Vorwürfe gegen Asmodée

Der Spieleautor Reinhard Staupe ist sauer. Er wirft den französischen Verlagen Asmodée und PlayFactory sowie dem US-amerikanischen Lizenznehmer Blue Orange vor, seine Spiel-Idee zu kopieren. Laut Staupe seien “Dobble” (Asmodée) sowie “Spot it” (Blue Orange) in Grundzügen identisch mit seinem Spiel “Kunterbunt”. Ob diese Anschuldigungen berechtigt sind, werden Richter klären müssen. zuspieler.de dokumentiert die Vorwürfe von Staube und druckt seinen offenen Brief.

Anmerkung der Redaktion: Ursprünglich lautet die Überschrift dieses Artikels “Plagiatsvorwürfe gegen Asmodée. Günther Cornett erklärt in seinem Kommentar, warum dieser Titel inhaltlich falsch war. Danke für den Hinweis.

“Respekt im Umgang mit Ideen – unser aller Kapital”

Ein offener Brief von Reinhard Staupe

“Seit nahezu zwanzig Jahren entwickele ich Spiele. Ich habe mit Dutzenden von Verlagen wunderbar zusammengearbeitet, und mit vielen Leuten aus den verschiedensten Bereichen verbindet mich seit langer Zeit ein netter Kontakt, ja häufig sogar ein freundschaftliches Verhältnis. Die Spielebranche ist so etwas wie eine kleine überschaubare Familie. Man kennt sich und geht respektvoll miteinander um. Meistens.

Kurz nach "Essen 2010" erhielt ich von mehreren Leuten die Information, dass Asmodée bzw. Blue Orange Games ein Spiel namens Dobble veröffentlicht hat (bzw. Spot it in den USA), das in Punkto Idee/Konzept/Spielmechanik identisch mit meinem Spiel Kunterbunt sei. Kunterbunt war mein allererstes veröffentlichtes Spiel und ist seit 1995 erfolgreich am Markt vertreten, u.a. bei FX Schmid und Ravensburger, aktuell bei Amigo, Gigamic (Colori, Frankreich) und Playroom Entertainment (Catch the Match, USA).

Dass hin und wieder parallele Entwicklungen und vereinzelt auch mal nahezu identische Veröffentlichungen bereits existierender Spiele vorkommen, ist angesichts der vielen tausend Spiele fast unvermeidlich. So lange eine Duplizität unbeabsichtigt geschieht, man im Falle eines Falles offen miteinander kommuniziert und nach einer konstruktiven Lösung sucht, die die Rechte des ursprünglichen Urhebers berücksichtigt, ist das alles kein Problem. Nicht akzeptabel ist es jedoch, wenn seitens des Nachahmers jegliche Gesprächsbereitschaft abgeblockt, fadenscheinig begründet und die Leistung des Ersterfinders nicht anerkannt wird.

An dieser Stelle sei gleich vorweg auf ein positives Beispiel verwiesen, wie der Umgang mit bereits vorhandenen Spielen und Mechanismen aussehen sollte. In der Spielregel von Bruno Faiduttis großartigem Ohne Furcht und Adel bedankt sich Hans im Glück ausdrücklich bei Marcel-André Casasola-Merkle und Adlung-Spiele für die freundliche Genehmigung, das Verteilungselement aus dem Spiel Verräter verwenden zu dürfen. Das heißt also: man hat miteinander gesprochen! Man erkennt die Leistung des Ersterfinders an! Man arbeitet respektvoll zusammen! So muss das sein! Verglichen mit Kunterbunt/Dobble ist Ohne Furcht und Adel übrigens Lichtjahre von Verräter entfernt!

Um dies ausdrücklich zu betonen: Ich schildere hier ausschließlich meine ganz persönliche Meinung. Es geht mir im vorliegenden Fall nicht um eine juristische Beurteilung, schon gar nicht um eine abschließende Einschätzung etwaiger Urheberrechtsansprüche. Das Letzte, was ich im Sinn habe, sind Anwälte und Richter. Worum es mir geht, sind Kollegialität und ein professionelles Selbstverständnis.

Gute, erfolgreiche, einzigartige Spiele sind unser aller Kapital. Niemand kann ernsthaft Interesse daran haben, dass es identische oder extrem ähnliche Spiele auf dem Markt gibt, oder dass gar untereinander abgekupfert wird. Es ist grundsätzlich überhaupt kein Problem, jedes Spiel herzunehmen, es leicht zu verändern und kleine Varianten hinzuzufügen. Das alles ist innerhalb weniger Stunden erledigt. Aber: Dadurch erhält man ganz gewiss kein neues Spiel! Unabdingbar ist das Eigenständige, eine Schöpfungshöhe, etwas, das aus dem Vorhandenen etwas wirklich Neues macht.

Trotz vieler anderer Spiele, zum Teil auch deutlich erfolgreicherer, ist Kunterbunt für mich nach wie vor mein bestes Spiel. Die Idee und der Mechanismus sind einzigartig. Für mich ist es DER Mechanismus meines Lebens. Konkret sieht das Spiel wie folgt aus: Auf jeder Bildtafel sind verschiedene Gegenstände abgebildet. Egal, welche beiden Bildtafeln man nimmt, immer (!) ist darauf exakt ein Gegenstand identisch, niemals mehrere oder keiner. Diesen identischen Gegenstand gilt es zu finden.

Mein erster Übungs-Prototyp bestand 1993 aus fünf, mein eingereichter Prototyp dann aus 20 Gegenständen pro Bildtafel. FX Schmid wollte die Anzahl gerne reduzieren, also machte ich daraus 15. So gut wie jede andere Anzahl an Gegenständen und Bildtafeln ist grundsätzlich problemlos möglich (Dobble verwendet 50 Bildtafeln mit jeweils 8 Gegenständen darauf). Um das Spiel möglichst fordernd zu gestalten, fiel die Entscheidung bezüglich der verwendeten Gegenstandspaare seinerzeit zugunsten zweifarbiger Abbildungen. Aber ob nun zweifarbige Gegenstandspaare, die exakt übereinstimmen müssen, oder "normale" Abbildungen, ob 15 Bildtafeln oder 60, ob 8 Gegenstände pro Tafel oder 25, all diese kleinen Veränderungen lassen das Wesentliche des Spiels unangetastet – im Kern bleibt es immer das Gleiche. Die Dobble-Karten mit den 8 Gegenständen sind in den Kunterbunt-Tafeln enthalten, es ist exakt das Gleiche, sieht nur anders aus:

Kunterbunt (links) und Dobble/Spot it (rechts
Kunterbunt (links) und Dobble/Spot it (rechts)

Ich habe mit Asmodée Kontakt aufgenommen und man teilte mir mit, dass man mich an den eigentlichen französischen Rechteinhaber Play Factory verweise. Gleichzeitig betone man jedoch, dass beide Spiele "very different" seien. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier von Asmodée, dem Vertrieb des diesjährigen "Spiel des Jahres", also einem Verlag, dem Autorenideen wichtig sein sollten! Play Factory argumentierte dann, dass ja weniger Gegenstände auf den Karten seien, die Verpackung (!) und Kartenform (!) differiere, die Gegenstände anders aussähen, überhaupt wäre alles "totalement différents". Erwähnt sei an dieser Stelle: Nachdem Play Factory zuvor in Englisch mit mir korrespondierte, erhielt ich die eigentliche Antwort dann auf Französisch (!), ohne jegliche Bitte um Verständnis und auch ohne Unterschrift. Ich weiß nicht mal genau, wer mir in welcher Funktion bei Play Factory überhaupt geantwortet hat. Was für eine Arroganz. Unfassbar. Der Autor als lästiges Übel.

Die Rückmeldung von Blue Orange Games war formal nett und in Ordnung, allerdings ist man dort der Ansicht, dass vor allem die Balance ein Spiel ausmache, also die Anzahl von Symbolen und Karten.

Ich stelle mir gerade vor, dass jemand das Siedler von Catan-Prinzip nimmt, statt der Sechsecke quadratische Felder verwendet, die Anzahl der Rohstoffe leicht verändert, die Siegpunkte erhöht und dann behauptet, er hätte ein neues Spiel erfunden und es sei "very different". Oder ein 6 nimmt, bei dem es nur 60 statt 104 Karten gibt und bei dem schon die fünfte und nicht erst die sechste Karte nehmen muss.

Beschleicht nur mich ein ungutes Gefühl bei dieser Vorstellung? Könnte das genau der Weg sein, den niemand will? Ist das die Art von Spiel und "Erfinder", die niemand braucht?

Ich für meinen Teil werde definitiv nicht wegen Dobble vor Gericht ziehen. Aber ich möchte wenigstens die Gelegenheit nutzen und ganz nachdrücklich betonen, dass mich die Angelegenheit und der Umgang seitens Asmodée bzw. Play Factory und Blue Orange Games mit mir und MEINER Idee fassungslos machen. Es ist das genaue Gegenteil dessen, wie Verlage und Autoren zusammenarbeiten sollten.

Möge sich jeder bitte seine eigene Meinung bilden und seine ganz persönlichen Schlüsse ziehen. Die Spielregeln zu Kunterbunt bzw. Spot it finden sich jeweils auf der Homepage des Verlages, am besten bei Amigo bzw. Blue Orange Games. Falls mir jemand seine Sicht der Dinge hierzu mitteilen möchte – ich bin für jedes Feedback dankbar. Und falls jemand seine Meinung an Asmodée, Play Factory oder Blue Orange Games schicken möchte – Kontaktadressen gebe ich gerne weiter.

Ich danke für die Aufmerksamkeit und wünsche weiterhin viel Spaß beim Genießen neuer, eigenständiger Spielideen.”

Aktualisierung 1. Dezember 2010: Inzwischen hat sich auch die Spiele-Autoren-Zunft /SAZ) zu dem Vorfall geäußert. Auf ihrer Website schreibt sie:

"Die SAZ ist insbesondere über den Umgang der Verlage mit dem Autor besorgt und verurteilt das ignorante Abwehren des Vorwurfs durch die genannten Verlage scharf. Ohne Zweifel kann es bei der zunehmenden Zahl von Veröffentlichungen vorkommen, dass Spiele sich ähneln. Dahinter muss ursprünglich nicht einmal Absicht stecken. Sobald aber ein solcher Vorwurf in der Welt ist und eindeutig belegt wurde, muss eine einvernehmliche Lösung gefunden werden. Denn wenn dieses Beispiel Schule macht und Urheberrechte bewusst ignoriert werden, müssen Verlage mit Konsequenzen rechnen. Sei dies auf juristischer Ebene oder in Form eines Imageschadens bei Autoren und Spielern. Im vorliegenden Fall appelliert die SAZ an die beteiligten Verlage, dringend das Gespräch mit Reinhard Staupe zu suchen, um zu einer für alle Seiten befriedigenden Lösung zu kommen."

Aktualisierung 13. Dezember 2010: Wir haben ein Video produziert. Darin vergleichen wir Dobble und Kunterbunt.


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3 Kommentare zu “Vorwürfe gegen Asmodée

  1. Zunächst einmal: Nur aufgrund von Spielanleitungen kann weder ich noch sonst jemand wirklich beurteilen, ob es sich um das selbe Spiel handelt, sofern die Spielanleitungen auch nur geringe Differenzen aufweisen. Ich habe es schon mehr als einmal erlebt, dass sich ein vermeintliches Plagiat in der Praxis als ein eigenständiges Spiel herausstellte.

    Die Reaktion von Reinhard finde ich menschlich verständlich, aber für jemanden, der über langjährige Erfahrungen als Spieleautor und Spieleredakteur verfügt (und neben bemerkt: gerade auch in Urhebrrechtskonflikten), ist sie in mehrfacher Hinsicht unprofessionell und ärgerlich. Anstatt sich weiter in seinen Ärger über eine vermeintliche oder tatsächliche Urheberrechtsverletzung hineinzusteigern, wäre Klarheit und eine distanzierte Betrachtung angebracht.

    Reinhard unterscheidet nicht zwischen Spiel und Spielidee – das ist ein großer Fehler. Es geht ihm nicht um sein Spiel sondern um “Idee/Konzept/Spielmechanik “. Auf bloße Ideen gibt es keinen Schutz. Und das ist auch gut so. Denn sonst würde ein Autor andere Autoren an der Entwicklung von Spielen blockieren. ‘Ersterfinder’ ist ein blöder Begriff; hat Reinhard ein Patent auf seine ‘Erfindung’? Es geht beim Urheberrecht um Werke, nicht um Ideen oder einzelne Mechanismen. Konzepte können geschützt sein oder auch nicht – das ist wie igentlich immer eine Frage des Einzelfalls.

    Was ist es, das Reinhard geschützt haben will? Ich vermute mal, das was er in Fettdruck schreibt:

    “Auf jeder Bildtafel sind verschiedene Gegenstände abgebildet. Egal, welche beiden Bildtafeln man nimmt, immer (!) ist darauf exakt ein Gegenstand identisch, niemals mehrere oder keiner. Diesen identischen Gegenstand gilt es zu finden.”

    Diese Idee, dieser Mechanismus soll immer Eigentum von Reinhard Staupe sein? Ich sage, es kommt nicht nur auf das Spielelement selbst an, sondern auch darauf hin, wie es ins Spiel eingebunden ist. Hier ein Beispiel, welche Nutzung ‘deiner’ Idee ich mir als ein selbstverständliches Recht erlauben würde:

    Die Verwendung als Kampfmechanismus in einem Cosim. Zwei Kartenpaare mit vielen unterschiedlich dargestellten Zahlen werden aufgedeckt. Wer das eine Zahlenpaar findet, das gleich dargestellt ist, darf es als sein Kampfwert nutzen. Der Gegenspieler bekommt das andere.

    Oder bei einem Autorennen als ‘Würfelergebnis’. Das bringt Reaktionsschnelligkeit ins Rennspiel – ist innovativ, aber für sich nicht schützbar. Ähnlich wie man zwar ‘Hol’s der Geier’ nicht kopieren darf aber das ‘Hol’s der Geier’-Prinzip in anderen Spielen Verwendung finden kann, sofern diese sich mehr als nur geringfügig von jenem unterscheiden.

    Anstatt mit einer gewissen Unverfrorenheit Recht an einem Mechanismus für sich einzufordern und der Gegenseite Kuschelverweigerung vorzuwerfen, wäre ein Vergleich der kompletten Spiele sinnvoll. Ich kann nicht beurteilen ob Dobble nur eine Variation von Kunterbunt ist. Aber Reinhards Schilderung nach, ist er auf in diese Richtung zielende Argumente seitens Asmodee nicht weiter eingegangen. Warum also sollten die sich die Mühe machen, ihre Argumente für ihn zu übersetzen?

    Bei einem Spiel, das aus nicht viel mehr als aus einem Mechanismus besteht, kommt es meiner Meinung nach sehr auf Einzelheiten an, um zu beurteilen, ob ein anderes Spiel ‘dasselbe’, eine Bearbeitung oder ein eigenständiges Spiel ist. Der Anschein aufgrund der Anleitung spricht für mich gegen ‘dasselbe Spiel’, lässt den Verdacht einer urheberechtsrelevanten Bearbeitung schlüssig erscheinen, aber schließt auch hinreichende Eigenständigkeit nicht aus.
    Gerade bei einem Spiel, bei dem es um schnelle Erkennbarkeit geht, kann die unterschiedliche Art der Gestaltung wesentlich sein.

    Darüberhinaus ist sicherlich diskussionswert, was – unabhängig von der rechtlichen Beurteilung – anerkennens- schützens- und Honorierungswürdig ist. Aber denjenigen mangelnde Kollegialität vorzuwerfen, die anderer Meinung sind, ist da wenig hilfreich.

  2. Noch eine Ergänzung:
    Genau genommen handelt es sich nicht um einen Plagiatsvorwurf. Unter http://www.spielbox.de/phorum4/read.php4?f=1&i=244624&t=244604& schreibt Reinhard:

    “In meinen Emails an Asmodee, Play Factory und Blue Orange Games habe ich von Anfang an deutlich gesagt, dass ich nicht von einer absichtlichen Nachahmung ausgehe, sondern dass es einfach zufällig passiert ist.”

    Er geht also von einer Doppelschöpfung aus, also nicht von einem Plagiat (weswegen die Überschrift des Artikels falsch ist). Normalerweise muss im Fall einer Doppelschöpfung der Urheber des späteren Werkes nachweisen, dass er nicht abgekupfert hat. Da Reinhard dies aber als gegeben voraussetzt, anerkennt er, dass die Urheber von Dobble unabhängig von ihm die gleiche kreative Leistung erbracht haben wie er. Was also fordert er? Eine formale Anerkennung, dass Kunterbunt vor Dobble entstanden ist? Da Kunterbunt 14 Jahre vor Dobble erschienen ist und niemand behauptet, es sei nach Dobble entstanden, wäre das reichlich überflüssig.

    Dass Reinhard sagt, dass parallele Entwicklungen unvermeidlich sind und ihm ein Abkupfern in diesem Fall abwegig erscheint, ist zudem ein Indiz dafür, dass es ‘seiner Idee’ an Eigenständigkeit, an ausreichender Schöpfungshöhe mangeln könnte. Etwas worauf viele unabhängig voneinander kommen können, ist eben trivial und nicht eigenständig. Dies ist ein generelles Problem, welches Spiele betrifft, die im Wesentlichen auf einer einzelnen – nicht allzu fern liegenden – Idee basieren, insbesondere Kinderspiele. Hierfür gibt es im Urheberrecht den Begriff der ‘kleinen Münze’. Siehe dazu auch: http://anwalt-im-netz.de/urheberrecht/kleine-muenze.html

  3. Hallo Günter,

    danke für die ausführlichen Kommentare und den Hinweis zur Überschrift. Ich habe sie geändert.

    Grüße
    Sebastian

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