Spiel, Satz und Sieg

In einem 3-tägigen Workshop treffen im März Dichter und Künstler auf Produkt- sowie Spieldesigner. Foto: Sebastian Wenzel

Deutschland, Nation der Dichter und Denker, Republik der Poeten und Lyriker. In jedem von uns steckt ein Wortakrobat – soweit zumindest das Klischee. Was das mit Spielen zu tun hat? Das Festival PoesieFrühling ruft Menschen auf, mit Sprache zu spielen und Worte in einen neuen Kontext zu heben. Interessierte erhalten dabei Unterstützung von Spieldesignern und Literaturwissenschaftlern. Im Interview verraten die Macher, warum Scrabble nichts mit Poesie zu tun hat, was ein gutes Poesiespiel auszeichnet und welche Gemeinsamkeiten Spiele und Poesie haben.

Fällt das Wort Poesie, denken die meisten Menschen wahrscheinlich an Gedichte. Für Euch ist Poesie aber mehr, nämlich die Kunst der Sprache. Was verbirgt sich hinter dieser Definition?
Nicola Caroli: “Poesie ist für mich nicht mehr als Gedichte. Gedichte sind im besten Fall Sprachkunstwerke. Ich befasse mich aber nicht nur mit dem Verfassen von Gedichten, sondern in erster Linie mit der interdisziplinären, räumlichen und sinnlichen Umsetzung davon. Ich gebe Gedichten einen neuen Raum. Ziel ist es, Gedichte erlebbar zu machen außerhalb eines literarischen Kontextes und damit an den Ursprung von Poesie anzuknüpfen.”

Was hat Poesie mit Spielen zu tun?
Mehtap Akdemir: “Poesie und Spiele haben gemeinsam, daß sie Regeln festlegen und brechen. Die Regeln sind dazu da, um sich auf das Spielen einlassen zu können. Beim Spielen wird die Kreativität gefördert und die Fantasie angeregt. Man hat zum Beispiel bunte Bauklötze und kann daraus die verschiedensten Gebilde formen. In der Poesie nimmt man Worte, probiert mit ihnen rum. Setzt sie zusammen, tauscht hier eines aus, setzt da eines ein und schafft in diesem Prozess Klänge und Bilder.

Beim Spielen lernt man sich selbst und andere kennen. Man schlüpft in die Rolle eines anderen und muss plötzlich versuchen anders zu denken und Dinge neu zu betrachten. Mit der Poesie ist es ähnlich. Sie birgt einen Erkenntniswert in sich, nämlich die Möglichkeit die Welt und Gefühle durch eine andere Perspektive zu betrachten und die Sprache immer wieder neu kennenzulernen.”

Anfang März findet in Berlin das Labor "Poesie und Spiele" statt, das Du mit Freunden organisierst. Der Literaturwissenschaftler Dr. Klausnitzer erklärt darin, wie Poesie aus Sprachspielen entsteht. Für alle, die es nicht in die deutsche Hauptstadt schaffen. Wie lauten die wichtigsten Thesen des Vortrags?
Catherine Launay: “Wir können die Hauptthesen noch nicht nennen, weil die Vorbereitungen noch laufen, aber wir erwarten Antworten oder zumindest Anreize zu diesen Fragen: Inwiefern ist Sprache ein Spiel? Was sind die „Spielregeln“ von Sprache und wie verhalten sich diese in der Dichtung? Was ist Poesie? Sind Sprachspiele per se poetisch oder was macht aus Sprachspielen Poesie? Wie verhalten sich Poesie und Spiel zueinander? Natürlich dürfen anschauliche Beispiele nicht fehlen. Und toll wäre es, wenn Dr. Klausnitzer sowie die anderen Vortragenden einen Spielvorschlag machen könnten.”

Während des Seminars lauschen Interessierte nicht nur Vorträgen, sondern entwickeln selbst Konzepte für Poesiespiele. Wodurch zeichnet sich ein gelungenes Poesiespiel aus?
Mehtap Akdemir: “Da erwartet wohl jeder von uns etwas anderes. Ein gelungenes Poesiespiel soll dazu anregen mit Sprache zu spielen. Es soll zur Ausdrucksförderung beitragen, in dem es den Umgang mit Sprache bewusster macht. Eventuell verleitet es einen auch dazu selbst poetische Stilmittel auszuprobieren.

Poesiespielzeuge können bestimmte Themen behandeln, zum Beispiel deutsche oder englische Poesie; die Biographie eines Dichters oder ein bestimmtes Gedicht benutzen. Man kann damit etwas über Poesie lernen wie beispielsweise bei Trivial Pursuit oder ein Gedicht lernen beispielsweise durch eine Memoryvariante oder ein Puzzle. Möglich ist auch, selbst Poesie zu schaffen nach dem Vorbild von Scrabble oder mit einem Kartenspiel. Natürlich soll es auch spannend sein und einem Lust auf mehr machen.”

Eine Jury wählt die drei besten Konzepte. Deren Autoren erhalten Unterstützung bei der Umsetzung ihrer Ideen in die Realität. Wie sieht diese konkret aus?
Nicola Caroli: “Es wird eine Prämie geben, in Form materieller Zuwendung. Der genaue Betrag hängt von der Förderung ab. Außerdem stehen wir während der Umsetzungsphase so gut wir können mit Rat und Tat zur Seite. Wenn es dann soweit ist, kennen wir auch genug Leute, die gerne ein solches Spiel ausprobieren würden.”

Wo und bis wann können sich Interessierte für das Seminar anmelden?
Nicola Caroli: “Anmeldung per E-Mail unter: poesiefruehling@poem-space.com mit Betreff "Poesie & Spiele" bis 15. Februar 2011.”

Zum Abschluss weg von eurer Veranstaltung und hin zu den Klassikern: Vielspieler denken beim Begriff "Sprach-" oder "Wortspiele" sicherlich zuerst an Scrabble, Tabu oder Boggle. Inwiefern haben diese Werke etwas mit Poesie zu tun?
Catherine Launay: “Diese Spiele haben wenig mit Poesie zu tun. Bei Scrabble geht es zum Beispiel nicht darum, etwas mit Sprache zu schaffen, zu entdecken oder Verknüpfungen herzustellen. Ziel ist es nur mit vorhandenen Worten aus vorhandenen Buchstaben eine hohe Punktzahl zu erreichen. Scrabble ist aber eine gute Vokabularübung.”

Tipps zum Weiterlesen und -spiele

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