Spieleautoren in der DDR: “Der Buchbinder hatte immer Reste”



Die ehemaligen DDR-Bürger Wolfgang Großkopf und Lothar Schubert teilten nicht nur ihre Leidenschaft für das Kopieren von Gesellschaftssppielen aus dem Westen, sondern sie entwickelten auch zahlreiche Spiele selbst. Es war jedoch schwierig, diese an einen Verlag zu verkaufen und produzieren zu lassen. Martin Thiele und Michael Geithner sprachen mit Lothar Schubert über die verspielten Seiten der DDR.

Hinweis: Das Interview erschien erstmalig in dem Buch "Nachgemacht – Spielekopien aus der DDR". Neben Stefan Wolle, dem wissenschaftlichen Leiter des DDR-Museums; Bernward Thole, Gründer des Deutschen Spielearchivs und Cynthia Schönfeld, Direktorin Deutsches Spielemuseum Chemnitz, hat auch der zuspieler.de-Chefredakteur Sebastian Wenzel darin einen Beitrag veröffentlicht. Interessierte können das Buch im Fachhandel kaufen oder bei Amazon bestellen.

Wie sah die Spielelandschaft in der DDR aus?
Sie war sehr dröge und trocken. Es gab eine gewisse Menge an Kinderspielen. Aber darauf beschränkte sich im Wesentlichen das Angebot. Das waren vor allen Dingen Mensch ärgere Dich nicht Varianten, also Laufspiele in denen man ausschließlich würfeln und setzen musste. Dann und wann kamen mal ein paar originellere Spiele auf den Markt, aber die waren dann meistens schlecht produziert. Man konnte kaum damit spielen, ohne sich zu ärgern, dass alles so schlecht verarbeitet war.

Ich hatte manchmal den Eindruck, dass es den Leuten, die das produzierten, einfach egal war. Sie bekamen ja ihr Geld, egal ob sie es verkauften oder nicht. Aber vielleicht konnten sie es damals auch nicht besser, weil die entsprechenden Maschinen nicht da waren. Ich war bei Plasticart und habe mir mal die Spieleproduktion dort angeguckt und war erschüttert, wieviel damals noch in Handarbeit hergestellt wurde. Die haben die Spielkartons noch mit den Handballen gefalzt. Naja, und am Ende kam eben nicht viel dabei raus. Wenn es dann mal ein gutes Spiel gab, dass auch etwas aufwändiger gearbeitet war, dann war das ganz schnell weg und für die normale Bevölkerung kaum zu erreichen.

Gab es in der DDR auch Spieleautoren?
Das war ja das Schlimme: Es gab Autoren, wie zum Beispiel Wolfgang Großkopf oder mich selbst. Ich hatte ja sogar Spiele an Plasticart und Berlinplast verkauft, die dann aber nie auf den Markt kamen. Das war enttäuschend, muss ich ehrlich sagen. Klar, ich habe das Geld bekommen, aber trotzdem hoffte man natürlich, dass die etwas draus machen. Es war ja nicht so wie jetzt, dass die Spieleverlage von Autoren überschwemmt werden. Aber vielleicht hatten die damals auch nicht das Gefühl, was ein gutes Spiel ausmacht. Vielleicht hatten sie auch nicht die Möglichkeit, gewisse Spieleideen in ihrer Produktion umzusetzen. Und wenn, war das in der sogenannten Konsumgüterproduktion. Das war dann so richtiges Gerümpel.

Wussten Sie, wie zur gleichen Zeit die Spielewelt der BRD aussah?
Ja. Während meines Studiums hatte ich Kontakte in die Studentengemeinde und diese hatte über ihre Kirche Spiele aus dem Westen. Diese haben wir uns dann ab und zu mit ins Studentenwohnheim ausgeliehen. Mit den Westspielen hatte man schon etwas ganz anderes auf dem Tisch liegen — das war für einen persönlich bis dahin unerreichbar. Nach dem Studium hatte ich Kollegen, die waren zu Zeiten der DDR schon in der Bundesrepublik und haben natürlich immer Aufträge gekriegt, Kataloge mitzubringen. Dadurch wusste ich schon ungefähr, was drüben los war. Und dann habe ich 1982 das Glück gehabt, den Herrn Großkopf kennenzulernen. Er hatte Verwandte in der Bundesrepublik und damit zum Teil Originalspiele. Außerdem hatte er zu dieser Zeit schon Spiele aufwendig und solide nachgebaut und selbst Spiele für die heimischen Spielrunden hergestellt.

Hatten nur Sie das Gefühl, dass gute Spiele nahezu unerreichbar sind?
Ich glaube was Spiele angeht, war die Bevölkerung nicht so interessiert. Ich hatte zwar ein paar Leute gefunden, die diese Leidenschaft teilten, das war aber eher die Ausnahme. Trotzdem waren gerade diese Bekanntschaften sehr nützlich. Ich hatte zum Beispiel einen Spielefreund, der arbeitete im Plastewerk und hat mir oft Plasteteile zum Weiterverarbeiten zukommen lassen, logisch (lacht). Irgendwo musste man die Bauteile für die Spiele ja herbekommen. Das Bauen dieser Spiele hat mir ja genauso viel Spaß gemacht wie das spätere Spielen. Und wenn das Spiel dann eine entsprechende Qualität hatte, hat man es auch gerne in die Hand genommen und die Kinder wollten immer wieder damit spielen.

Erklären Sie mal den ganzen Prozess von Konzeption bis Fertigstellung. Wie sind Ihre Spiele entstanden?
Das hat schon eine Weile gedauert. Ich habe mir zum Teil extra Werkzeuge anfertigen lassen, um genaue Formen auszustanzen — mein Vater hat damals im Stahlwerk gearbeitet. Alles andere habe ich dann mit der Hand ausgesägt und ausgeschnitten, anschließend bemalt oder beklebt. Zu sehen, wie es sich nach und nach entwickelt, war dann auch der Spaß daran.

Das Wichtige für den Anfang war, die Grundmaterialien zu beschaffen: ordentliche Holzbretter oder gute Pappen. Das war gar nicht so leicht: Die Pappen mussten eine gewisse Stärke haben. Sie konnten nicht einfach die Pappe von der Rückseite des Schulblocks nehmen. Ich habe damals auch von Großkopf den Tipp bekommen, wo man gute Pappen findet: Beim Buchbinder. Der Buchbinder hatte immer Reste. Ich habe mir dann immer gleich mehrere geben lassen, so dass ich genügend da hatte — auch in verschiedenen Größen. Die haben die auch meistens einfach abgegeben ohne das sie was dafür bezahlt haben wollten. Auch Leinen-Bänder bekam man dort, um die Klapptechnik des Spielbretts zu basteln. Das war nichts anderes als der Stoff für die Rückseite der Bücher — sowas gab es normal nicht zu kaufen. Diese Klapptechniken waren hervorragend und hielten auch viel länger als die Falzstellen bei den üblichen DDR Spielen. Andere Spielmaterialien und auch solches glänzende Papier bekam ich zum Beispiel von Plasticart direkt. Bei Plasticart wurden damit die Spielekartons bespannt. Das hat sich gut geeignet, da es auch abwischbar war. Das waren in etwa meine üblichen Materialien.

Und dann ging es ans Werk?
Richtig. Wobei das auch nicht ohne war. Man brauchte die richtigen Techniken und vor allem den richtigen Leim. Gescheiten Leim gab es ja nicht. Den habe ich damals auch vom Herrn Großkopf bekommen: Chemilat D1301 — übrigens auch in der Originalflasche, der klebt sicherlich heute noch. Dieser Leim war nirgendwo zu haben. Riecht streng — ließ sich jedoch ausgezeichnet verarbeiten. Wichtig war zu beachten, die Faserrichtung des Papiers entgegen der Faserrichtung des Papiers auf der Gegenseite der Pappe zu kleben, da sich sonst irgendwann der Spielplan wellte. Das ist dann die Erfahrung. Und man kann sehen: meine Spielpläne sind noch immer gerade.

Haben Sie nach der Wende aufgehört, Spiele zu basteln?
Nein, ich habe nach der Wende weiterhin Spiele gebaut. Sowohl eigene Spiele, die ich mir selbst ausgedacht habe, als auch andere Spiele, die ich besonders interessant finde. Aber meistens geht es dann darum, eine eigene hochwertige Variante herzustellen, eben bevor ich das Original kaufe. Nur die Spielmaterialien, die muss ich heute nicht mehr zusammen hamstern, sondern kann sie ganz einfach im Laden oder über das Internet kaufen.

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