Post an Wagner

Foto: Gortincoiel, photocase.com
Der Journalist Franz Josef Wagner schreibt gerne offene Briefe. Mal an die Bundeskanzlerin, mal an den Atomausstieg, mal an Gurken, Tomaten und Kopfsalate. Am 9. September (Update: Es muss natürlich November heißen. Danke an ths für den Hinweis.) hat er an den Poker-Weltmeister geschrieben. 8,72 Millionen US-Dollar hat der Deutsche Pius Heinz mit seinem Sieg beim wichtigsten Poker-Event der Welt gewonnen. Jetzt ist er in den Worten von Wagners Hausblatt, der Bild-Zeitung, Poker-Papst. Sozusagen das Oberhaupt der Poker-Anhänger. Ist das Glück? Können? Zufall? Über die Antwort auf die Frage streiten Experten. Für Wagner ist jedoch klar, dass Pius nur Glück gehabt hat. Er fragt in seinem Brief außerdem: Was für Kinder kriegen wir, wenn der Poker-Weltmeister ihr Held wird? Taschengeld verpokern am Schulhof?” Wir widersprechen der Meinung von Wagner entschieden – ganz standesgemäß in einem offenen Brief.

Lieber Franz Josef Wagner,

Sie sind deutlich über 60, Boulevard-Journalist aus Deutschland. In der Bild-Zeitung haben Sie einen Brief an den Poker-Weltmeister geschrieben und unfassbare 117 Wörter (765 Zeichen).

Sind Sie jetzt ein Jauch, ein Kister, eine Anne Will, ein Diekmann? Empfängt Sie der Bundespräsident?

Nein, natürlich nicht. Schwadronieren, faseln, schwafeln sind keine Werte.

Sie mögen ein toller Typ sein. Cool, nervenstark. Aber als Poker-Versteher taugen Sie nicht.

Wann beginnt das Poker Verstehen? Es beginnt bei den Kindern. Sie fragen sich: Was für Kinder kriegen wir, wenn der Poker-Weltmeister ihr Held wird?

Mathematik-Genies, die blitzschnell Wahrscheinlichkeiten ausrechnen? Analytiker, die sich in Ihr Gegenüber hineinversetzen?

Ich weiß, dass ich jetzt den klügsten Satz meines Briefes schreibe: Das Leben ist kein Glücksspiel.

Herzlichst
zuspieler.de

So weit, so boulevardesk. Widmen wir uns zum Abschluss des Artikels noch einer etwas ernsteren Analyse des Problems. Ist Poker ein Glücksspiel?

Der Gesetzgeber schreibt im Glücksspielstaatsvertrag:

  • „Ein Glücksspiel liegt vor, wenn im Rahmen eines Spiels für den Erwerb einer Gewinnchance ein Entgelt verlangt wird und die Entscheidung über den Gewinn ganz oder überwiegend vom Zufall abhängt.“

Hängt bei Poker die Entscheidung über den Gewinn ganz oder überwiegend vom Zufall ab? Das kommt erstens auf die gespielte Variante an. Beim Draw Poker sieht jeder Spieler nur seine eigenen Karten. Der Glücksfaktor ist somit wesentlich höher als bei Varianten mit offenen oder gemeinsamen Karten. Beschränken wir uns in unserer Analyse also auf die beliebteste Variante: Texas Hold’em. Pius gewann darin seinen Weltmeistertitel.

 

Glück- oder Geschicklichkeitsspiel?

Wenn der Zufall bei Texas Hold’em über Sieg oder Niederlage entscheidet, müsste ein zufällig agierender Spieler in einer Wettkampfsituation bestehen. Er müsste in 50 Prozent der Fälle gegen normal agierende Spieler gewinnen. Gewinnt er jedoch beispielsweise nur in 30 Prozent der Fälle, wäre Texas Hold’em kein Glücks-, sondern ein Geschicklichkeitsspiel.

Die TÜV Rheinland Secure IT GmbH hat genau das getestet und ist laut Rechtsanwalt Dr. Wulf Hambrecht zu folgendem Ergebnis gekommen: “Dieser Test hat ergeben, dass Durchschnittsspieler die zufällig handelnden Spieler signifikant schlagen. Die Aussagekraft (Signifikanz) der Testergebnisse für die Gesamtbeurteilung des Spiels wurde nach stochastischen Methoden positiv festgestellt. Damit wurde bewiesen, dass Texas Hold’em in den untersuchten Serienspielvarianten ein Geschicklichkeitsspiel ist.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Profis berücksichtigen unter anderem die mathematische Wahrscheinlichkeit der Kartenverteilung, das Verhalten ihrer Mitspieler und die Sitzreihenfolge am Tisch.

Das scheinen auch die Redakteure der Bild-Zeitung zu wissen. Im Internet verraten die Journalisten Poker-Anfängern Tipps. Dort steht: “An Spielgeld-Tischen erlebt man es oft, dass Anfänger gleich in der ersten Runde All-in gehen, also ihr gesamtes Chip-Guthaben setzen. […] Mit diesem Verhalten zeigen Sie, dass Sie Pokern für ein reines Glücksspiel halten – der größtmögliche Faux-Pas!”

Links rund um das Thema:

  • Zum Lesen: MauMau ist laut Gericht ein Glücksspiel
  • Zum Sehen, Hören und Lesen: Alle zuspieler.de-Artikel über Kartenspiele
  • Externer Link: Homepage von Pius Heinz

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    14 Kommentare zu “Post an Wagner

    1. Schöner Konter, wahrscheinlich wird Herr Wagner das nicht lesen, und wenn, wird es ihm leider egal sein. Beim Pokern sollte übrigens noch, in Turnieren und Sit and Gos, die Turnierposition bzw. die Stackhöhe berücksichtigt werden 🙂

    2. Man sollte den Wagner nicht verurteilen. So eine Kolumne bei Springer (wo er regelmäßig alles rauslassen kann) kostet die Solidargemeinschaft deutlich weniger, als die in solchen Fällen übliche Rund-um-die-Uhr-Betreuung in einer entsprechenden Einrichtung. Ein weiterer Vorteil: So lange er schreibt, kann er niemandem beißen oder so.

      • Volle Zustimmung! Man sollte aber vielleicht noch eine Möglichkeit schaffen, ihm die Veröffentlichung seines Senfes

        vorzutäuschen. Immerhin sind die Schmerzen, die einen beim Lesen seiner Texte befallen, real.

    3. Beckenbauer war also “so ein Held”, Uwe Seeler auch. Was für Kinder kriegen (haben?) wir, wenn Fußballer ihre Helden sind?
      Blutgrätschen am Schulhof? Fußball spielen statt Hausaufgaben machen?
      Und sollte man die “Helden” Schumacher und Vettel nicht für die vielen Raser auf Deutschlands Straßen zur Verantwortung ziehen?

      Nein, Fouls, Auf-den-Rasen-Spucken und überhöhte Geschwindigkeit sind keine Werte.

    4. der Wettbewerb war doch nicht am 9. September, sondern am 9. November?
      oder kann FJW in die Zukunft sehen und hat 2 Monate vorher schon geschrieben?
      Da ich die Bild-Zeitung nicht lese, weiß ich nicht, was zutrifft 😉

    5. Hallo ths,

      danke für den Hinweis. Die Kolumne ist am 9. November und nicht am 9. September erschienen. Ich habe es im Artikel korrigiert.

      Grüße
      Sebastian

    6. Sie nehmen diesen Schmierfinken zu ernst, er hat diese Aufmerksamkeit nicht verdient.

    7. Naja, man darf trotz aller Mathematik nicht vergessen, dass die meisten Spieler (auch die guten) nicht alle gespielten Karten zählen können und die Wahrscheinlichkeiten durchrechnen. Und selbst wenn sie es tun, sind es eben nur Wahrscheinlichkeiten. Ich als Nicht-Spieler haben schon öfter semiprofessionelle Freunde abgezockt, obwohl ich schlicht keine Anstalten gemacht habe, besondere Kniffe anzuwenden. Ich hatte einfach Glück, dass ich ein paar Mal gute Karten bekam und mein Gegenüber nicht. Und ich hatte Glück, dass er mich nicht einschätzen konnte, weil ich immer fröhlich gesetzt habe, egal ob ich nur Luschen auf der Hand hatte oder eine Flöte.

      Ja, es ist kein reines Glücksspiel, aber ein Geschicklichkeitsspiel würde ich es auch nicht nennen, wenn man nicht gerade mit aufregenden Mischtricks punkten kann^^.

      Ein Spiel ist für mich dann kein Glücksspiel, wenn Können – auch bei einem Einzelspiel – fast immer (nehmen wir mal die üblichen 95%) über Glück siegt. Das ist weder bei Poker (egal welche Variante), noch bei Mensch-ärger-Dich-nicht gegeben. Das sind für mich Glücksspiele. Theoretisch kann sogar ich ein Profi-Turnier gewinnen, wenn ich nur genug Glück habe…viel Glück^^

      Das ändert natürlich nix daran, dass Wagner nur Brei im Hirn hat und diesen gerne in den Spucknapf namens BILD ergießt.

      • Nach ihrer Definition gibt es recht wenig Spiele, die nicht Glücksspiel sind – Tic Tac Toe, Mühle und Schach. Selbst Skat wäre dann ein Glücksspiel – was ja ziemlich Quatsch ist.

        Bei allen Spielen mit Karten und Würfeln gibt es einen Glücksfaktor, das macht aber diese Spiele nicht zu Glücksspielen. Gerade das Einschätzen der eigenen Gewinnchancen (Chance -> Wahrscheinlichkeit) macht ja dort das Können aus. Beim Pokern kommt noch das Spielen “des Gegners” hinzu – es ist möglich ein ganzes Pokerturnier zu gewinnen mit einem einzigen guten Blatt. DAS wäre dann nicht GLück, sondern Psychologie und Geschick 😉

        • @Peter
          Richtig, nach der Definition von All-out, wäre alles, wo Würfel oder Karten beteiligt sind, Glücksspiele. Und ich finde: Genau so ist es.

          Zugegeben, der Anteil des Glücks ist unterschiedlich. Und natürlich kann ein guter Pokerspieler viel mehr aus schlechten Karten machen als ein schlechter. Aber welche Karten er bekommt, kann er nicht beeinflussen. Schach passt in die Aufreihung beispielsweise nicht hinein. Da haben beide Spieler anfangs die gleichen Figuren. Wenn sie sich bei einer geraden Zahl von Spielen in der Eröffnung abwechseln, ist kein Glücksfaktor mehr drin – nur noch Können.

    8. Ja, es ist kein reines Glücksspiel, aber ein Geschicklichkeitsspiel würde ich es auch nicht nennen, wenn man nicht gerade mit aufregenden Mischtricks punkten kann

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