“Planspiele sind nachhaltiger als PowerPoint”

Eric Treske, 43 Jahre, Inhaber "intrestik - Organisation & Planspiel". Foto: intrestik

Herr Treske, Sie entwickeln im Auftrag von Accor Planspiele für Direktoren, Fachkräfte und Azubis. Sind die Angestellten der Hotelgruppe nicht ausgelastet oder warum spielen sie während der Arbeitszeit?
Ganz im Gegenteil: Sie haben alle Hände voll zu tun. Unsere Planspiele kommen bei Schulungen zum Einsatz. Sie helfen den Mitarbeitern, Alltagsaufgaben effektiver zu meistern und das wirtschaftliche Wohl der gesamten Gruppe im Auge zu behalten.

Wie funktioniert das in der Praxis?
Beim Planspiel "Full House" managt jeder Teilnehmer eine Hotelmarke. Alle versuchen ihre Zimmer möglichst gut auszulasten. Von einem Kartenstapel deckt ein Teilnehmer die oberste Karte auf. Darauf sind potentielle Gäste abgebildet – zum Beispiel eine Senioren-Reisegruppe aus Bergisch Gladbach. Die Spieler müssen sich in 90 Sekunden entscheiden: In wessen Haus sollen die Gäste einchecken? Theoretisch kann jeder die Urlauber beherbergen – vorausgesetzt, die Mitspieler lassen das zu. Findet die Gruppe in 90 Sekunden keine gemeinsame Lösung, fährt der Bus mit den Senioren weiter. Die Karte kommt aus dem Spiel, eine neue wird aufgedeckt.

Bei "Full House" managt jeder Teilnehmer eine Hotelmarke. Mit dem Planspiel lernen Direktoren bei Accor, nicht nur auf ihr Hauses, sondern auf das wirtschaftliche Wohl der gesamten Unternehmensgruppe zu achten. Foto: intrestik

Wo ist da der Lerneffekt?
Die Spieler könnten die Touristen in ein Luxushotel einquartieren, in dem das Zimmer 250 Euro pro Nacht kostet. Wahrscheinlich wären die Urlauber aber auch mit einem preiswerteren Angebot in einem Standardhotel zufrieden. Das Luxushotel hätte dann noch Kapazitäten für russische Millionäre frei, die auf einer späteren Karte auftauchen.

Echte Gäste verhalten sich anders als fiktive Touristen. In der Realität beeinflussen außerdem Faktoren wie Messen die Zimmerpreise- und -auslastung.
Wie jedes Planspiel ist "Full House" eine Simulation und damit ein Modell der Wirklichkeit. Am Anfang schimpfen die Teilnehmer: 90 Sekunden seien zu wenig Zeit. Im Laufe des Spiels optimieren sie den Abstimmungsprozess und treffen immer schneller Entscheidungen. Jetzt kann der Spielleiter den Schwierigkeitsgrad und den Bezug zur Realität erhöhen. Die Senioren-Gruppe könnte während einer Messe anreisen oder bereit sein, sich aufzuteilen. Das ist der zweite Lerneffekt: Wenn ich mich gut mit meinen Kollegen abstimme, geht ziemlich viel in 90 Sekunden. So erleben die Spieler Revenue Management im Zeitraffer.

Warum diese Erkenntnis nicht mit PowerPoint an die Wand projizieren? Das vermittelt sie schneller und direkter als ein Planspiel.
Planspiele machen Lernziele erlebbar. Damit sind sie wesentlich nachhaltiger als ein Spruch auf einer PowerPoint-Folie.

Accor schult mit "Full House" bei Führungskräften den Blick fürs große Ganze. Wofür kann man Planspiele noch einsetzen?
Zum Beispiel, um Organisationsstrukturen zu verbessern oder Botschaften im gesamten Unternehmen zu kommunizieren. Bleiben wir bei Accor. Bevor das Unternehmen ein all seasons-Hotel eröffnet, vermittelt ein Planspiel den zukünftigen Mitarbeitern die Philosophie der Marke.

Laut eigenen Angaben beschäftigt Accor etwa 1.700 Auszubildende in Deutschland. Rechnen sich Planspiele auch für Unternehmen mit weniger Mitarbeitern?
Ja. Generell lohnen sich Planspiele für fast jedes Unternehmen. Kleinere Firmen sollten aus Kostengründen auf Standard-Spiele zurückgreifen. Diese lassen sich mit wenig Aufwand an eigene Bedürfnissen anpassen. Für Firmen ab 50 Mitarbeitern kann es sich rechnen, wenn Profis ein individuelles Planspiel entwickeln.

Was kostet eine maßgeschneiderte Lösung?
Das kommt auf den Einzelfall an. Etwa 5.000 Euro sollte man einkalkulieren. Nach oben gibt es fast keine Grenze. Ich kenne Kollegen, die komplexe elektronische Planspiele entwickeln. Sie kalkulieren dafür bis zu 120.000 Euro.

Es gibt zahlreiche Agenturen, die Planspiele fürs Gastgewerbe entwickeln. Wo finden Interessierte professionelle Anbieter?
Im Planspielfachverband SAGSAGA haben sich Branchen-Profis zusammenschlossen. Außerdem lohnt es sich, auf Empfehlungen von Kollegen zu hören. Wer auf der Suche nach kreativen Spiele-Ideen beispielsweise für ein Give-Away ist, kann sich an die Spiele-Autoren-Zunft (SAZ) wenden. Deren Mitglieder haben sich nicht auf die Entwicklung von Plan-, sondern Gesellschaftsspielen spezialisiert.

Hintergrund: Planspiele simulieren die Realität und vermitteln auf spielerische Art und Weise eine Botschaft. Es handelt sich also um eine Lehr-Lern-Methode. Sie ermöglicht es den Teilnehmern, in einer fiktiven aber realitätsnahen Umwelt Erfahrungen im (gemeinsamen) Handeln zu sammeln. Accor schult mit Planspielen Führungskräfte und Auszubildende. Planspiele kommen nicht nur im Gastgewerbe zum Einsatz. Auch in anderen Branchen sind betriebswirtschaftliche Planspiele bekannt.

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