Spielstraße

Auch das Tiny Urban Game nutzt die Straße: Die Spieler müssen ihre Männchen möglichst geschickt rund um eine Straßenkreuzung positionieren. Foto: Sebastian Wenzel
Street Games erwecken Video- und Gesellschaftsspiele zum Leben. Statt Pixelhelden oder Holzfiguren sausen echte Menschen durch Level und über Spielbretter auf Straßen, Gehwegen oder U-Bahnen. Die Teilnehmer haben jede Menge Spaß, ahnungslose Passanten weniger.

Die Mafia erschießt Fanny Nanay in der U-Bahn – irgendwo im Berliner Untergrund zwischen den Haltestellen Hallesches Tor und Stadtmitte. Die Tatwaffe: ein Zeigefinger. Der Mörder: unbekannt.

Das Opfer schleppt sich mit letzter Kraft auf den Bahnsteig. Die Mitfahrer sind geschockt. Angespannte Blicke hetzen von Gesicht zu Gesicht. Niemand hat etwas Auffälliges beobachtet, trotzdem ist einer von ihnen tot. Auch Anne Brammens Augen hasten durch die Bahn. Die unverdächtige Mimik ist die Lebensversicherung der 23-Jährigen. Sie ist ein Mafiosi. Würden Umstehende die Studentin enttarnen, sie würden sie sofort lynchen.

Was blutrünstig klingt, ist ein Spiel, ein Street Game. Es heißt "Train Mafia" und nutzt die U-Bahn von Berlin als Spielfeld, wobei alle Mitspieler sich im selben Wagen versammeln. Street Games übertragen Mechanismen von Video- und Gesellschaftsspielen ins echte Leben.

"Train Mafia" orientiert sich an dem Spieleklassiker "Mafia", der in Deutschland unter dem Namen "Die Werwölfe von Düsterwald" bekannt ist. Jeder Spieler zieht zu Beginn heimlich eine Rolle: entweder Verbrecher oder Bürger. Ziel der Verbrecher ist es, alle Bürger zu töten. Die wollen das verhindern und die Bösewichte ausschalten. Die Mafiosi töten Bürger per Fingerzeig, danach müssen die raten, wer zu den Tätern gehört. Votiert bei einer Abstimmung mindestens die Hälfte aller Spieler gegen eine Person, lyncht der Mob sie. Sie scheidet aus und muss den Bahnwagen verlassen, egal ob Verbrecher oder Bürger.

Natürlich versuchen die Mafiosi den Verdacht von sich auf unschuldige Zivilisten zu lenken. Je länger Train Mafia dauert, umso intensiver das Erlebnis. Wessen Argumente überzeugen? Wer stichelt gegen wen? Wer verhält sich auffällig unauffällig?

Die Zielgruppe: Erwachsene Spielkinder

Dass Menschen im Freien spielen, ist nicht neu. Kinder verstecken sich hinter Bäumen und Büschen, kritzeln mit Kreide Hüpffelder auf die Straße. "Diese Klassiker unterscheiden sich aus drei Gründen von Street Games", sagt Sebastian Quack, 29, Mitorganisator des internationalen Street-Games-Festivals "You are go!", das Mitte Juni in Berlin stattfand. "Erstens nutzen Street Games bauliche Besonderheiten vor Ort und integrieren sie in das Spiel – das können zum Beispiel Straßenampeln, Steinplatten oder Treppen sein. Zweitens richten sie sich eher an Studenten und andere Erwachsene als an Kinder. Drittens entwickeln professionelle Game Designer die Regeln."

Train Mafia haben Douglas Wilson and Lau Korsgaard vom Copenhagen Game Collective erfunden. "Wir mochten die ursprüngliche Spielidee und haben die Regeln leicht verändert. Anstatt im Wohnzimmer spielt Train Mafia nun in der U-Bahn. Das erhöht die Spannung und irritiert ahnungslose Mitfahrer", sagt Korsgaard. Früher wurden Street Games vor allem in den USA gespielt. Inzwischen begeistern sich auch Europäer dafür. In England besuchen jedes Jahr Tausende das Street-Games-Festival Igfest in Bristol. In Deutschland stecken Street Games dagegen noch in den Kinderschuhen: Zu "Your are Go!" kamen etwa 300 Besucher – unter ihnen auch Anne Brammen.

Spielerin Brammen studiert Theaterwissenschaft und ist eine der letzten vier Überlebenden. Sie plaudert, sie flirtet, lächelt mal diesen, mal jenen an. Vielleicht verdächtigt deswegen keiner das blonde Mafia-Girl. Ihre Hände versinken in den Taschen ihrer Jeans. Auch die verbliebenen Mitspieler verstecken ihre Finger. Eine neue Taktik: So soll kein Verbrecher dem Spielleiter mit dem Finger einen Hinweis geben, wer als nächster stirbt. Die Spieler plaudern und bespitzeln sich, sie feixen und misstrauen sich.

"Minesweeper" im Todesstreifen

Street Games sollen vor allem unterhalten. "Der Spaß steht im Vordergrund", sagt Korsgaard. Andere Spiele-Designer versuchen, Politik und Zeitgeschichte einzuweben. Im Herbst vergangenen Jahres gab es an der ehemaligen innerdeutschen Grenze eine "Minesweeper"-Variante. Die Spieler mussten ein Minenfeld überqueren. Beim Tritt auf eine falsche Steinplatte explodierten imaginäre Sprengladungen – symbolisiert durch platzende Luftballons. "Es soll Menschen irritieren und zum Nachdenken anregen, wenn an dem früheren Todesstreifen Minen detonieren. Im Idealfall verändert so ein Street Game nachhaltig wie Menschen einen Ort erleben", sagt Organisator Quack.

Bei "Gentrification: The Game" kaufen die Spieler Grundstücke, indem sie Häuserfassaden fotografieren. Sie entwerfen Werbekampagnen und organisieren Demonstrationen. Ihr Ziel: die Vorherrschaft in der Stadt. Wer gewinnen wird, ist offen. Immobilienmakler oder Bürger? Das Thema polarisiert. Genau wie "CelebrityStalking": Einige Spieler schlüpfen in die Rolle von Stars und flanieren durch die Stadt. Die anderen verfolgen sie als Paparazzi. Der perfekte Schnappschuss gelingt den Fotografen nur, wenn weder die Stars noch deren Leibwächter sie bemerken.

Die Regeln müssen simpel sein – je einfacher, desto besser

Es ist nicht leicht, ein Street Game zu entwickeln, das einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Die Regeln müssen simpel sein. Je einfacher, desto besser und schneller verstehen die Spieler sie. Doch an jedem Ort stehen andere Gebäude, jeder Ort hat eine andere Geschichte. Da Street Games selten mehrmals an einem Platz stattfinden, müssen die Macher kreativ sein. Sie testen ständig neue Ideen, die zu den jeweiligen Städten passen.

So unterschiedlich wie die Mechanismen, sind die Materialen, die zum Einsatz kommen. Für Train Mafia reichen zwanzig beschriftete Papierschnipsel. Bei anderen Street Games kommen Kreide, Spielsteine, Fahnen aber auch Handys, Fotoapparate oder Walkie Talkies zum Einsatz. "Das Interessante an Street Games ist, dass sie sowohl mit modernster als auch ganz ohne Technik möglich sind", sagt Quack.

Haltestelle Westkreuz. Brammen hüpft in die Höhe, reckt ihre Arme in die Luft und lacht. Sie hat ihr Ziel erreicht. Alle Bürger sind tot. Brammens Augen leuchten. Sie fällt ihren Mafia-Komplizen um den Hals. Heute Morgen waren es noch Fremde.

Die nächste U-Bahn fährt ein. Die Opfer und ihre Mörder feiern im letzten Wagon ein Wiedersehen. Fast alle sind sich einig: Es soll nicht das letzte Treffen bleiben. Die meisten haben sich in einen E-Mail-Verteiler eingetragen, um zu erfahren, wann sich die U-Bahn wieder in ein Spielfeld verwandelt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Spiegel Online.

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