Zur Kulturgeschichte des Spiels

Alfons X. von Kastilien (Abbildung aus dem Libro de los juegos, 1251–1282).
Max J. Kobbert und Steffen Bogen blicken in ihrem Artikel auf die Geschichte des Kulturguts Spiel zurück. Sie verraten, welcher weise König im 13. Jahrhundert erstmals Gesellschaftsspiele kategorisierte, warum Spieler die Position von Göttern einnehmen und wie die ägyptische Spielekultur sich bis heute in modernen Spielen widerspiegelt.

König Alfons X. von Kastilien und Leon (1221 – 1284), schon zu Lebzeiten Alfons der Weise genannt, ließ am Ende seines Lebens ein Buch über Spiele verfassen. Darin werden die Regeln der damals beliebtesten Brett- und Würfelspiele zusammengefasst. Das Buch ist in der kurz nach seinem Tod fertig gestellten Urschrift erhalten, die mit wunderbaren Miniaturen ausgestattet ist. Eine der ersten Miniaturen zeigt drei Gelehrte, die vor einen König treten. In der Hand halten sie Bücher, das traditionelle Attribut des Wissens. Die Miniatur gehört zu einer schönen Ursprungslegende, die am Anfang des Buchs erzählt wird: Ein indischer König befragt seine Weisen, wie man sich den Lauf der Dinge erklären könne, was das mächtigste Prinzip auf Erden sei. Der erste Gelehrte erklärt die Vernunft zum höchsten Prinzip. Entscheidend sei es, sein Leben vernünftig zu gestalten. Der zweite schätzt das Glück höher. Gegen das Schicksal könne auch der Klügste nichts ausrichten. Der dritte erklärt schließlich, entscheidend sei eine Mischung aus beidem: es gehe darum, mit Vernunft sein Glück zu nutzen.

Doch der König ist mit dem Verweis auf Bücher, der traditionellen Begründung von Wissen, nicht zufrieden. Er räumt den Gelehrten eine Frist ein, um ihre Aussagen besser zu begründen. Bei der zweiten Audienz hat sich das Bild verändert. Jeder der Weisen hält ein Spiel in der Hand, das er inzwischen erfunden hat. Der erste Gelehrte, der für den Verstand plädiert hat, legt dem König das Schachspiel vor. Der zweite, der Schicksal und Glück an die erste Stelle gesetzt hat, bringt ein Würfelspiel mit. Der dritte, der Glück und Vernunft verbindet, hat Tricktrack erfunden. Die Geschichte endet, ohne eine klare Hierarchie zwischen den Gelehrten und ihren Spielen herzustellen.

Spiele als Grabbeigaben der Pharaonen

Diese Ursprungslegende ist bemerkenswert: Sie führt bereits im 13. Jahrhundert die Figur eines Autors ein, der sein Verständnis der Welt nicht nur mit dem Schreiben von Büchern, sondern mit dem Erfinden von Spielen zu begründen weiß. Auf dem Brett werden die Mächte, die die Welt bestimmen, wie auf einer kleinen Bühne verdichtet. Sie werden nicht nur abstrakt beschrieben, sondern heraufbeschworen. Mit der Legende wird ein erstaunliches Wissen über die Herkunft der Brettspiele erzählerisch überformt.

Die Materialien der ersten Brettspiele sind über 5000 Jahre alt und haben sich als Grabbeigaben der Pharaonen und der ägyptischen Oberschicht erhalten. Zu ihnen gehören Spielbretter mit einem nach geometrischen Regeln aufgebauten Liniennetz und Spielfiguren, die meistens zwei verschiedenen Parteien zugeordnet sind. Die Spielfiguren lassen sich gut greifen und haben eine sichere Standfläche, so dass sich ihre Konstellation auf dem Spielbrett mit gezielten Handgriffen verändern lässt.

Figuren des Senetspiels, Elfenbein, Ägypten, 18. Dynastie, 1585 bis 1303 v. Chr. Foto/Sammlung M. J. Kobbert

Diese Elemente stehen für eine materielle Welt, die verlässlich bleibt, die wir geschickt manipulieren können, und die unseren Vorhaben und Plänen unterworfen werden kann – wenn wir nicht an den Plänen unserer Mitspieler scheitern. Doch es gibt auch Materialien, die das Unvorhersehbare ins Spiel bringen: verschiedene Formen von Würfeln, die fallen, sich drehen und springen, wie sie wollen, ohne dass wir aus einem Wurf Rückschlüsse auf den nächsten Wurf ziehen könnten.

Astragal (Fußwurzelknochen eines Rindes als Würfel), Türkei, 400 v. - 400 n. Chr. Foto/Sammlung: M. J. Kobbert

Die Brettspiele sind aus Materialien und Kulturtechniken hervorgegangen, die für die menschliche Planung und Deutung von Zukunft stehen. Die Spielbretter treten in den vorderasiatischen Hochkulturen gleichzeitig mit den ersten Versuchen auf, die Wege durch das Diesseits und Jenseits in Bildern zu kartieren. Die symbolische Darstellung und Planung der unmittelbaren Lebenswelt ging Hand in Hand mit Entwürfen für mögliche Welten. Bretter, die die Welt bedeuten – diese Symbolik gilt seit tausenden von Jahren sowohl für das Theater wie für das Brettspiel.

Spielregeln überdauern Jahrtausende

So verweisen Würfel wie der Astragal auf Orakelpraktiken innerhalb einer Auffassung vom Universum, in der das Weltliche und das Göttliche eng miteinander verbunden waren. Zufall wurde anders begriffen als heute. Es war das, was nach der Bestimmung durch die Götter dem Menschen zu-fällt. Es war Schicksal im wahrsten Sinne des Wortes, das von der Gottheit Geschickte, mit dem sich auseinanderzusetzen Aufgabe des Menschen war. In den Spielsteinen manifestiert sich schließlich eine kognitive Leistung, die für die Entwicklung des menschlichen Denkens ähnlich wichtig war wie die Erfindung von Schriftzeichen: das topologische System unseres Körpers und seine Beweglichkeit im Raum werden auf einen kleinen Ersatzkörper projiziert. Wir können die Spielfigur von oben betrachten und gezielt auf den Feldern des Brettes hin und her bewegen. Wir können uns mit den eigenen Steinen identifizieren, lernen die Spielsituation aber auch aus der Perspektive des Mitspielers verstehen und nehmen insgesamt die Position der Götter ein, die das Geschehen von oben betrachten und von außen steuern.

Weltreiche sind gekommen und vergangen – manche Spielregeln aber haben Jahrtausende überdauert. Das altägyptische Senet ist im Tab heutiger Beduinen erhalten, wahrscheinlich war es Vorläufer des römischen 12-Linienspiels und damit auch des heutigen Tricktrack oder Backgammon.
Backgammon. Foto/Sammlung: M. J. Kobbert

Viele Regelelemente finden sich in heutigen Brettspielen: Start und Ziel, Ereignisfelder, die Zugweite der Spielfiguren gemäß der Würfelzahl, die Möglichkeit zu schlagen und zu blockieren. Das altägyptische Mehen war Vorläufer des Gänsespiels, das jahrhundertelang in Europa beliebt war. Weiqi spielen zu können, gehörte im alten China zu den Qualifikationen, ein hohes Staatsamt einnehmen zu können. In Japan erhielt es die Bezeichnung Go, unter der wir es heute noch kennen. Das ebenfalls mehrere tausend Jahre alte Mancala ist ein afrikanisches Strategiespiel, das an der Elfenbeinküste noch heute dazu dient, einen neuen Häuptling zu bestimmen. Schach – seit jeher Inbegriff für geistigen Wettstreit – wurde vor 1500 Jahren in Indien erfunden, wahrscheinlich entwickelte es sich aus einem militärischen Sandkastenspiel mit dem vierteiligen indischen Heer. Spiele sind Nomaden zwischen den Kulturen, die auch kulturverbindend gewirkt haben: Die Regeln haben sich im Durchgang durch verschiedene Sprach- und Kulturräume verändert und angereichert. Auch das Spielebuch des Alfonso entnimmt viele seiner Spiele und Spielbeschreibungen arabischen Quellen.

Spiele-Kategorisierung durch Alfons den Weisen

Die Dreiteilung der Regelspiele durch Alfons den Weisen hat nach wie vor Gültigkeit. Es gibt solche, die durch den Einsatz von Intelligenz, Aufmerksamkeit, Handgeschick oder andere Fähigkeiten entschieden werden, solche, die allein vom Glück bestimmt sind und solche, in denen beides eine Rolle spielt. Im Laufe der Zeit haben sich die Vorlieben für bestimmte Spieltypen gewandelt. Das Gänsespiel war Jahrhunderte lang beliebt, aber findet als reines Glücksspiel heute nur noch wenig Freunde. Glücksspiele haben heute nur eine Chance in Verbindung mit der Aussicht auf Geldgewinn. Gute Spiele zeichnen sich dagegen dadurch aus, dass das Spiel selbst Freude macht und zur Wiederholung reizt.

Spiele in diesem Sinne zu erfinden, ist eine Kunst für sich. Seit gut 30 Jahren hat eine Entwicklung eingesetzt, die den bis dahin übersichtlichen Bestand an Brett- und Kartenspielen sowohl für Kinder wie für Erwachsene vervielfacht hat. Nirgends werden Jahr für Jahr so viele neue Spiele erfunden und publiziert wie in Deutschland. Die Mitglieder der Spiele-Autoren-Zunft (SAZ) haben wesentlichen Anteil daran. "German Games" sind weltweit zum Begriff geworden, auch wenn inzwischen viele SpieleautorInnen aus anderen Ländern die Entwicklung internationalisiert haben.

Der Artikel erschien zuerst in politik und kultur – Zeitung des Deutschen Kulturrates. Steffen Bogen ist Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler an der Universität Konstanz sowie Autor von Kinder- und Familienspielen; Max J. Kobbert ist Wahrnehmungspsychologe und Spieleautor.

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