Spielen berührt

Das Motto des Spielemarkts Potsdam 2011 lautet "Spielen berührt". Foto: MMchen/photocase.de

Dieses Wochenende findet das Bildungsforum Internationaler Spielmarkt Potsdam statt. Das Motto lautet: Spielen berührt. Was es damit auf sich hat, erklärt Thomas Lösche vom Spielmarktteam in seinem Gastbeitrag.

In unserer Lebensgeschichte spielt Berührung von Anfang an eine wichtige Rolle. Berührungen haben unser Leben ermöglicht und schon früh haben wir erfahren: Wer den Körper berührt, berührt auch die Seele. Unsere ersten Berührungen erleben wir bereits im Mutterleib. In dem tiefsinnigen deutschen Wort "Stillen" spiegelt sich, wie vielschichtig die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse ist. Die erste Welterkenntnis haben wir taktil und spielend erworben und so sind die ersten Berührungserfahrungen das ABC künftiger Gefühle.

Mädchen und Jungen erkunden ihre Umwelt spielend, schmeckend und tastend mit allen Sinnen. Sie werden berührt von Klängen, Gerüchen, Formen, Farben, Blicken und Umarmungen. Die Qualitäten dieser Erfahrungen sind prägend. Nicht immer treffen Kinder und Jugendliche auf den "guten Ort", an dem Berührung zur inneren Stärkung wird. Viel zu häufig ist Körperkontakt Erziehungsmittel in Form von Schlägen und Klapsen, statt Beziehungsmittel in Form von Zärtlichkeit und achtsamer Zuwendung. In unseren Bildungseinrichtungen sind die Möglichkeiten Gefühle auszudrücken, durch äußere Bewegung auch im Inneren in Bewegung zu kommen, stark eingeschränkt. Aber auch außerhalb der Schule reduziert sich die Berührungswelt von Jungen und Mädchen zunehmend auf ergonomische Bedienungsflächen. Die Medienwelt ist eine visuelle Welt.

Körperkult und Berührungsangst

Viele Menschen leben in einem Spannungsfeld zwischen Angst vor dem ihnen fremd gewordenen Körperkontakt und der Sehnsucht danach. Dieser zerrissene Zustand führt nicht selten dazu, dass sie allen Situationen aus dem Wege gehen, die das tiefe Bedürfnis nach äußerer und innerer Berührung wieder spürbar werden lassen. Andererseits steht Körperlichkeit in der Öffentlichkeit und in den Medien hoch im Kurs (Nacktheit, Schönheit, Tätowierung, Piercings, etc.). Man spricht von Körperkult. Eine merkwürdige Spaltung, da die Körperbetonung nicht zu einem natürlicheren Umgang mit Berührung führt. Berührung ist mehr denn je mit Angst besetzt oder verkrampft und auch gewalttätig. Gleichzeitig aber zeigt sich das ungestillte Bedürfnis nach Berührung in einem riesigen kommerzialisierten Markt für körpertherapeutische Angebote, Wellness und Massagen.

Johann A. Comenius, Jean-Jaques Rousseau und Friedrich Fröbel haben schon vor Jahrhunderten erkannt, dass Spiel Ressourcen für die pädagogische Arbeit zur Verfügung stellt. Maria Montessori wurde vom selbstvergessenen Spiel eines Kindes so berührt, dass sie später daraus ein Kernstück ihrer Pädagogik entwickelte: "Nichts geht in den Verstand, was nicht vorher in den Händen gewesen ist". Körperkontakt und Berührung dienen nicht nur unserer Welterkenntnis, auch unser Selbstvertrauen wird gestärkt, wir fühlen uns angenommen und lebendig. Berührung ist unsere präverbale Sprache, die wir noch verstehen, aber verlernt haben zu sprechen.

Berührung in der pädagogischen Arbeit

In der Verbandsarbeit wird pädagogische Arbeit auf vielfältige Weise von ehrenamtlichen Jugendlichen verantwortet. Ihre Unbekümmertheit, Spontaneität und Leichtigkeit ist oft ein großer Gewinn in der Arbeit mit Gruppen. Immer mehr Juleica-Fortbildungen qualifizieren Ehrenamtliche im achtsamen Umgang mit Nähe und Distanz und im spielerischen Umgang mit Körperkontakt, damit auch in Zukunft Berührung bei Spiel, Sport und Theater angstfrei möglich ist.

Wo Kinder berührt sind braucht es Erwachsene die Kindern ermöglichen, ihre Themen spielend auszudrücken. Kinder verarbeiten im Spiel Tageseindrücke, innere Spannungen, Ängste und Überschwang. Familie ist der Ort, wo Kinder die Möglichkeit haben ihre Themen zu spielen, auszudrücken was sie berührt, aber auch lust- und lautvoll miteinander in Kontakt zu kommen.

Kinder, die sog. Waldkindergärten besuchten, sind nach einer Studie der Universität Heidelberg fantasievoller, hilfsbereiter, einfühlsamer und weniger aggressiv. Die selbstverständliche, kontinuierliche und spielerische Begegnung mit der Natur berührt Kinder im Inneren und fördert wichtige motorische und sozial-emotionale Kompetenzen. "Lernen durch begreifen" ist eine sich lohnende Option über den Kindergarten hinaus auch für die Schule.

Arno Combe und Werner Helsper schreiben den ersten gegengeschlechtlichen Berührungen, oft getarnt als Mutprobe, eine wesentliche Rolle beim Aufbau einer sozialen Identität zu. Die Sprache der Berührung zwischen Jungen und Mädchen muss zumindest in diesem Kontext wie eine Fremdsprache neu gelernt werden. Wo sich Jungen und Mädchen permanent Begegnen, wie z.B. in der Schule, ist es wichtig, einen begleiteten Rahmen für solche Begegnungen zur Verfügung zu stellen.

Im Bereich des Sports wird es zunehmend darum gehen, den Körper nicht nur als "Leistungsträger" zu definieren. Die deutsche Turnbewegung steht historisch betrachtet schnell unter dem Verdacht der "Ertüchtigung". Körpererziehung im besten Sinne, sowie Gesundheitsförderung durch Lust und Laune am gemeinsamen Bewegen, wo Körpergefühl und Körperkontakt im Schutz von Regeln möglich wird, ist eine gesellschaftlich sehr verantwortungsvolle Aufgabe des Breitensports.

Die Kirchen berühren traditionell Menschen bei den existenziellen Themen wie Leid, Tod und Trauer oder bei kirchmusikalischen und festlichen Anlässen wie Weihnachten, sowie bei Taufen und Eheschließungen. Die religionspädagogische Arbeit hat Konzepte und Potentiale zur Verfügung, wie z.B. Rituale zu Festen und Übergangssituationen, Meditation, Stille, Kirchraumpädagogik und Bibliodrama um Menschen ganzheitlich zu berühren. Das breite Bedürfnis vieler Menschen nach ganzheitlicher, spiritueller Erfahrung und Berührung, wird zukünftig in der religionspädagogischen Arbeit vermehrt Berücksichtigung finden.

Im sozial- und freizeitpädagogischen Bereich ist bereits in der Ausbildung von Sozialarbeiterinnen und Erzieherinnen eine klare Wende hin zu mehr spiel- und theaterpädagogischen Methoden, sowie Körperarbeit und Umweltpädagogik notwendig. Kinder und Jugendliche werden sich und ihre Umwelt besser begreifen, wenn wir ihnen die Möglichkeiten bieten mit Kopf, Herz und Hand Themen unserer Zeit zu berühren.

Hintergrund: Das Team des Bildungsforums Internationaler Spielmarkt Potsdam erwartet 2011 tausende Fachbesucher und interessante Referenten aus Deutschland und dem angrenzenden Ausland. Am 6. und 7. Mai, täglich von 10.00 bis 18.00 Uhr in Potsdam-Hermannswerder.

Tipps zum Weiterlesen und -spielen:


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Ein Kommentar zu “Spielen berührt

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