Unglück im Glück

Foto: Sebastian Wenzel
Fjodor Dostojewski ist pleite. Beim Roulette hat der russische Schriftsteller 1865 in Wiesbaden 3.000 Goldrubel verzockt. Jetzt braucht er Geld. Schnell. In nur 26 Tagen diktiert er der Stenografin Anna Grigorjewna Snitkina den autobiografischen Roman „Der Spieler“. Das Drama wird ein Klassiker der Weltliteratur. Die Spielbank Wiesbaden freut sich noch heute über die kostenlose Werbung durch den Roman. Seit dem Besuch von Dostojewski hat sich in dem Casino allerdings einiges geändert. Nur eines ist gleich geblieben: Die Gäste träumen vom Glück und dem großen Gewinn. Wir auch.

“Nachdem ich in den Spielsaal getreten war […], konnte ich mich noch eine ganze Weile nicht zum Spiel entschließen. Zudem störte mich das Gedränge. […] Ich gestehe, mir pochte das Herz. Ich war keineswegs kaltblütig; es stand für mich seit langem fest, daß […] in meinem Schicksal unbedingt etwas Radikales und Endgültiges sich begeben werde.” (Fjodor Dostojewski: Der Spieler)

Auch das Schicksal von mir und meiner Begleiterin soll sich radikal und endgültig ändern. Natürlich zum Positiven. So ist zumindest der Plan. Mit 30 Euro Startguthaben wollen wir unsere Zukunft beim Roulette vergolden. Setzen wir unser ganzes Geld auf eine Zahl und gewinnen, haben wir 1.080 Euro im Portemonnaie. Gelingt uns das Kunststück zweimal, können wir uns über 38.880 Euro freuen. Das wäre ein Anfang und mehr als ein angemessenes Honorar für diesen Artikel.

Samstagabend, 22:35 Uhr. Wir schreiten in den Spielsaal. Die Wände sind mit Holz verkleidet. Von der Decke hängen goldene Kronleuchter. An den Tischen agiert der Geldadel. In der hessischen Landeshauptstadt leben laut Reiseführer die meisten Millionäre Deutschlands – zumindest bezogen auf die Bevölkerungszahl. Die Herren tragen weiße Hemden und schwarze Anzüge, die Frauen bunte Abendkleider.

“Ich habe gesehen, wie so manche Mama ihr Töchterchen, eine unschuldige, reich gekleidete fünfzehn- oder sechzehnjährige Miss, an den Spieltisch schob, wie sie ihr ein paar Goldmünzen gab und sie das Spiel lehrte.”

Was zu Dostojewskis Zeiten normal war, verbietet heute das Gesetz. Wer ins Casino will, muss mindestens 18 Jahre sein. Die Angestellten kontrollieren am Eingang erst die Ausweise, dann die Kleidung. Zerrissene Jeans, T-Shirts und Turnschuhe sind tabu. Auch mit Goldmünzen spielt heute niemand mehr. Wir tauschen unsere 30 Euro gegen 15 weiße Jetons und sind bereit für das Glück.

“Das Glück heftet sich zum Beispiel an Rot und bleibt bei dieser Farbe zehn-, selbst fünfzehnmal. […] Mit einem krankhaften Gefühl, einzig um es irgendwie hinter mich zu bringen und dann wegzugehen, setzte ich […] fünf Friedrichsdor [also fünfzig Gulden], diesmal auf Rot. Rot kam heraus. Ich setzte alle zehn Friedrichsdor – wieder kam Rot heraus. Abermals setzte ich das Ganze – und wieder kam Rot heraus. Von den vierzig Friedrichsdor, die ich nun bekam, setzte ich zwanzig auf das Mittlere Dutzend, ohne zu wissen, was das für Folgen haben kann. Man zahlte mir den dreifachen Betrag.”

Was die Roman-Hauptfigur kann, können wir schon lange. Wir schieben den ersten Jeton über den grünen Filz und setzen auf Rot. Die Kugel im Roulette-Kessel rollt, klackert, hüpft, springt und stoppt: 32, Rot. Gewonnen. Wir lassen unsere Jetons auf dem Tisch stehen. Der Croupier wirft die Kugel erneut in den Kessel. Sie tanzt, kullert, kreiselt und fällt … auf die 19. Wieder Rot. Wieder gewonnen. Adrenalin jagt durch unsere Körper. Der Croupier stapelt zwei Jetons auf unser Türmchen. Wie unser literarisches Vorbild lassen wir es ein drittes Mal auf Rot stehen. Wäre doch gelacht … 25, Rot. Gewonnen. Hätten wir von Anfang an unsere 30 Euro gesetzt, hätten wir jetzt 240 Euro im Portemonnaie. Doch wir waren zu feige, zu ängstlich, zu vorsichtig. Trotzdem: Gewinn ist Gewinn. Immerhin haben wir zwei Euro in 16 verwandelt. Weiter geht’s. Wir schieben die Jetons auf das zweite Dutzend. Es fällt 34, Rot, das dritte Dutzend. Verloren. Der Croupier räumt unser Jetons und Träume regungslos vom Tisch.

Diese Croupiers sehen immer so gesetzt aus, sie tun so, als wären sie einfache Beamte, denen es nahezu völlig gleichgültig sei, ob die Bank gewinnt oder verliert; doch ich habe das Gefühl, daß sie […] natürlich mit Instruktionen versehen sind, […] wie man am besten die Interessen der Staatskasse vertritt; gewiß erhalten sie dafür auch Preise und Prämien.

Die Croupiers von heute bekommen nicht mal ein festes Gehalt. „Die Vergütung erfolgt ausschließlich auf der Grundlage von Trinkgeldern, die unsere Mitarbeiter von unseren Gästen erhalten. Als ungeschriebenes Gesetz gilt, dass Gäste den 35. Teil jeder Gewinn-Auszahlung in den so genannten Tronc für die Angestellten stecken“, informiert das Casino im Internet. Auch wir würden das Einkommen der Croupiers gerne erhöhen, aber leider verlieren wir einen Jeton nach dem anderen. Der Abend endet schneller als gedacht. Um 00:18 verlassen wir das Casino. Wir sind pleite.

Ich treten aus dem Kurhaus, taste meine Kleider ab, und in der Westentasche rührt sich noch ein einziger Gulden. Also kann ich noch zu Mittag essen, denke ich: aber ich habe kaum hundert Schritte getan, da überlege ich es mir anders und kehre um.

Der Artikel erschien erstmals im Auftrag des Goethe-Instituts.

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