Würfel statt Waffen

Postkarte um 1910: „Crap Game“: amerikanische Soldaten in einem Zeltlager beim Craps-Spiel. "Quelle: Ulrich Vogt "Der Würfel ist gefallen - 5000 Jahre rund um den Kubus", Olms Verlag, Hildesheim

Postkarte um 1910: „Crap Game“: amerikanische Soldaten in einem Zeltlager beim Craps-Spiel.
Quelle: Ulrich Vogt “Der Würfel ist gefallen – 5000 Jahre rund um den Kubus”, Olms Verlag, Hildesheim

Der ehemalige Kunst- und Mathematiklehrer Ulrich Vogt schreibt in seinem Buch "Der Würfel ist gefallen" über verblüffende Themen. Geschichtliche Rückblicke von Tutanchamun, über die Griechen und Römer bis in unsere Zeit hinein wechseln sich ab mit Geschichten zum Würfel. zuspieler.de druckt einen Auszug aus dem Buch: von Würfeln in Schützengräben und Soldatenstiefeln als Würfelbecher.

Astragale, Würfel, iPad

Bei archäologischen Ausgrabungen in ehemaligen römischen Feldlagern, Kastellen oder auf Schlachtfeldern hat man Astragale [Würfel aus Sprunggelenkknöcheln in den Hinterbeinen von Schafen, Ziegen oder Rindern, Anm. der Red.] gefunden, die in der Mitte durchbohrt waren. Die Löcher hatten einen einfache Funktion: Für den gleichzeitigen Transport mehrerer Würfel brauchte ein römischer Legionär nur ein Lederband durch das Loch zu ziehen, um das Ganze dann an seiner Kleidung zu befestigen. Auch Sechsflächner jeglichen Materials kamen bei Ausgrabungen in großer Anzahl zum Vorschein. Sie sind Beweise dafür, dass das Würfelspiel schon bei den römischen Legionären weit verbreitet war.

Und es waren im Laufe der Jahrtausende nicht nur römische Legionäre, die mit dem Würfelspiel die Langeweile vertrieben, auch bei Rittersleuten, Landsknechten, Grenadieren, Landsern, Soldaten, wie immer man sie auch bezeichnete, gehörte das Würfelspiel zum militärischen Alltag. „Saufen, raufen, (Würfel) spielen!“ Mit diesem reaktionären Dreiklang stellten oder stellen sich Soldaten immer schon gegen die Monotonie ihres militärischen Alltags. Denn ganz gleich, wo sich ein Soldat gerade befand, ob nach einem Tag voller Drill in einer Kaserne oder in einer Feuerpause in einem Schützengraben an der Front, das Leben konnte für ihn manchmal ziemlich hart, oft aber auch ziemlich langweilig sein. Da bot es sich an, ein paar Würfel herauszuholen, um mit den Kameraden beim Spiel die bleierne Tristesse oder die permanente Todesgefahr und die damit verbundene Angst im Kriegseinsatz zu vergessen.

Auf den "Schlachtfeldern" von heute, z. B. in Afghanistan oder im Irak, wird man in den Kampfanzügen der Soldaten der westlichen Armeen wohl kaum noch herkömmliche Würfel finden. Moderne Freizeitspiele, eher allein als mit den eigenen Kameraden gespielt, finden da meistens auf Handys oder iPads statt.

Soldatenstiefel als Würfelbecher

Quelle: Der Würfel ist gefallen.
Da im Marschgepäck eines Soldaten für einen Würfelbecher oft kein Platz war, musste das lederne Behältnis dafür herhalten, das jeder Soldat sowieso am Körper trug, der Soldatenstiefel. Und der wurde schon bald wegen seiner besonderen Verwendung im Soldatenjargon nur noch Knobelbecher genannt.

1866 waren in der preußischen Armee naturfarbene, fast kniehohe Marschstiefel eingeführt worden. Für die deutschen Heere des 1. Weltkriegs waren sie, allerdings inzwischen schwarz gefärbt, fester Bestandteil der soldatischen Ausrüstung. Auch im 2. Weltkrieg wurden sie noch, um Leder zu sparen, in gekürzter Form für die Wehrmacht produziert. Seit 1990 werden Knobelbecher nur noch in der Marine bzw. von verschiedenen Wachbataillons getragen. Aber auch die heute verwendeten hohen Schnürschuhe werden von den Soldaten immer noch Knobelbecher genannt.
Quelle: Der Würfel ist gefallen
Stiefel werden sogar als Würfelbecher produziert, wie der kleine Glasstiefel auf dem Foto zeigt. Das ist, wenn man so will, praxisnahes Design, wenn aus einem Knobelbecher nach einem gewonnenen oder verlorenen Spiel auch gleichzeitig Schnaps getrunken werden kann. Im Übrigen gibt es neben solch kleinen doppelt benutzbaren Schnaps- und Knobelbechern auch mehrere Liter fassende gläserne Stiefel, aus denen trinkfeste Männerrunden gemeinsam Bier trinken.

Die Würfelspiele und mit ihnen die Knobelbecher jedweder Form der alten Grenadier- und Landserzeiten sind heute sicherlich verschwunden, auch wenn es die gähnende Langeweile in den Soldatenunterkünften immer noch gibt. Ob beim Manöver in der Lüneburger Heide oder beim Kampfeinsatz im Kundusgebirge in Afghanistan, da wird nicht mehr gewürfelt! Unsere Soldaten „schlagen ihre Zeit tot“ mit elektronischen Spielchen auf dem flachen Smartphone, das in jeder Brusttasche Platz findet.

Würfeln in Kriegsgefangenschaft

Glanzstücke der Würfelsammlung von Jakob Gloger sind zweifellos die drei bei einem Antiquitätenhändler in London erworbenen handgeschnitzten Würfelbecher aus Rinderknochen (siehe Bildergalerie). Ihr Entstehungszeitraum wird von Fachleuten auf die Jahre von 1800 bis 1810 geschätzt. Sie sollen von Kriegsgefangenen angefertigt worden sein.

In jener Zeit führte Großbritannien die so genannten Koalitionskriege gegen Frankreich. Es kann deshalb angenommen werden, dass die Würfelbecher von französischen Soldaten auf den im Hafen von London oder Portsmouth liegenden englischen Gefangenen-Hulks angefertigt wurden. Dabei handelt es sich um ausgemusterte ehemalige Kriegsschiffe der Royal Navy, auf denen manchmal bis zu 8.000 Gefangene unter kaum zu beschreibenden hygienischen und sozialen Verhältnissen eingesperrt waren (siehe Bildergalerie). An Gefangenenaustausch zwischen den Kontrahenten war im Laufe der immer härter werdenden Auseinandersetzungen kaum noch zu denken. Und wenn, dann waren es mehr oder weniger nur Offiziere (ein Offizier gegen drei Seeleute), die ausgetauscht wurden. Nur von einer kleinen Mannschaft von für den Kriegseinsatz nicht mehr tauglichen Soldaten bewacht, fristeten die Gefangenen ein erbärmliches Leben. Dicht an dicht lagen sie nebeneinander auf allen Decks, auch auf dem offenen Oberdeck. Da hatten es die Gefangenen in den wenigen Lagern auf dem Festland (meist in alten Burgen) weitaus besser, denn sie konnten sich zumindest bewegen, mal gehen, mal laufen. Den Soldaten auf den Hulks blieb meist nichts anderes übrig, als in der Enge die gähnende Langeweile mit Glücksspielen totzuschlagen. Dafür wurden in mühseliger Kleinarbeit u. a. filigrane Würfelbecher aus Knochen geschnitzt. Es wird berichtet, dass diese Objekte über die Bewacher sogar auf dem Markt verkauft werden durften. Und so landeten einige davon nach zweihundert Jahren bei einem Londoner Antiquitätenhändler.

Links rund um das Thema:


Der Würfel ist gefallen.

Der Würfel ist gefallen.

Das ist ein Auszug aus dem Buch “Der Würfel ist gefallen – 5000 Jahre rund um den Kubus” von Ulrich Vogt. Es ist erschienen im Olms Verlag, Hildesheim, und zeigt auf 191 Seiten über tausend Fotos. Es kostet 24,80 Euro. Interessierte können das Buch unter www.das-wuerfelbuch.de bestellen.
 
 
 


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5 Kommentare zu “Würfel statt Waffen

  1. Ich habe dieses Würfelbuch gelesen und war und bin total begeistert. Ein super Buch. MFG Ben

  2. Ich habe das Buch bereits gelesen. Natürlich waren mir Würfel schon als Kind ein beliebtes Spielzeug, aber die lange Geschichte des Würfels war mir nie bewußt. Klar, wer hat nicht “Alea iakta est” in einem Asterix gelesen – aber den Sinn hinter dem Spiel zu suchen, dieser Gedanke ist mir nie gekommen. Ablenkung und Spaß dort zu finden, wo eigentlich nur Stress oder Angst und Niedergeschlagenheit herrschten – diesen Sinn hat mir das Buch aufgezeigt. Wer auch nur eine winzige nostalgische Ader besitzt – also eigentlich alle Ü50er, sollte das Buch lesen. mfg Thomas

  3. Highly interesting site to complement an excellent reference on the subject – “Der Würfel ist gefallen – 5000 Jahre rund um den Kubus” by Ulrich Vogt.
    Anyone with a passion about dice need both resources to reply upon!
    Thanks guys!

    Dave (seekwhence)

  4. Man sollte den Titel des Artikels “Würfel statt Waffen” wörtlich nehmen! Wenn Auseinandersetzungen zwischen Staaten in Zukunft durch ein Würfelspiel statt durch einen Krieg gelöst würden, bliebe der Menschheit viel Leid erspart…! Dann gäbe es statt eines Verteidigungsministers einen “Würfelminister”! 🙂 Für diesen Job möchte ich den Würfelexperten Ulrich Vogt vorschlagen, dessen Buch “Der Würfel ist gefallen” mir sehr gut gefällt!

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