Stasi als Spielverderber

Foto: nachgemacht.de
Dr. Martin Böttger war in der DDR ein Oppositioneller. Die Stasi beobachtet ihn und seine Erfindung: das Brettspiel Bürokratopoly. Auf zuspieler.de erinnert sich Böttger an die Ursprünge des Spiels, gewährt Einblicke in seine Stasi-Akte und erklärt, warum die Stasi ihn nie auf das Spiel ansprach.

Die Romanfigur Faust möchte wissen, was die Welt im Innersten zusammen hält. Als Schüler lernten wir, dass im Westen die Gier nach Geld die Gesellschaft zusammen hält. Zwar konnte ich als junger Mensch den Westen nicht selbst erleben, aber in meinem Freundeskreis kursierte ein Spiel, das die Geldgesellschaft simulierte: Monopoly. Wir spielten es mit Begeisterung. Der einzige Nachteil daran: Wir konnten nicht vergleichen, ob dieses Spiel mit der kapitalistischen Wirklichkeit übereinstimmte.

Für den Osten gab es kein solches Spiel. Geld spielte in der Planwirtschaft keine bestimmende Rolle. Ich überlegte, was Faust auf seine Frage nach dem Weltzusammenhang für die DDR antworten könnte. Ich kam auf folgende These: In einer zentralistischen Funktionärsbürokratie wie der DDR war es das Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg, nach Macht, das das System zusammenhielt. Ohne ein natürliches Machtstreben, das lernte ich bei George Orwell, war der Kommunismus nicht möglich.

Von ganz unten nach ganz oben

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Dies wollte ich in einem Spiel verdeutlichen. Ich zeichnete eine Machtpyramide in der Draufsicht. Es entstand für die DDR ein Spielplan aus konzentrischen Kreisen, in deren Mittelpunkt der Generalsekretär der SED steht. Um ihn herum gruppiert sich der nächsthöhere Kreis: die Mitglieder des Politbüros. Darunter ordnen sich die einzelnen Minister an, darunter die Direktoren (bei der Armee: die Generäle), darunter die Abteilungsleiter (bei der Armee: die Offiziere) und ganz unten bilden die einfachen Arbeiter und Soldaten den niedersten Kreis der Machtpyramide. Die Unterstellungsverhältnisse deutete ich durch einfache Striche zwischen den Positionen der Spielfiguren an. In der Draufsicht stehen die untersten Positionen des Machtgefüges am Rand des Spielfeldes. Und dorthin müssen die Spieler ihre Figuren bei Spielanfang stellen.

Danach beginnt ein rücksichtsloses Kämpfen um Posten: die einfachen Arbeiter wollen Abteilungsleiter werden, die Soldaten streben nach dem Offiziersrang – ebenso die Polizisten. Auch die MfS-Angehörigen streben nach Aufstieg innerhalb ihrer Hierarchie. Es gibt Verlagsmitarbeiter, die gern einen Verlag leiten möchten, später dann Abteilungsleiter im Ministerium werden möchten, um dann Kulturminister zu werden und vielleicht das für Kultur und Ideologie zuständige Politbüromitglied (in der DDR zu meiner Zeit: Kurt Hager). Zu guter Letzt kämpfen die drei Mitglieder des Politbüros um den Posten des Generalsekretärs und derjenige Spieler, dessen Figur diesen Posten einnimmt, ist Sieger.

Die Ereignis-, Beweis-, Beförderungs-, Freikauf- und Wahlbetrugskarten schrieb ich auf meiner Erika-Schreibmaschine. Ebenso die Spielanleitung. Sie beginnt mit den Worten: An diesem unterhaltsamen Gesellschafts-Spiel können sich drei bis acht Spieler beteiligen. Die Regeln sind – wie in der realen Gesellschaft auch – für den Anfänger etwas kompliziert und sollen hier leicht verständlich dargestellt werden. Jeder Mitspieler verkörpert eine Partei, Gruppe, Clique oder sonstige Gruppierung, die an die Macht strebt. Dafür stehen ihm 5 Spielfiguren zur Verfügung. Mit diesen 5 gleichfarbigen Figuren hat der Spieler so zu operieren, daß eine von ihnen an die Spitze der Machtpyramide gelangt. Das Spiel ist erst dann zu Ende, wenn eine Figur Generalsekretär wird, womit gleichzeitig die Siegerpartei feststeht.

Wahlen, Meutereien und Denunziationen

Die Spielanleitung erläutert dann die einzelnen Machtebenen und –positionen und erklärt, auf welchen Wegen diese zu besetzen sind. Es gibt Wahlen (inklusive Wahlbetrug), Beförderungen, Delegierungen, aber auch Meuterei und Denunziationen, was zu Machtverlust führen kann. Mit Freikaufkarten kommen Insassen aus dem Gefängnis frei. Mit Beweiskarten kann man sich aufmüpfiger Protestierer entledigen.

Hier ein Beispiel für eine Karte, die ein Spieler ziehen und bei Bedarf einsetzen kann:
"Wahlbetrugskarte": kann zu einer Wahl eingesetzt werden, wo sie einen zusätzlichen Würfel erbringt. Das Sammeln dieser Karten ist mit einem gewissen Risiko verbunden (Haussuchung!). Pro Wahl dürfen höchstens 2 eingesetzt werden.

Klar, dass ein zusätzlicher Würfel die Chance auf Gewinn dieser "Wahl" beträchtlich erhöht. Anderes Beispiel: „Beförderungskarte" dient zur Beförderung eines verdienten Kaders auf die freie ihm unmittelbar vorgesetzte Stelle durch einen höheren Vorgesetzten. Der höhere Vorgesetzte hat diese Karte nach Gebrauch zurückzugeben.

Diese Karte machte auch zeitweilige Koalitionen möglich. Es konnten sich zwei Spieler gegen einen Dritten zusammentun und diesen vom Aufstieg fernhalten. Kamen diese zwei Mitspieler durch derartige Intrigen gemeinsam ins Politbüro, wurden aus Freunden plötzlich Feinde, weil nur einer der beiden Generalsekretär werden konnte. Manchen Aufstieg konnte der Spieler aber nur genießen, wenn er sich für seinen Start den Sicherheitsapparat ausgesucht hatte. So heißt es in einer Karte auch: "Falls der Gewählte dem MdI angehört, darf er einen Mitbewerber einsperren oder einen Gefangenen befreien. Falls er dem MfS angehört, darf er 2 einsperren oder 2 befreien."

Aus Freunden werden Feinde

Viel Mühe verwendete ich darauf, die richtige Höhe und das richtige Gefälle der Machtpyramide zu finden. Wie viele Untergebene soll ein Vorgesetzter haben? Wie steil geht der Weg nach oben? Wie viele Figuren braucht ein Spieler, damit nach ein bis zwei Stunden eine seiner Figuren Generalsekretär wird? Da half nur Probieren. Ich konnte meine Frau Antje und unsere Freundin Elisabeth überreden, die verschiedenen Spielvarianten auszuprobieren. Auch bei der Entwicklung der Ereigniskarten gaben sie mir wichtige Ratschläge. Ein Ereignis konnte zum Beispiel in einem harten Winter bestehen, der zum Stromausfall führt. Konsequenz: der Energieminister wird abgesetzt. Beliebte Ereignisse waren auch: Haussuchungen, Razzien, Aufdecken von Wahlbetrug. Hier ein Beispiel: Ein harter Winter zwingt den Minister für Kohle & Energie, sein Amt einem fähigeren Nachfolger zur Verfügung zu stellen. Dieser ist aus den ranghöchsten Unterstellten zu wählen. 1977 hatten wir einen solchen Winter – das Beispiel war also durchaus real. Eine analoge Ereigniskarte gab es für den Fall einer Missernte, die dem Landwirtschaftsminister das Amt kostete. Er musste sich dann als einfacher Polizist bewähren.

Besonderer Reiz lag in der Bildung von temporären Koalitionen. Das hatte ich mir bei Monopoly, aber auch bei dem Spiel "Risiko" abgeschaut. In solchen Mehrpersonenspielen kommt ein Spieler schneller zum Ziel, wenn er sich zeitweilig mit einem Mitspieler verbündet. Kurz vor Erreichen des Ziels wird dann von dem Stärkeren die Koalition aufgekündigt. Das lässt sich in einem Spiel, bei dem es nur um Hierarchieaufstieg geht, gut abbilden. Die Figuren zweier verbündeter Spieler kommen auf der Karriereleiter schneller voran als die Figuren eines Alleinspielers. Im Gegensatz zum Skat können bei Bürokratopoly die Koalitionen jederzeit aufgekündigt und neu geschlossen werden. Nachteil: bei sensiblen Spielern entsteht dadurch leicht Frust. Auch das musste ich mit Antje und Elisabeth durchspielen.

Irgendwann im Jahre 1984 war es dann soweit, dass ich das Spiel einer gößeren Gruppe von Oppositionellen vorstellen konnte. Nachdem ich lang und breit die Spielanleitung erläutert hatte, blieb nur noch bei einem Teilnehmer eine letzte Frage: Wie viele Jahre gibt es denn für die Teilnahme an diesem Spiel?

Bürokratopoly mit eigener Stasi-Akte

Diese Frage blieb damals unbeantwortet. Im Jahr 2005 stieß ich auf Stasi-Akten, die von dem Spiel Bürokratopoly berichteten. Darin steht:


Inoffiziell wurde bekannt, daß in Kreisen des politischen Untergrundes seit ca. 2 Monaten von einem neuen sogenannten Gesellschaftsspiel mit negativ-feindlichem Charakter namens "Bürokratopoly" gesprochen wird, welches von dem operativ bekannten

B ö t t g e r, Martin
OV "Diplom", BV Berlin, Abteilung XX
entworfen wurde.

Erstmals soll dieses Spiel am 19. 12. 1984 durch
Teichert-Rosenthal, Rüdiger
(geschwärzt: Erfassung durch MfS)

einem größeren Personenkreis vorgestellt worden sein, als sich in der Wohnung von Bärbel Bohley ca. 14 Personen zu einer Zusammenkunft mit dem Bundestagsabgeordneten … versammelt hatten…

So steht es in einem Bericht der Hauptabteilung XX (zuständig u.a. für den "politischen Untergrund") vom 12. Februar 1985.

Nachdem der zuständige Stasi-Offizier in Berlin schildert, wie das Spiel durch einen Spitzel in seine Hände gelangte und er alles mittels XEROX kopieren konnte, schreibt er:

Bei dem sogenannten Gesellschaftsspiel "Bürokratopoly" handelt es sich um ein Würfelspiel, welches auf ironische Weise angebliche Wege zur Erlangung und zum Verlust politischer Macht in der DDR aufzeigt und auf diese Art die gesellschaftlichen Verhältnisse verächtlich macht. (Quelle: Archiv der BStU, MfS – HA XX/AKG Nr. 6849)

Damit lässt sich nun auch die Frage beantworten, wie viele Jahre es 1984 für dieses Spiel möglicherweise gab. Das Strafgesetzbuch der DDR sah dafür Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren vor. Das steht im § 220 (Öffentliche Herabwürdigung). Dort heißt es im Absatz 2: Ebenso wird bestraft, wer Schriften, Gegenstände oder Symbole, die geeignet sind, die staatliche oder öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen, das sozialistische Zusammenleben zu stören oder die staatliche oder gesellschaftliche Ordnung verächtlich zu machen, verbreitet oder in sonstiger Weise anderen zugänglich macht.

Quelle: nachgemacht.de
Quelle: nachgemacht.de

Genau dieses "verächtlich machen" hatte der Stasi-Offizier in seiner "operativen Auswertung" bemerkt und in seinem Bericht an den Leiter der AKG (Auswertungs- und Kontrollgruppe) der Hauptabteilung XX notiert.

Aber das wussten wir damals nicht. Wir spielten mit Risiko. In unserem Spiel gegen die Stasi musste sie sich zähneknirschend auch an bestimmte Regeln halten: Der Grundlagenvertrag von 1973 zum Beispiel oder die Mitgliedschaft in der UNO. Die ständige Anwesenheit westlicher Korrespondenten in Ost-Berlin, Besuche von Bundestagsabgeordneten der GRÜNEN bei Bärbel Bohley und anderen Oppositionellen, auch bei mir, zwangen sie dazu. Der Stasi-Offizier, der die Ironie meines Spiels bemerkte, konnte sich wahrscheinlich auch denken, dass meine Verhaftung am nächsten Tag schon in einer westdeutschen Tageszeitung gestanden hätte. Er wusste: Ich kannte schließlich einige Korrespondenten westlicher Medien. Deshalb durfte er mich nicht ins Gefängnis sperren, sondern ließ es zu, dass sich der Untergrund spielerisch mit dem Gefängnis befasste. Doch das war das besondere Glück meiner Situation. Zu anderen Zeiten oder auch an anderen Orten hätte einen ein solches Spiel auch deutlich mehr kosten können.

Über den Autor: Dr. Martin Böttger, geboren 1947, 1965-1970: Studium der Physik, 1972: Bausoldat, seit den siebziger Jahren in oppositionellen Gruppen aktiv, 1982: Promotion, 1985: Mitbegründer der Initiative Frieden und Menschenrechte, 1989: Gründungsmitglied des Neuen Forum, zuletzt bis 2010 Leiter der BStU-Außenstelle in Chemnitz. Im Moment beschäftigt er sich mit künstlicher Intelligenz.

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