„Rücke vor bis zu den Domtürmen“

"Ein Rheinreisespiel". Verlag Jos. Scholz, Mainz, 1924. Sammlung Scholtz, Mainz. Foto: LVR-Industriemuseum, Jürgen Hoffmann

Bonn. Rhein, Wein, Mägdelein, dazu noch die Rüdesheimer Drosselgasse mit beschwipsten oder schon torkelnden Zechern – und fertig ist das perfekte Rhein-Klischee. Selbiges wurde vor rund 100 Jahren in deutschen Landen auf farbenprächtigen Brettspielen von Jung und Alt mit Begeisterung beschworen. Diese Rheinspiele waren außerordentlich populär, boomte doch damals die Rhein-Touristik. Das Bonner Stadtmuseum präsentiert nun in seiner Dependance, im Ernst-Moritz-Arndt-Haus, eine wirklich faszinierende Ausstellung über historische Rheinspiele, die schon 2009 mit großem Erfolg im Binger „Museum am Strom“ gezeigt wurde. Rund 80 Brettspiele, Kartenspiele und Quartette von 1816 bis 2000 sind zu sehen. Ein besonders schönes, die „Rheinreise“ aus dem Verlag Jos. Scholz von 1910, ist sogar überdimensional auf dem Fußboden im ersten Raum aufgebracht worden, so dass die Spieler sich Schaumstoffwürfel greifen können, würfeln und dann stromabwärts von Mainz nach Köln reisen.

Ein Lied – drei Felder weiter

Es ist eher unwahrscheinlich, dass der vermeintliche Erfinder des aus den USA stammenden „Monopoly“-Spiels, Charles Darrow, sich bei dem deutschen Brettspiel „Die Rheinreise“ oder ähnlichen Rheinspielen bedient hat, das Spielsystem ist aber ähnlich. Geht man bei „Monopoly“ über „Los“ und streicht 4000 Moppen ein, kommt man hier auf das Feld 21, muss den Anfang des Loreley-Liedes – „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten “ – trällern und darf dafür drei Felder weiterrücken. Blöde Situation für die Carusos, die Raureif auf den Stimmbändern haben und keinen Pieps hervorbringen: Zwar müssen sie ihr Spielfigürchen nicht zurück nach Mainz setzen, während die Mitspieler schon die ersehnten Kölner Domtürme von weitem ausmachen, fallen aber paar Felder zurück.

Auffallend ist bei vielen Rheinspielen die Liebe zum Wein. Bei der besagten „Rheinreise“ von 1910 muss man auf einem Feld einen Schoppen leeren, und bei dem Spiel „Frohe Rheinfahrt“ aus dem Jahre 1956 wird man auf den Ereignisfeldern häufig mit den Folgen von „Weinseligkeit“ konfrontiert („hat einen Kleinen sitzen“). Bei diesen Spielen aus den 1950er Jahren ist noch eine frappierende Sorglosigkeit bei den Blutalkoholwerten festzustellen. Bei einem Spiel heißt es gar: „Zu tief ins Glas geschaut, fährt mit dem Auto weiter!“ Kein Schupo mit dem Pusteröhrchen weit und breit – waren das noch Zeiten!

Deutscher Hurra-Patriotismus im Kaiserreich wurde um 1900 auch bei den Rheinspielen gepflegt. Kam man auf das Feld des protzigen Niederwalddenkmals oberhalb von Rüdesheim, wurde dem Spieler sogleich der glorreiche Sieg über die Franzosen anno 1870 / 71 näher gebracht. Politik spielte auch nach dem Ersten Weltkrieg eine Rolle – nur andersherum: Wurde 1910 noch der Sieg über den Erbfeind bejubelt, spürte man beim „Ruhrspiel“ von 1923 die Folgen des Versailler Vertrages und die schmerzliche Ruhr-Besatzung 1923 durch die Franzosen. Sieger dieses Spiels war der, der sich am schnellsten aus dem besetzten Ruhrgebiet „herauswürfelte“.

Engländer loben Bonn

Ein echtes Schätzchen ist das älteste Stück der Ausstellung: das aus dem Londoner Verlag Wallis stammende „Panorama of Europe“ aus dem Jahre 1816. Dieses aufwändig gestaltete, handkolorierte Spiel dokumentiert die unbändige Reiselust der Engländer im 19. Jahrhundert; schließlich gelten sie als die „Erfinder“ der Rheinromantik und des Rhein-Tourismus. Das Brettspiel entführt den Spieler durch ganz Europa und natürlich auch an den Rhein. Und welche rheinische Stadt wird als einzige „gestreift“? Mainz, Rüdesheim, Bacharach, Köln . . .? Nee, Bonn! „A beautiful town, the streets are wide“, heißt es lobend. Breite Straßen? Na ja, wohl nur für den englischen Flaneur des 19. Jahrhunderts und nicht für die Berufspendler des 21. Jahrhunderts auf der ewig verstopften B 9 . . .

Hintergrund: Ernst-Moritz-Arndt-Haus; Adenauerallee 79; die Ausstellung ist bis zum 24. Juli zu sehen; geöffnet mittwochs bis samstags 13 bis 18 Uhr, sonntags 11.30 bis 17 Uhr; Eintritt 2,50 / 1,60 Euro.

Der Artikel von Bernward Althoff erschien zuerst in der Bonner Rundschau.

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