Jeder, dem etwas dazu einfällt, kann mitmachen", schreibt Janner auf der Projekthomepage. Wie das im Detail funktionierte, erklärt sie in diesem Video.

Die Idee ist interessant, aber überzeugt das Ergebnis? Die zuspieler.de-Redaktion hat den stARTspiel-Prototypen getestet und war nach zehn Minuten gelangweilt.

Das so genannte Brettspiel ist simpel. Ziel ist es, Freunde und Social Media Dollar zu sammeln. Jeder Freund und jeder Social Meda Dollar bringen am Ende einen Siegpunkt. Ist ein Spieler an der Reihe, wirft er einen Würfel. Anschließend zieht er mit seiner Figur maximal so viele Felder vorwärts, wie der Würfel Augen zeigt. Stopt seine Figur auf einem grünen Feld, ist sie mit dem Internet verbunden und kann – abhängig von der Würfelzahl – verschiedene Aktionen durchführen. Einen Account zu eröffnen, kostet drei Aktionspunkte, Texte, Videos oder Fotos zu veröffentlichen zwei und Freunde einzuladen einen. Um festzustellen, wie viele Freunde der Einladung folgen, wirft der aktive Spieler erneut einen Würfel. Die Augenzahl zeigt an, wie viele neue Freunde er gewinnt. Nach (fast) jeder Aktion zieht der aktive Spieler eine Ereigniskarte. Dadurch gewinnt oder verliert er entweder Freunde oder Social Media Dollars. So weit, so langweilig. Das Spiel endet laut Anleitung nach einer Stunde. Vorausgesetzt, die Spieler haben nicht schon vorher entnervt aufgegeben.

Die zuspieler.de-Redaktion nennt fünf Gründe, warum das Spiel nicht funktioniert und stellt Anregungen vor, wie man diese Fehler beheben könnte.

Schlecht ausbalanciert

Über Sieg und Niederlage entscheidet der Zufall. Es gibt Ereigniskarten, die auf einen Schlag 15 neue Freunde, ergo 15 Siegpunkte, einbringen. Bei anderen Karten verliert man bis zu sechs Freunde. Auch die Tatsache, dass Spieler auswürfeln, wie viele Menschen ihren Freundschaftseinladungen folgen, fördert nicht gerade den Spielspaß. Glückspilze freuen sich nach zwei Würfen über zwölf Freunde/Siegpunkte, Pechvögel ärgern sich über zwei Einsen.

  • Vorschlag: Durch Aktionskarten gewinnen beziehungsweise verlieren die Spieler maximal fünf Freunde. Einer Freundschaftseinladung folgt exakt immer ein Freund.
  • Um die Laufweite seiner Figur zu bestimmen, würfelt der aktive Spieler. Laut Anleitung kann er maximal so viele Felder ziehen wie Augen gefallen sind. Da es sinnvoll ist, sich möglichst lange auf den grünen Feldern aufzuhalten marschieren Strategen immer exakt ein Feld vorwärts, bis sie vor einer Reihe Ereignisfelder stehen und versuchen diese dann zu überspringen. Die Folge: Selbst wenn ein Spieler eine 6 wirft, schleicht er in der Regel nur ein Feld vor, aber verbraucht sechs Aktionspunkte.

    • Vorschlag: Das Würfelergebnis bestimmt die maximale Zahl der Felder, die die Figur des Gegners laufen darf. Entscheidet sich der Spieler für kleinere Schritte, stehen ihm entsprechend weniger Aktionspunkte zur Verfügung.
    Irrelevante Elemente

    Social Media Dollar, die man nur durch Ereigniskarten gewinnt oder verliert haben keine Bedeutung und keinen Einfluss auf das Spiel. Sie zählen lediglich am Ende als Siegpunkte.

    • Vorschlag: Im Internet kann man – genau wie im Spiel – Freunde schnell gewinnen oder verlieren. Um die Social Media Dollars aufzuwerten könnte diese sichere Siegpunkte darstellen, die nie verloren gehen. Es ist zu überlegen, wie die Umwandlung von Freunden in Social Media Dollars erfolgt.
    • Vorschlag: Um die Interaktion zu erhöhen und dem Spiel wenigstens etwas Tiefe zu geben, können die Spieler bevor sie eine Ereigniskarte ziehen, X Social Media Dollars für Marktforschung ausgeben. Dafür können sie sich die oberste Karte anschauen und entscheiden, ob sie diese behalten möchten. Ist dies nicht der Fall, müssen sie die nächste verdeckte Karte ziehen.
    Fehlende Interaktion

    Jeder Spieler marschiert alleine über den Spielplan. Interaktion? Fehlanzeige. Das ist untypisch fürs Internet und (oft) typisch für langweilige Spiele. Da ist selbst bei “Mensch Ärgere Dich nicht” mehr los.

    • Vorschlag: Interaktive Elemente einfügen, zum Beispiel in Form von Ereigniskarten, die Mitspieler betreffen und ausgespielt werden, wenn der aktive Spieler einen Konkurrenten überholt.
    • Unklare Regeln

      Die Spielanleitung und damit der -ablauf sind unklar. Theoretisch ist es möglich, verschiedene Konten auf unterschiedlichen Plattformen zu eröffnen – zum Beispiel einem Videoportal, einer Bilderseite oder einer Webcommunity. Es macht aber keinen Sinn, dies zu tun. Wer sich bei der Community-Plattform anmeldet, kann dort Videos und Bilder hochladen. Warum also Aktionspunkte verschenken, um sich bei einer Videoplattform anzumelden?

      Der aktive Spieler darf – vorausgesetzt er besitzt ausreichend Würfel- und damit Aktionspunkte – beliebige Aktionen durchführen. Gemeint ist wahrscheinlich, dass man zuerst ein Konto bei einer Plattform eröffnen muss und anschließend auf dieser Plattform beliebige Aktionen durchführen darf, oder?

      Wer eine Aktionskarte zieht, verliert im schlechtsten Fall Freunde. Wo und auf welcher Plattform dies geschieht ist unklar. Darf der Spieler sich die Plattform aussuchen, sind die Ereigniskarten überflüssig. Clevere Spieler melden sich dann exakt bei zwei Plattformen an: der Community und einer beliebigen anderen, zum Beispiel der Videoseite. Alle positiven Freundes-Ereignisse werden nun der Community-Plattform "zugeschaufelt", alle negativen der Videoseite. Und da man dort keine Freunde hat, verliert man keine :-).

      • Vorschlag: Siegpunkte für jedes eröffnetes Konto bei einer Plattform. Eventuell die Wertigkeit der Plattformen untereinander ändern. Der Spieler muss sich vor einer Runde entscheiden, auf welcher Plattform er eine Aktion durchführen möchte.
      Ineffiziente Gestaltung

      Die Weltkarte aus Schlagwörtern auf dem Spielbrett ist eine schöne Idee, die gut umgesetzt ist. Das war’s aber auch schon. Das Internet spricht Englisch. Aber das ist noch lange kein Grund, das Spiel mit unnötigen Anglizismen zuzuballern. Statt Airport funktioniert auch Flughafen, statt Office auch Büro und Fotos klingen sympathischer als Pics. Vor allem für Menschen, die das soziale Netz nicht kennen oder kaum nutzen. Sie sollen ja eine Zielgruppe des Spiels seins.
      Das Spielbrett des stARTspiels. Foto: stARTspiel
      Das Spielfeld gliedert sich in sechs Zonen wie Bar, Hotel oder Café. Die Aufteilung hat keine Auswirkungen auf das Spiel. Entscheidend ist vielmehr, welche Farbe das Feld hat, auf dem man steht. Erstrahlt es Grün, ist man mit dem Internet verbunden und kann seine Aktionspunkte verbrauchen. Leuchtet es in einer anderen Farbe zieht man eine entsprechende Ereigniskarte – vorausgesetzt man hat eine der genannten Aktionen ausgeführt. Wer auf einem einem roten Feld stoppt, darf nur eine rote Video-Ereigniskarte ziehen, wenn er bereits ein Video veröffentlicht hat.

      • Vorschlag: Sämtliche Texte und Beschreibungen ins Deutsche übersetzen, die Zahl der grünen Spielfelder verringern, die Aktionsfelder besser auf dem Spielbrett verteilen. Die Übersichtsblätter überarbeiten (Warum sind dort „Link/Account“ als ein Punkt zusammengefügt, wenn diese zwei unterschiedliche Aktionen sind?).

      Tipps zum Weiterlesen und -spielen:


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2 Kommentare zu “Zurück auf Start

  1. Hallo Sebastian,

    vielen Dank für Deinen Testbericht, auch wenn wir hier nicht besonders gut wegkommen 😉

    Was Du nicht erwähnt hast ist der Kern unserer Idee:
    Das Spiel ist ein Open Source Brettspiel und steht unter einer CC Lizenz.
    Das bedeutet: Jeder kann es weiterentwickeln. Auch Du. Du kannst Deine erweiterten Regeln, auch zusätzliche Karten etc., auf Dein eigenes Blog zum Download stellen, musst nur mit startspiel.de verlinken.
    Oder Du beteiligst Dich an der Weiterentwicklung mit solchen Blogposts, wie Du es eben getan hast. Damit fließen Deine Ideen und Kritikpunkte in die Weiterentwicklung unserer Version ein.
    Alles werden wir allerdings nicht aufnehmen können – wie auch schon bei der Entwicklung der Betaversion. Das Spiel wird von der Community entwickelt und die vielen Ideen, die da kommen, funktionieren tw. nicht gleichzeitig.

    Noch ein Irrtum: Das Spiel ist nicht in 4 Wochen entwickelt worden und damit fix und fertig, sondern in 4 Wochen wurde die Betaversion entwickelt, die wir auf der stART10 vorgestellt haben.
    Nun ist Testphase, in der wir Feedback wie Deines einsammeln und damit bis Mitte Oktober “startspiel Version 1” basteln werden.
    Und auch diese Version ist nicht fix bis in alle Ewigkeit, wie ich oben schon beschrieben habe, sondern soll regelmäßig upgedatet und erweitert werden.

    Was den Spielablauf betrifft: Da sind wir dankbar für Deine Kritikpunkte! Ich gebe ich sie an Marcel weiter. Er wird sie prüfen und ggf. einarbeiten.

    Was ich zum Mechanismus auch noch sagen muss:
    Du hast das Spiel mit den Augen eines Spielefreaks gespielt. Du legst hauptsächlich Wert auf einen ausgeklügelten Mechnismus und Spielspaß. Entwickelt haben wir es aber v.a. als Lernspiel für Social Media Einsteiger. Da sollte der Lerneffekt im Vordergrund stehen. Wir haben schon einige Anfragen von Social Media Trainern, die das Spiel gern als Einstieg in Workshops verwenden wollen.
    Eine Erweiterungsset als richtiges Spaßspiel für Nerds ist natürlich nicht ausgeschlossen!

    Grüße, Karin

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