SOS aus aller Welt

Psychologen stellen immer wieder fest, dass Spielen eine eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung von Kindern besitzt. Foto: Alexander Gabriel/SOS-Kinderdörfer weltweit

Gummitwisten auf afrikanisch, Fädenverknüpfen wie auf Tahiti oder Schlangen bekämpfen in einer mexikanischen Grube. Die Edition "Spiele aus aller Welt" zeigt, womit Kinder rund um den Globus sich die Zeit vertreiben. Die Idee für die Sammlung stammt aus dem Alltag der SOS-Kinderdörfer. Dort ist das gemeinsame Spielen ein wichtiger Aspekt der Arbeit. Warum das so ist, erklären der internationale pädagogische Leiter, Christian Posch, seine Kolleginnen Bianca Helfer und Lisa Ullmann im Interview.

Warum ist Spielen für Kinder wichtig?
„Spielen ist für sie eine wesentliche Form, sich auszudrücken und zu artikulieren. Jungen und Mädchen greifen gemachte Erfahrungen im Spiel immer wieder auf und können sie so verarbeiten. Kinder erkunden im Spiel die Welt. In Spielräumen machen sie Risikoerfahrungen und loten ihre eigenen Grenzen aus. Sie sind dabei Hauptakteure ihrer eigenen Welt und übernehmen unterschiedliche Rollen, mit denen sie sich kurzzeitig identifizieren. Außerdem begegnen sich Kinder im Sozialraum Spiel, in dem sie auf ihre Weise kommunizieren.“

Welchen Stellenwert nimmt Spielen in der Pädagogik der SOS-Kinderdörfer ein?
„Wird ein Kind in ein SOS-Kinderdorf aufgenommen, müssen wir davon ausgehen, dass es aus einer schwierigen Familie kommt. Oft sind die Kinder geprägt von Vernachlässigung und wurden psychisch oder physisch missbraucht. Wir achten bewusst darauf, dass die jungen Menschen sich in der neuen Umgebung wohl und sicher fühlen. Das ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass ein Kind Kind sein kann. Dazu gehört auch das Spielen. Es liefert einen Beitrag zu einer positiven ganzheitlichen Entwicklung. Deshalb wird dafür in den SOS-Kinderdorf-Einrichtungen explizit Raum geschaffen. In unseren Familienstärkungsprogrammen, die einen großen Teil unserer Arbeit weltweit ausmachen, sind wir darum bemüht, das nötige Umfeld für Spielen zu fördern.“

Wie wirkt sich das auf die oft traumatisierten Kinder aus?
„Wie effizient die Art des Spielens in der Spieltherapie oder der -pädagogik ist, hängt vom individuellen Menschen ab. Psychologen stellen immer wieder fest, dass das Kinderspiel sehr komplex ist. Es besitzt eine zentrale Bedeutung für die gesamte kindliche Entwicklung. Offensichtlich handelt es sich dabei um eine der wichtigsten Aktivitäten innerhalb der Kindheit.“

Lassen sich durch Spiele seelische Wunden behandeln oder heilen?
„Kleine Kinder stellen ihre negativen und positiven Erfahrungen spontan spielerisch dar. Für sie ist das eine wichtige Form, sich zu artikulieren. Mit Zeichnungen, Rollenspielen, Singen oder Tanzen drücken Kinder Ereignisse, Gefühle sowie etwaige Lösungsmöglichkeiten aus. Das ,zum Ausdruck bringen’ des Erlebten hat eine positive Wirkung auf das psychische Wohl der Kinder. Es ist zudem eine gute Möglichkeit für Erwachsene, mit dem Kind zu kommunizieren und etwas über seine Gedanken und Emotionen zu erfahren.“

SOS-Kinderdörfer existieren in mehr als 130 Ländern. Gibt es internationale Unterschiede beim Spielen oder sind die Grundprinzipien rund um den Globus gleich?
„Kinder spielen überall auf der Erde. Es scheint ihnen unabhängig vom kulturellen Hintergrund ein natürliches und angeborenes Bedürfnis zu sein. Etwas prinzipiell Menschliches liegt also im Spielverhalten verborgen. In tendenziell jeder Kultur kommen solche Tendenzen wie Machtgehabe, strategisches Verhalten, Nachsicht, Versöhnung, aber auch geschlechtsspezifische Verhaltensweisen zum Ausdruck.“

Machtgehabe klingt aggresiv. Fördert das gemeinsame Spiel denn das Miteinander in den Dörfern und SOS-Familien?
„Ja. Wenn eine SOS-Kinderdorf-Mutter mit Kindern spielt, schafft sie eine gute Basis für das Zusammenwachsen der einzelnen Familienmitglieder, von denen oft jedes unterschiedlich sozialisiert ist. Auf der Ebene des Spiels können Hürden im täglichen Zusammenleben überwunden werden – und Hürden gibt es genügend in einer Familie, in der der Großteil der Kinder die Nicht-Würdigung ihrer Rechte und Bedürfnisse erlebt habt.“

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