“Wegen Mängeln von der Liste gepurzelt”

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zuspieler.de veröffentlicht den offiziellen Kommentar des „Spiel des Jahres“-Vorsitzenden Tom Felber zum Spielejahrgang 2014, der ursprünglich auf spiel-des-jahres.de erschienen ist. Er schreibt: “Mehrere sehr originelle Spiele sind wegen gravierender Spielregel-Mängel, die den Einstieg unnötig erschweren, von der Liste gepurzelt.”

Das klassische analoge Spiel lebt. In der anthraziten Kategorie der „Kennerspiele“ hatte die Jury noch nie so viele Titel zu beurteilen wie in diesem Jahr. Und in der Masse ist durchaus Klasse zu finden. Das zeigt sich auch darin, dass in diesem Bereich mehr Titel auf die Empfehlungsliste gehoben wurden als in früheren Jahren. Insgesamt gleichen sich die Umfänge der Listen in den drei Kategorien damit etwas an. Auffallend ist die zunehmende Internationalisierung der Spiele und Titel.

Auf der Suche nach frischen Impulsen wird die Jury immer öfter außerhalb der klassischen deutschen Verlagsbranche fündig. Aber auch die deutschen Redaktionen wählen im Hinblick auf mögliche Internationalisierungen immer häufiger Spieletitel, die nicht nur im deutschen Sprachraum verständlich sind. Auf der roten und anthraziten Liste hält gerade noch ein einziger Titel die Fahne für die deutsche Sprache hoch.

Ein besonderer Spiele-Trend ist dieses Jahr nicht auszumachen. Vielfalt beherrscht das Bild, sowohl was die Themen als auch die Spielsysteme anbelangt. Wie immer entführen viele Spiele in frühere Epochen oder ferne Welten. So schicken uns die Autoren und Verlage ins alte Rom, auf einen türkischen Basar, auf die untergehende Titanic, nach Sibirien zum Gleisbau, auf Entdeckungsreise in die Karibik oder in Zunfthäuser, Parks und Schlösser des Mittelalters, Barock und Rokoko. Gerade im letztgenannten Fall zeigt sich, dass es immer noch möglich ist, auch thematisch Neues einzufädeln. Das Nähen von Kleidern ist ein sehr außergewöhnliches, frisches Spiel-Thema und konkurriert bei den für den Kennerspiel nominierten Werken mit der friedlichen Kolonisation des Mittelmeerraums und dem geschäftigen Treiben auf einem orientalischen Markt.

Bei den für das „Spiel des Jahres“ nominierten Spielen geht es zum Wetten auf die Kamelrennbahn, in die Ateliers von Juwelieren zum Edelsteine-Sammeln und in die Welt der Piktogramme zum Begriffe-Raten. Die Jury hat auch dieses Jahr wieder versucht, auf ihren Listen die große Bandbreite an Erlebnissen abzubilden, die durch Spiele ermöglicht werden, sodass für jeden Geschmack, jeden Anspruch, jede Gruppe und jedes Alter etwas dabei ist. Mit „Concept“, „Camel Up“, und „Blood Bound“ sind gleich drei Spiele präsent, die in wesentlich größeren Gruppen gespielt werden können, als sich normalerweise an einem Wohnzimmertisch versammeln. Und „Love Letter“ „Guildhall“ oder „Potato Man“ stecken zwar in kleinen Schachteln, ermöglichen aber großartige spielerische Erfahrungen.

Aber weshalb haben es viele andere Spiele nicht auf die Liste geschafft? Es ist nicht zu vermeiden, dass gute Spiele auf der Empfehlungsliste fehlen. Im langwierigen Verfahren hat sich die Jury auch diesmal von vielen vielversprechenden Titeln trennen müssen, oft schweren Herzens. Zum einen ist die Konkurrenz einfach sehr groß, und die Jury möchte die Listen übersichtlich halten. Zum anderen hat die Jury aber auch wesentlich konsequenter als in früheren Jahren bei mangelhaften Spielregeln und gravierenden Materialmängeln kein Auge mehr zugedrückt. Nach Abschluss der Diskussionen wurde bei jedem Spiel noch einmal einzeln geprüft, ob Spielregeln und Material einem Mindest-Anspruch der Jury auch wirklich genügen. Mehrere sehr originelle Spiele sind wegen gravierender Spielregel-Mängel, die den Einstieg unnötig erschweren, von der Liste gepurzelt. Häufig betraf dieses Phänomen ursprünglich fremdsprachige Spiele, die für den deutschen Markt lokalisiert wurden, ohne das Regellayout oder den Regelaufbau dem deutschen Qualitätsanspruch anzupassen. Auch aufgrund von Materialproblemen musste die Jury dieses Jahr mehrfach aussortieren: Werden zum Beispiel Spielsteine dazu verwendet, um damit zu bluffen, ist es einfach problematisch, wenn sie auf den Rückseiten eindeutige Maserungen aufweisen, die einzelne Werte identifizierbar machen.

Etwas anderes hat die Jury aber nicht absichtlich gemacht: Als sie nach vollendeter Auswahl die Cover der fünfzehn empfohlenen Spiele der roten und anthraziten Liste betrachtete, fiel auf den ersten Blick die ungewöhnlich hohe Zahl von Frauen auf, die prominent auf den Covern abgebildet sind: bei insgesamt acht von fünfzehn Titeln. Das dürfte Rekord sein. Ob das ein Zufall oder die Einleitung eines längerfristigen Trends ist, der zur Verdrängung der bärtigen Männer von Spiele-Covern führen wird, vermag die Jury aber nicht vorauszusehen.

Das Rennen um die Hauptpreise ist nach wie vor offen. Die internen Diskussionen in der Jury haben gezeigt, dass es dieses Jahr in den beiden Kategorien „Spiel des Jahres“ und „Kennerspiel des Jahres“ keinen Favoriten gibt. Die Preisträger werden am 14. Juli 2014 während einer Pressekonferenz in Berlin verkündet. Bis dahin werden alle sechs nominierten Spiele von allen Jury-Mitgliedern noch viele weitere Male auch mit neuen Mitspielern gespielt und gründlich auf ihre Systeme, den Spielreiz und ihren Spaßfaktor getestet.


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