Spiel sucht Straße

Die Entwicklung von Street Games ist eine kreative und künstlerische Herausforderung. Im Idealfall macht das Ergebnis Spaß und vermittelt den Spielern unbekannte Aspekte ihres Wohnortes. Foto: bastografie/photocase.com

Die Spielfigur zögert. Ihr rechts Bein baumelt über dem Feld. Die Zehenspitzen wackeln, ein Fuß senkt sich langsam auf den Boden. Nur das Gebrüll der vorbeirauschenden Autos ist zu hören, ein Knall bleibt aus. Der menschliche Pöppel atmet durch, dreht seinen Kopf zum Spielleiter. Dieser nickt. Glück gehabt. Das Feld ist sauber. Günter, so heißt unsere Figur, darf weiterziehen. Schritt für Schritt näher an das Ziel mitten auf der Oberbaumbrücke in Berlin.

Früher trennte hier die Mauer Ost und West. Heute ist die ehemalige Grenze ein Spielbrett. "Macht Spiele" heißt die Veranstaltungsreihe von Invisible Plaground. Der Verein organisiert Street Games. "Spiele in der Stadt, die an Traditionen von Gelände-, Gesellschafts- und Computerspielen anschließen. Inspiration dafür ist eine Reihe von Festivals, die sich in den vergangenen Jahren in den USA und England entwickelten. Street Games übertragen Spaß, Spannung und Engagement aus Computer- und Brettspielen in die echte Welt", schreiben die Macher im Internet.

Unterschiedliche Spiele, unterschiedliche Zielgruppen
Das Menschen im Freien spielen ist nicht neu. Im Mittelalter versteckten sich Kinder hinter Bäumen und Büschen, im zwanzigsten Jahrhundert kritzelten sie mit Kreide Spielbretter auf die Straße und heute benutzen nicht nur jugendliche Schatzsucher GPS-Geräte für die Schnitzeljagd – Geochaching heißt das Fachwort dafür. "Trotzdem unterscheiden sich solche Spiele von Street Games", sagt der Spieleforscher Sebastian Quack.

SG: Unterschied Streetgames zu Geochaching und Kinderspielen

Quack ist Medienkünstler, Game Designer und Programmierer. Er erfindet und testet gerne Street Games – zum Beispiel auf der Oberbaumbrücke. Dort steht er neben Günter und kontrolliert dessen Schritte. Die Hand des Wissenschaftlers umklammert einen Block, auf dem das Muster der Bodenplatten nachgezeichnet ist. Einige Felder sind auf dem Papier markiert. Tritt Günter auf ein solches, explodiert eine imaginäre Bombe. Günter muss zurück an den Start. Inspiration für das Street Gams war das Computerspiel Minesweeper. Aber auch Brett- oder Kartenspiele sind für Quack Ideenlieferanten.

SG: Brettspiele als Inspiration für Streetgames

Ein unlösbares Dilemma
Street Games sollen vor allem unterhalten. "Der Spaß steht im Vordergrund. Ich möchte, dass die Teilnehmer auch neue Leute kennen lernen und ihre Stadt auf eine andere Weise erleben", sagt Quack. Er hat an seine Street Games außerdem einen politischen und gesellschaftlichen Anspruch. "Es ist sinnvoll, sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen und sich nicht in virtuelle Räume abzukapseln." Es irritiert, wenn auf der Oberbaumbrücke, der ehemaligen Grenze, plötzlich Bomben explodieren. Im Idealfall rege das zum Nachdenken an. Dabei leiden Street Games unter demselben Dilemma wie Brettspiele.

SG: Sebatian Quack über Streetgames

Die Idee für Street Games kommt aus den USA. 2004 haben sich dort erstmals Spiele-Entwickler am Times Square getroffen und miteinander gespielt. In Deutschland tapsen Street Games noch in den Kinderschuhen. In England mobilisieren Gruppen wie Hideandseek oder das Igfest bereits tausende Menschen. Auf den Veranstaltungen testen Kinder und Senioren über mehrere Tage die unterschiedlichsten Spiele. Wie das aussieht, zeigt das folgende Video.

Typisch für die Feste ist, dass viele unterschiedliche Street Games auf der Tagesordnung stehen. Dies ist ein Grund, warum sich Street Games von klassischen Brett- und Kartenspielen unterscheiden. Bei letzteren feilen Autoren und Redakteure mitunter jahrelang an den Regeln. Schließlich gilt es, den Spielspaß zu maximieren. Dieses Ziel haben die Macher von Street Games ebenso. Aber wenn man gehässig ist, könnte man ihre Spiele als Wegwerfware bezeichnen. An jedem Ort stehen andere Gebäude, atmet ein anderer Hauch der Geschichte. Da Street Games selten mehrmals an gleichen Plätzen stattfinden, müssen die Macher kreativ sein. Sie testen ständig neue Ideen, die zu den Flecken passen. Dabei hat jeder unterschiedliche Vorstellungen vom perfekten Street Game. Sebastian Quack verrät seine im folgenden O-Ton:
SG: Sebastian Quack sagt, was ein gutes Street Game auszeichnet

Mit und ohne Technik
Wie Street Games zum Beispiel aussehen, zeigt sich in Berlin. Beim “Oberbaum Minesweeper” stapfen menschlichen Pöppel durch ein Minenfeld in das Zentrum der Brücke. Bei “Havel oder Spree” versuchen sich drei Konzerne, gegenseitig ihren Giftmüll unterzujubeln. Bei "Dance Patrol” bewachen sechs Patrouillen die Brücke. Ihre Schwäche: Hören sie Musik, müssen sie mit geschlossenen Augen tanzen. Diesen Moment nutzen Durchläufer, um an den Wachen vorbeizurennen.

So unterschiedlich wie die Ideen und Konzepte sind die Materialen, die zum Einsatz kommen. Die Laufwege der Patrouillen sind mit Kreide auf den Boden gekritzelt. Ihre Radios werden mit umgebauten MP3-Playern aktiviert. "Das interessante an Street Games ist, dass sie sowohl mit viel als auch mit wenig Technik funktionieren", sagt Quack.

SG: Welche Technik und Werkzeuge kommen bei Streetgames zum Einsatz?

Für "Oberbaum Minesweeper" brauchten die Macher nur Kreide und ein Blatt Papier. Günter steht drei Felder weiter als zu Beginn der Geschichte. Erneut senkt sich sein Bein vorsichtig auf den Boden. Boom. Quack sticht mit einer Nadel in einen Luftballon. Eine Mine ist explodiert. Günter muss zurück zum Start. Er grinst.

Tipps zum Weiterlesen und -sehen:


Dir gefällt der Artikel? Dann unterstütze uns. Empfiehle den Beitrag Deinen Freunden und klicke auf das Werbebanner. Pro Klick verdienen wir einige Cents. Vielen Dank.

Werbung

3 Kommentare zu “Spiel sucht Straße

  1. Hi Sebastian,

    find ich sehr cool, dass du Invisible Playground zum Interview geben hast.

    Dein Blog habe ich mal in meine Blogrolle aufgenommen, ich finde es mit seiner Struktur und seinem Spektrum sehr interessant 🙂 Oh, ich sehe, du hast auch einen Facebook-Account?! Würde gerne mit dir mal in Kontakt kommen 😀

    Viele Grüße, Lutz

    • Hi Lutz,

      danke für die Aufnahme in die Blogrolle. Um mit mir in Kontakt zu kommen, schreib mir doch einfach eine E-Mail. Meine Daten findest du im Impressum von zuspieler.de. Alternativ kannst Du auch gerne einfach mal zu einem Spieleabend vorbeikommen. Wir treffen uns (fast) jeden Dienstag.

      Grüße
      Sebastian

Online-Spiele:

Jenga, Kniffel, Mastermind, Schach, Vier gewinnt und Tangram. Mehr Spiele findest Du auf der Übersichts-Seite.
 
 

Aktion: