“Weg in eine strahlende Zukunft”

Foto: K.-U. Häßler, fotolia.de

Es ist ein beeindruckender Start: Der Verlag Eggertspiele und der Onlineversandhändler Spiele-Offensive.de haben zusammen über 24.000 Euro für ein Spiel gesammelt, das noch gar nicht existiert. Auf der Onlineplattform Spielschmiede präsentieren die Unternehmer in einem Video das Spielkonzept. Wen das überzeugt, der kann die Produktion des Spiels Express 01 von Jörg von Rüden mit Geld unterstützten. Das Prinzip nennt sich Crowdfunding. Im Interview spricht Frank Noack, Spiele-Offensive.de-Geschäftsführer, über den Weg in eine strahlende Zukunft für Vielspieler, die rechtliche Zusammenarbeit mit den Verlagen und über Bauchschmerzen der Unterstützer.

In Deutschland gibt es bereits Crowdfunding-Plattformen. Startnetxt hat über ein Million Euro gesammelt. Wer braucht da noch die Spieleschmiede?
Die Spieler und die Spieleverlage. Startnext, Kickstarter und Co. sind reine Finanzierungsplattformen. Sie können und wollen sich nicht mit der Materie der einzelnen Projekte auseinandersetzen. Deshalb gibt es für Unterstützer und Initiatoren aus der Spielebranche viele Stolpersteine. Wir kennen uns in der Branche sehr gut aus. Unserer Expertise fließt in die Gestaltung der Projekte. Wir können abschätzen, ob Kalkulationen realistisch sind und wie sich ein Spiel als Produkt nach der Förderung entwickeln wird. Das erhöht die Sicherheit für alle Beteiligten enorm. Es gibt einige Kickstarterprojekte, die trotz Finanzierung schief gegangen sind oder sich über Jahre hinziehen. So etwas möchten wir unseren Schmieden und Partnern ersparen. Darüber hinaus sind wir als Onlineversandhändler mit Spiele-Offensive.de in der Szene verwurzelt. Unser Spielernetzwerk ist eine der größten Gemeinschaften im deutschsprachigen Internet. Eine starke Gemeinschaft ist die Grundvoraussetzung, um Crowdfunding durchführen zu können.

Mit der Spielschmiede wälzen die Verlage ihr unternehmerisches Risiko auf die Spielergemeinde ab. Ist das Ihr Verständnis von Crowdfunding?
Diese Hypothese lese ich in letzter Zeit oft. Sie ist so pauschal nicht richtig. Lediglich das Produktionskostenrisiko wird für den Verlag verringert. Die Produktionskosten machen aber nur einen Teil der Kosten aus. Bevor ein Spiel auf der Spieleschmiede vorgestellt wird, entstehen erhebliche andere Kosten. Der Verlag hat viel Zeit und damit Lohnkosten in die redaktionelle Arbeit investiert. Gruppen haben die Spiele getestet und rund geschliffen. Die Grafik wurde gezeichnet und bezahlt. Und auch der Autor möchte natürlich etwas verdienen. Wir von Spiele-Offensive.de bereiten die Crowdfunding-Projekte vor. Wir produzieren ein Vorstellungsvideo, gestalten das Projekt und erstellen die Projektwebseite. Dazu kommen Werbekosten, um das Projekt bekannt zu machen – zum Beispiel durch Pressearbeit und Onlinewerbung. Wenn das Projekt scheitert, sind diese Investitionen verloren. Für die Spielergemeinde selbst entsteht kein Risiko. Die Unterstützer erhalten in diesem Fall ihr Geld zurück. Das Risiko wird also nicht abgewälzt, sondern getestet. Hinzu kommt, dass Crowdfunding über die Spieleschmiede lediglich eine Anschubfinanzierungsmöglichkeit ist. Die Produktionskosten werden bei Erreichung der Mindestfördersumme nur zum Teil gedeckt und nicht vollständig finanziert.

Crowdfunding ist für Sie dann also eher …
… der Weg in eine strahlende Zukunft für Vielspieler. Es ebnet den Weg für innovative und mutige Spielkonzepte.

Im Moment akzeptieren Sie nur Spiele, die von einem Verlag bearbeitet wurden. Warum?
Uns ist wichtig, dass unsere Schmiede mit den von ihnen unterstützten Spielen glücklich sind. Wir können uns als Spiele-Offensive.de keine redaktionelle Arbeit leisten. Wir spielen zwar gern und oft aber dafür fehlen uns das nötige Wissen, die Erfahrung und das Personal. Außerdem möchten wir die Verlage auf lange Sicht nicht überflüssig machen. Sie sind für unser Hobby sehr wichtig. Selbst Spiele von bekannten Autoren funktionieren nach der Entwicklung nicht immer hundertprozentig. Die Redakteure sind hier wie Diamantschleifer. Sie veredeln die Spiele soweit, dass sie ausbalanciert und gut spielbar sind. Für uns ist es also eine Empfehlung, wenn ein erfahrener Redakteur uns ein Spiel für die Spielschmiede vorschlägt. Bei einem Vorschlag eines Autoren können wir nicht einschätzen, ob das Spiel zu Ende gedacht ist und funktioniert. Wir haben auch nicht genug Personal, um das herauszufinden.

Wäre es nicht besser, wenn die Nutzer entscheiden, welche Projekte sie unterstützen wollen? So hätten auch unbekannte Autoren eine Chance, auf sich und ihre Werke aufmerksam zu machen.
Unbekannte Autoren haben bereits über unseren derzeitigen Weg eine Chance. Sie benötigen jedoch einen Fürsprecher in der Branche. Jörg von Rüden, der Autor von Express 01, hatte bisher keine eigene Spieleveröffentlichung und über die Spieleschmiede seinen ersten Erfolg. Das ist prima.

Denken Sie trotzdem über andere Möglichkeiten der Vorauswahl nach?
Ja. Das letzte Wort in unserem Vorgehen ist noch nicht gesprochen. Vielleicht ist es ja möglich, dass die Spieleszene selbst vorentscheidet, welche Spiele sie unterstützen möchten – selbst wenn diese nicht redaktionell begleitet wurden. Die Community wäre dann sozusagen der Redakteur. Hier werden wir experimentieren und forschen, inwiefern das umsetzbar und für alle Beteiligten zufrieden stellend sein kann.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass erfolgreiche Spieleschmiede-Spiele den Weg in den normalen Handel finden. Welchen Vorteil haben Nutzer – abgesehen von einigen Bonuskarten – wenn sie Spiele vorfinanzieren? Sie könnten Sie doch auch einfach später auf Messen oder im Internet kaufen.
Die meisten Spiele werden vermutlich im Handel verfügbar sein. Aber sie werden dort nur hingelangen, wenn die Finanzierung über die Spieleschmiede erfolgreich war. Wenn sich alle sagen, dass sie warten bis das Spiel regulär im Handel erscheint, warten sie vergeblich. Wichtig ist uns, dass die Schmiede Gesellschaftsspiele als ihr Hobby betrachten und durch unsere Plattform in der Lage sind, ihr Hobby aktiv mitzugestalten. Viele Nutzer träumen davon, selbst Spiele zu gestalten oder zu veröffentlichen. Sie haben weder die nötigen Erfahrungen oder Ideen. Mit der Schmiede können sie sich dennoch aktiv einbringen und in ihrer Szene so richtig dabei sein. Wir danken ihnen für dieses Engagement mit ganz besonderen Ergänzungen, die es in der Art nie zu kaufen geben wird. Wir verewigen beispielsweise die Namen besonders spendabler Unterstützer in den Regeln oder gestalten für diese die Spielverpackung um.

Bei anderen Crowdfunding-Plattformen zahlen Nutzer erst, wenn die Projektfinanzierung tatsächlich sicher ist. Bei der Spieleschmiede verschwindet das Geld direkt vom Konto der Unterstützer. Warum?
Es geht darum, dass wir die Fördersumme absichern können, wenn die Schwelle überschritten wurde. Platzt ein Bankeinzug, wird der Betrag rechtzeitig von der Fördersumme abgezogen, so dass der Stand immer realistisch ist. Aus unseren Erfahrungen im Onlinehandel wissen wir, dass das umso häufiger der Fall ist, desto länger der Zeitraum der Bestellung und der Abbuchung auseinander liegen. Wir möchten nicht, dass knapp finanzierte Projekte scheitern, weil zugesagtes Geld plötzlich nicht eingezogen werden konnten. Plattformen wie Kickstarter ist das egal. Sie senden den Initiatoren entsprechend weniger und diese müssen sich überlegen, woher sie den Rest des Geldes auftreiben, der vielleicht fehlt. Als Argument wird gern angeführt, dass Kickstarter das Geld erst bei Projektstart abbucht. Was aber immer übersehen wird, ist, dass das Geld auch hier schon auf der Kreditkarte blockiert wird. Es ist für den Förderer nicht mehr verfügbar.

Einige Kunden haben mit der direkten Abbuchung trotzdem Probleme.
Ich kann diese Bedenken nachvollziehen. Wir bieten deswegen eine Besonderheit an, um die Bauchschmerzen bei den Schmieden zu verringern: Wenn ein Projekt nicht finanziert wird, können die Unterstützer auswählen, dass sie das Geld mit einem fünfprozentigen Bonus auf ihr Kundenkonto bei Spiele-Offensive.de bekommen.

Was passiert mit dem Geld der Kunden, wenn das Projekt nicht finanziert wird?
Je nachdem, wie der Unterstützer sich entschieden hat, erstatten wir das Geld sofort per Paypal oder Überweisung zurück oder es geht mit dem oben erwähnten Bonus auf sein Kundenkonto für die nächste Bestellung bei Spiele-Offensive.de.

Zurück zu Express 01: Mit 10.000 Euro wird das Spiel finanziert, mit 12.500 Euro gibt es obendrauf ein Spielregel-Erklärvideo von der Spiele-Offensive. Hätten Sie das nicht eh produziert?
Nein. Das hätten wir uns nicht leisten können. Die Mindestfördersumme ist so kalkuliert, dass wir bei Projektstart mit dieser Summe eine schwarze Null schreiben.

Die 12.500 Euro sind inzwischen längst geschafft. Finanzieren die Spieler also nicht nur das Spiel, sondern auch die Arbeit von Spiele-Offensive?
Ja. Wir sind bei den Projekten ja nicht untätig. Im Gegenteil. Wir gehen mit den Initiatoren der Projekte eine Partnerschaft ein. Dabei kümmern wir uns auf unsere Kosten um zahlreiche Dinge: zum Beispiel um die Präsentation und Marketing für das Projekt, um die Zahlungsabwicklung, um den kompletten Service gegenüber den Unterstützern und um die logistische Abwicklung. Wir übernehmen den Versand inklusive der entstehenden Kosten, wenn das Spiel letztendlich produziert wurde.

Auf den Spielschmiede-Seiten wird nirgends detailliert erklärt, wie die Spielschmiede funktioniert. Warum?
Die Spieleschmiede-Seiten sind noch nicht hundertprozentig fertig. Die Startseite fehlt völlig. Da wir erst ein Pilotprojekt haben, konnten wir darauf erst einmal verzichten. Daher gibt es noch nicht viele Hintergrundinformationen.

Wie ist die Zusammenarbeit zwischen den Verlagen und Ihnen rechtlich geregelt?
Wir gehen mit den Verlagen individuelle Verträge für jedes Projekt ein. Da wir während der Entwicklung der Spieleschmiede sehr viel mit den Spielernetzwerkern darüber diskutiert haben, haben wir uns für den Start bewusst gegen eine offene Plattform entschieden. Viele Mitglieder hatten rechtliche Bedenken und wollten sicherstellen, dass mit ihren Geldern wirklich das Projekt in der Art realisiert wird, wie es versprochen wurde. Auf einer offenen Plattform wie Startnext oder Kickstarter ist das nicht wirklich möglich. Wir können durch die Verträge so etwas viel besser absichern.

Was passiert, wenn der Verlag sich dazu entscheidet, das Spiel doch nicht zu produzieren?
Unsere Verträge sind so gestaltet, dass der Verlag zur Lieferung verpflichtet ist. Außerdem verpflichtet er sich aufzuzeigen, wenn ein Insolvenzverfahren oder ähnliches anhängig ist. Die Frage es nicht zu produzieren, stellt sich nicht.

Was, wen der Verlag das Spiel aus welchen Gründen auch immer nicht produzieren kann?
Da wir im Vorfeld die Kalkulationen überprüfen, ist das Risiko sehr gering, dass die Umsetzung unmöglich wird. Sollte dieser unwahrscheinliche Fall trotzdem eintreten, müssten wir in jedem Einzelfall über die nötige Vorgehensweise entscheiden.

Warum gibt es keine Spielschmiede-AGB?
Weil die AGB von Spiele-Offensive.de und das BGB greifen. Lediglich das Widerrufsrecht ist nicht anwendbar. Die Schmiede kaufen rein rechtlich kein Produkt, sondern unterstützen ein Projekt. Die Spiele sind rechtlich gesehen Belohnungen. Sie werden behandelt wie kostenlose Beigaben. Das heißt nicht, dass die Schmiede keinen Ersatz bekommen, falls ein Spiel beschädigt wird oder unvollständig ist, lediglich der Umtausch wegen Nichtgefallens ist wirkungslos.

Express 01 wurde innerhalb weniger Tage finanziert. Wie geht es mit der Spieleschmiede weiter?
Express 01 ist unser Pilotprojekt, um in diesem Bereich zu lernen und funktionierende Prozesse aufzubauen. Wenn wir damit fertig sind, geht es mit neuen Projekten und einer ausgebauten Spieleschmiede weiter. Bereits jetzt gibt es weitere interessante Angebote, die als Projekt veröffentlicht werden könnten.

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2 Kommentare zu ““Weg in eine strahlende Zukunft”

  1. Mich würde interessieren, was mit dem Spiel passiert, wenn das Förderprojekt scheitert. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Verlag, nachdem so viel Vorbereitung getroffen wurde, das Projekt dann nicht zu Ende bringt…

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