So wird man Spieleautor

Andrea Meyer ist eine erfolgreiche Spieleautorin. Fotos: Sebastian Wenzel, Matthias Enter, fotolia.de. Montage: Sebastian Wenzel

Spieleautoren haben es schwer: Sie verdienen in der Regel weniger als Buchautoren und es gibt keine einheitliche Ausbildung für ihren Beruf. Trotzdem träumen zahlreiche Menschen davon, ihr Spiel in den Regalen stehen zu sehen. Doch wie kommt es dahin und wie wird Mann oder Frau Spieleautor beziehungsweise -autorin? Martin Ebel und Andrea Meyer kennen die Antwort.

Jeder kennt ihn, mancher fürchtet ihn: den Spieleabend im Freundeskreis. Sind die Frauen in der Überzahl, wird häufig Tabu gespielt, vielleicht auch das Spiel des Jahres 2010, Dixit, oder andere kommunikative Spiele. Sind nur Männer Anfang 20 präsent, dauern die Spiele niemals unter drei Stunden und Gespräche jenseits des Spielgeschehens werden mit Ausschluss aus der Runde bestraft. Und natürlich wollen Männer jedes Regeldetail genau wissen, während die Frauen schon bei der grundlegenden Erklärung quatschen. Mindestens einer kann nicht gut verlieren, und das Pärchen da drüben spielt sowieso immer nur für einander. Kurzum: Für viele steht der Spieleabend ganz unten auf der Liste der Freizeitvergnügen

Hier spielt Deutschland

Doch oft ist alles ganz anders: Da treffen sich Erwachsene, die gerne spielen, und genießen es, gemeinsam vier oder fünf Stunden lang diverse unterschiedliche Spiele zu spielen. Mindestens einer hat vorher die Regeln gelesen und verstanden und bringt den anderen das Spiel nahe. Und am Ende ist man fast traurig, dass der Abend vorbei ist, aber zum Glück trifft man sich schon nächste Woche wieder. www.spielbox.de verzeichnet allein in Berlin über 150 Spieleclubs und –personen, die regelmäßig Spieleabende veranstalten.

Doch Spielen findet auch in der Öffentlichkeit statt, zum Beispiel bei den Bremer Spieletagen, die die Volkshochschule ausrichtet, oder bei den vielerorts etablierten vorweihnachtlichen Spielepräsentationen, wo man ausprobieren kann, was man vielleicht verschenken möchte. Anderswo schaffen Bibliotheken Spiele an, Spieliotheken wie in Marl bieten eine breite Auswahl an Spielen zum Verleih, in Nürnberg finanzieren Stadt und Messe das Deutsche Spielearchiv, das von Bernward Thole und seinem Team aufgebaut wurde. Spielerische Themenwochen finden statt, so in Kassel zum Thema „Spiel und Alter“, in Herne betreibt die Stadt ein Spielezentrum, und im Rahmen von „Köln spielt“ wird auch schon mal im Zoo das Spielbrett ausgepackt.

Zu guter letzt gibt es verschiedene Institutionen, die das Spielen fördern, die Jury Spiel des Jahres, die Fachgruppe Spiel als Zusammenschluss der Verlage, der Merz-Verlag mit seinen Internationalen Spieltagen in Essen und dem Deutschen Spielepreis, die Europäische Spielesammlergilde und die Spiele-Autoren-Zunft (SAZ). Dazu kommen oft frühzeitig ausgebuchte Spielereisen. Ein Wochenende oder eine Woche lang bevölkern 100 oder 150 Spielebegeisterte ein Hotel oder eine Jugendherberge und spielen rund um die Uhr. Was aber ist am Spielen besonders, dass Menschen dafür Urlaube „opfern“ und offensichtlich viel Spaß haben?

Jede und jeder von uns hat mal gespielt – im freien Spiel als Kleinkind, später auch im Regelspiel, beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht, Malefiz und Monopoly. Und doch haben viele nach der Pubertät aufgehört zu spielen. Dabei können Spiele viel mehr, als „nur“ beim Erlernen gesellschaftlicher Regeln zu helfen. Sie bieten einen geschützten Raum, um sich auch in ungewohnten Rollen auszuprobieren – wer rettet z.B. im täglichen Leben Prinzessinnen, entwickelt das Nildelta oder tötet Werwölfe? Im Spiel werden Sozialkompetenz, verbale und nonverbale Kommunikation und Einfühlungsvermögen erlernt und verbessert – alles Qualifikationen, die im täglichen Miteinander hilfreich sind. Wer spielt, bekommt einen besseren Blick für gruppendynamische Prozesse und versteht, warum andere Menschen andere Interessen haben als man selbst. Sich bewusst eine Auszeit von der realen Welt zu nehmen; sich an gemeinsam akzeptierte Regeln halten, das will erlernt werden. Und auch nach dem Spiel wieder gelassen mit Sieg oder Niederlage umgehen zu können und letztlich die Zeit des gemeinsamen Spiels als das Ergebnis anzusehen, ist ein Lernprozess, der selbst einigen Erwachsenen immer noch schwer fällt. Wirklich „Spielen“ können ist eine Kunst. Und: Nur wer spielt, kann auch Spiele entwickeln.

Der Weg zum eigenen Spiel

„Wie wird man eigentlich Spieleautorin?“ In fast jedem Gespräch ums Spielen wird uns diese Frage früher oder später gestellt. Dass auch Spiele von Autoren entwickelt werden, ist für die meisten Menschen eine Überraschung. Wie also wird man Spieleautorin? Viel spielen hilft auf jeden Fall. Wer viel spielt, erfährt viel über Spiele, über Spieleentwicklung, über Dilemmata und über Spielregeln. Und er lernt Mechanismen kennen, gängige Themen ebenso wie besondere Kniffe beim Balancieren des Spiels oder bei Wertungen.

Aber wie wird man es denn nun …? Es gibt bis heute keinen einheitlichen Ausbildungsgang zum Spieleautor. Schauen wir uns in den Reihen der Verdächtigen um, so entdecken wir viele Menschen mit pädagogischem, mathematischem und juristischem Hintergrund. Aber auch Geographinnen und Sozialarbeiter haben berufsmäßig Zugang zu Spielen. Spieleautorinnen sind in der Lage, im Raum „schwebende“ Ideen zu entdecken, zu greifen und zu bearbeiten. Wolfgang Kramer, ein deutscher Erfolgsautor, sagt dazu: „Fünf Prozent sind Inspiration und 95 Prozent Handwerk“.

Spieleautor wird man, indem man Spiele entwickelt und vorzeigt. Dem Ausprobieren mit verschiedensten Spielergruppen folgt die Überarbeitung, das erneute Testen, bis schließlich ein fertiger Prototyp vor einem liegt. Kommt der bei verschiedenen Spielern gut an, kümmert man sich um die Veröffentlichung. Manche gründen dazu Eigenverlage. Andere bieten ihre Spiele etablierten Verlagen an, bei Spieleautorentreffen, später dann auch im direkten Kontakt mit den Redaktionen. Und sie besuchen Seminare für Spieleautoren, die Deutsche Spieleautorentagung oder kontaktieren die Spiele-Autoren-Zunft (SAZ).

Und sie spielen, zum Spaß, aber auch, um die Werke anderer Autoren zu analysieren und – wenn sie ansprechend sind – zu zitieren. Dabei geht es nicht um das gefürchtete Abkupfern, der größten Angst des Neulings, der als erstes – vergeblich – versucht, seine Idee zu patentieren. Sondern darum, verantwortungsbewusst mit Werken anderer umzugehen und gegebenenfalls eigene Quellen zu benennen. Erfahrungsgemäß fliegt ohnehin auf, wer Konzepte anderer ungefragt übernimmt. Und hat anschließend große Schwierigkeiten, in der recht kleinen Spielebranche noch einen Fuß an den Boden zu bekommen.

Spieleautoren verdienen in der Regel weniger als Buchautoren

Kann man mit der Entwicklung von Spielen reich werden? Ja und nein. Während der Autor oder die Autorin des jährlich gekürten Spiels des Jahres und des Kinderspiels des Jahres durchaus mit hohen Einnahmen rechnen darf, freuen sich viele Autoren schon, wenn ihr Spiel über die Startauflage von 3.000 Spielen hinaus erneut gedruckt wird. Und wenn dieses Spiel für zwanzig Euro im Laden zu kaufen ist, bekommt die Autorin davon pro verkauftem Exemplar in der Regel zwischen dreißig und siebzig Cent, deutlich weniger als ein Buchautor.

Dennoch gibt es sie, die hauptberuflichen Spieleautoren. Und zwar häufiger, als die meisten ahnen. Neben den üblichen Verdächtigen, Klaus Teuber („Die Siedler von Catan“), Wolfgang Kramer und Reiner Knizia gibt es insbesondere in der Generation der 30- und 40jährigen einige Spieleautoren, die hauptberuflich von ihrer Kreativität leben. Sie finanzieren sich über eigene Verlage oder darüber, gleichzeitig viele Lizenzverträge zu haben. Und dann gibt es noch jene „im Schatten“, die Werbespiele konzipieren und Spielkonzepte nicht nur für Schachtelspiele verkaufen. Zahlen dazu, wie viele haupt- und nebenberufliche Spieleautoren und -autorinnen es gibt, sind nicht bekannt, aus unserer Sicht ist dies ein lohnenden Forschungsfeld. Sicher ist: Die Professionalisierung bei den Spieleautorinnen und -autoren schreitet voran. Das ist gut – für die Spiele, aber auch für die Kreativität und die Interaktion in unserer Kultur.

Der Artikel erschien zuerst in politik und kultur – Zeitung des Deutschen Kulturrates. Martin Ebel ist Sozialarbeiter, Supervisor in der Jugend- und Altenarbeit, Spieleautor; Spielesammler und -animateur. Andrea Meyer ist Spieleautorin und -verlegerin sowie Gesellschafterin der Fachtagung Spieleautoren GbR.

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