Politik ist stumpf

Bei Machtwechsel nehmen die Spieler die Regierungsbildung selbst in die Hand. Fotos: heptagon-Verlag, Anweber, photocase.com. Montage: Sebastian Wenzel

Mit dem Kartenspiel Machtwechsel nehmen Jugendliche die Regierungsbildung selbst in die Hand. Dabei begegnen sie ehemaligen Bundeskanzlern und lernen das politische System Deutschlands kennen. zuspieler.de hat sich für euch in den Bundestag und an den Spieltisch gesetzt – und wäre dabei beinahe eingeschlafen.

Deutschland im Herbst 2009. Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel lächeln um die Wette. Sie grinsen von Plakaten und Bühnen. Auch im Fernsehen verbreiten die Politiker gute Laune. Sie versprechen dem Volk mal dieses, mal jenes. Eines haben der Staatsmann und die Staatsfrau jedoch gemeinsam. Beide befinden sich im Wahlkampf. Beide träumen vom Amt des Regierungschefs. Und beide kämpfen um jede Stimme, um ihren Traum zu verwirklichen. Der Haken an der Sache: Die Bürger können weder Steinmeier noch Merkel direkt wählen. Den Regierungschef wählt in Deutschland das Parlament, also der Bundestag. Dort hat entweder eine Partei alleine oder eine Koalition mehrerer Parteien das Sagen.

Genau darum geht es auch beim Kartenspiel Machtwechsel von Ralf Krause. Die Spieler sammeln je nach Auftrag zum Beispiel schwarze, gelbe oder rote Karte. Die Farben stehen wie in der Wirklichkeit für die CDU/CSU, FDP oder SPD. Jeder Spieler muss entweder einer Partei eine alleinige Mehrheit verschaffen oder eine Koalition aus mehreren Parteien bilden. Wem das als erster gelingt, wird neuer Regierungschef und gewinnt das Spiel. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg.

Petra Kelly trifft Franz-Josef Strauß

Foto: Sebastian Wenzel
Von jeder farbigen Karte lächelt ein Politiker. Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, trifft auf Helmut Kohl, der von 1982 bis 1998 als Kanzler regierte. Petra Kelly, Gründungsmitglied der Grünen begegnet dem ehemaligen bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß. Neben dessen Gesicht steht wie auf jeder Karte ein markantes Zitat des jeweiligen Politikers: „Irren ist menschlich, aber immer irren ist sozialdemokratisch“, behauptete das CSU-Mitglied einst. Ludwig Erhard, der zweite Bundeskanzler in der Geschichte Deutschlands, sagte: „Ein Kompromiss, das ist die Kunst einen Kuchen so zu teilen, dass jeder meint, er habe das größte Stück bekommen“. Petra Pau, die für die Linke momentan im Bundestag sitzt, wird im Spiel mit folgenden Worten zitiert: „Die größten Anschläge auf das Grundgesetz kommen von Sicherheitsfanatikern.“

Neben den bunten Politiker- wirbeln Ereigniskarten den Spielablauf und die Regierungsbildung durcheinander. Mit der Karte „Der Guillaume“ spionieren die Spieler die Handkarten eines Konkurrenten aus, eine Anspielung auf den DDR-Agenten Günter Guillaume. Der Spitzel arbeitete als persönlicher Referent des damaligen Kanzlers Willy Brandt und hatte so Zugang zu geheimen Akten. Beim „Bürokratieabbau“ müssen alle Spieler so lange Karten abwerfen, bis sie nur noch zwei in den Händen halten. Das ist schlecht und verkehrt die Realität ins Gegenteil. In der Wirklichkeit jubeln Bürger über den Bürokratieabbau und ärgern sich nicht wie im Spiel darüber. Auch über die Wende freut sich die Mehrheit der Deutschen. 1989 fiel die Mauer, ein Jahr später die DDR. Deutschland war wieder einig Vaterland. Im Spiel zwingt die Karte „Die Wende“ einen Mitspieler zur Abkehr von seinen politischen Prinzipien. Er muss eine neue Auftragskarte ziehen und schlimmstenfalls wieder von vorne anfangen. So bewirken in der Realität positive Ereignisse im Spiel genau das Gegenteil. Sie bremsen das Spiel aus, statt es zu beschleunigen.

Keine Kaufempfehlung

Vermittelt das Spiel Machtwechsel nur Wissen und macht überhaupt keinen Spaß? Hätte ein Politiker diesen Text verfasst, schriebe er bestimmt: Es komme darauf an. Für manche beginne der Spaß, wo für andere der Spaß aufhöre. Da der Autor dieser Zeilen jedoch ein Journalist ist, fällt er die Antwort eindeutiger aus. Alle, die auf dröge Bundestagsdebatten stehen, können bedenkenlos zugreifen. Eine Runde Machtwechsel ist genauso spannend langweilig wie 0815-Diskussionen im Parlament. Alle anderen sollten die Finger von Machtwechsel lassen. Dafür passiert in den knapp dreißig Minuten Spielzeit einfach zu wenig. Das liegt unter anderem daran, dass es ewig dauert, bis die Spieler ausreichend passende Karten auf der Hand halten. Schuld daran ist nicht nur das schlechte Mischungsverhältnis zwischen Ereignis- und Politikerkarten.

Wie man politische Machtspiele richtig umsetzt, zeigen Vincent Tsao, Ben Grossman und Eric Goldberg mit Junta. In dem Spiel kämpfen Nachwuchspolitiker nicht um den Einfluss im Parlament, sondern putschen sich in der „República de las Bananas“ direkt an die Spitze des Staates. Dass hat zwar erstens thematisch (fast) nichts mit der Geschichte Deutschlands zu tun. Und zweitens ist es in einer Demokratie keine legitime Form der Machtergreifung. Aber das steht auf einem anderen Spielblatt.

Übrigens: Machtwechsel von Ralf Krause ist im heptagon-Verlag erschienen. Es eignet sich laut Verlagsangaben für zwei bis sechs Spieler ab zwölf Jahren. Wir raten jedoch davon ab, Machtwechsel nur mit zwei Personen zu spielen.

Dieser Artikel erschien erstmals im Auftrag des Goethe-Instituts.

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