“… oder hält die Fresse”

Foto: Nachgemacht
Bei Gesellschaftsspielen in der ehemaligen DDR waren dieselben Eigenschaften wie im echten Leben gefragt: Konzentration, Ausdauer, Geschick und sehr viel Glück. Dr. Stefan Wolle, wissenschaftlicher Leiter des DDR Museums, über Brett- und Kartenspiele als Modelle der Alltagsbewältigung im real existierenden Sozialismus.

Hinweis: Der Artikel erschien erstmalig in dem Buch "Nachgemacht – Spielekopien aus der DDR" (Preis: 14,95 Euro. Verlag: DDR Museum Verlag. ISBN: 978-3-939801-18-4). Neben Stefan Wolle, Bernward Thole, Gründer des Deutschen Spielearchivs und Cynthia Schönfeld, Direktorin Deutsches Spielemuseum Chemnitz, hat auch der zuspieler.de-Chefredakteur Sebastian Wenzel darin einen Beitrag veröffentlicht. Interessierte können das Buch im Fachhandel kaufen oder bei Amazon bestellen.

Leise klappernd rollt der Würfel über die Tischplatte. Einen Moment droht das Herz stehen zu bleiben. Dann sehen alle die drei Punkte. Ein Schrei der Freude mischt sich mit einem Wutschrei. Eins … zwei … drei. Grün fliegt raus. Fünf Felder vor dem rettenden Ziel. Mist!

Die Katastrophe auf dem Spielbrett wird durch die hämische Bemerkung des Mitspielers garniert: „Du kannst nie verlieren, ohne dich aufzuregen.“ Einen Moment läuft das Mensch ärgere Dich nicht Brett in Gefahr, mitsamt der Figuren und Würfel in die Ecke zu fliegen. Aus dem Familienspiel droht ein Familienkrach zu werden. „Das Spiel heißt doch nicht umsonst Mensch ärgere Dich nicht“, sagt Pappi begütigend, und fügt sentenziös hinzu: „So ist nun mal das Leben“.

Genau so ist es. Das Spiel ist ein Modell für Lebenssituationen. Und Situationen, wie sie der Spieler der grünen Männchen in diesem Fall erlebte, gab es viele im sozialistischen Alltag. Gefragt waren beim Brettspiel wie im Leben Konzentration, Ausdauer, Geschick und sehr viel Glück. Beispielsweise steht man vor dem Gemüseladen in der Schlange. Pro Person gibt es eine Tüte Apfelsinen. Vor den Augen der Wartenden leeren sich
die letzten Kisten. Man beginnt mitzuzählen. Fünf Leute stehen vor einem, eine Kiste ist noch voll. Erste Tüte … zweite Tüte… dritte Tüte … Schluss, Aus, Finito! Eine halbe Stunde umsonst in der Schlange gestanden.
Oder man geht auf gut Glück in einen Buchladen, blättert im Handbuch für den FDGB-Vertrauensmann oder in den gesammelten Aufsätzen von Erich Honecker, von denen ein ganzer Stapel auf dem Verkaufstisch liegt. Dann geschieht ein kleines Wunder. Die Buchhändlerin legte zwei oder drei Exemplare der Neuausgabe von Fjodor Dostojewskis Spieler auf den Tisch. Schnell zugreifen! Glück muss der Mensch haben, jedenfalls ein bisschen mehr als der traurige Held in Dostojewskis Romans am Roulettetisch von Baden-Baden.

Stumpfsinnige und sinnvolle Spiele

Das Leben im Sozialismus war voller kleiner und großer Überraschungen. Nichts war gewiss im Lande der großen Gewissheit. Nichts war planbar angesichts der allumfassenden Planung der Wirtschaft. Nichts war vorhersehbar im Sozialismus, obwohl doch die marxistischen Gesellschaftswissenschaftler unabänderliche Gesetzmäßigkeiten der geschichtlichen Entwicklung postuliert hatten. Angesichts des obwaltenden wissenschaftlichen Atheismus brauchte der Mensch vor allem die Hilfe von Fortuna, der alten römischen Glücksgöttin. Und wenn es trotzdem nicht klappte, galt es gute Miene zum bösen Spiel zu ma-chen.

Vielleicht war Mensch ärgere Dich nicht so beliebt in der DDR und gleichzeitig offiziell so wenig anerkannt, weil Glück und Zufall als philosophische Kategorien so niedrig im Kurs standen. Das Glücksspiel war ohnehin gesetzlich verboten, es sei denn es diente wie Lotto und Toto dem sozialistischen Aufbau. Auch Tombolas mit vielen Nieten gab es auf den Jahrmärkten und Rummelplätzen des Landes. Auch in den gesellschaftlichen Einrichtungen gehörten Spiele zum Standardangebot.

In einem Artikel des SED-Zentralorgans Neues Deutschland wird die Kulturarbeit in den Heimen des FDGB-Feriendienstes kritisiert. Der Autor, offenbar einer jener Volkskorrespondenten, die überall Mängel aufspüren sollten, beschwert sich: „Da wurde uns Neuangekommenen in der Reihe der für unser Wohl besorgten Kollegen auch der ‚kulturelle Betreuer‘ … mit den Worten vorgestellt: ,Er wird an euch gegen Hinterlegung des Hausausweises die Skatkarten, die Karten für Doppelkopf, Mensch ärgere Dich nicht, die Ping-Pong-Geräte und alle anderen Spiele ausgeben.‘“ Sicherlich schüttet der Genosse Volkskorrespondent hier das Kind mit dem Bade aus. Weder gegen ein zünftiges Skatturnier noch gegen Tischtennis hatten die selbsternannten „Ingenieure des neuen Menschen“ etwas einzuwenden. Die Grenze zwischen stumpfsinnigem Zeit-totschlagen und sinnvoller Freizeitbeschäftigung wird dennoch deutlich. Die Freizeit speziell, die Urlaubszeit, hatte neben der Erholung auch der Weiterentwicklung zur „allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit“ zu dienen. Auch Spaß, Sport und Spiel gehörten dazu, und man wollte nicht engherzig sein. Doch Doppelkopf und Mensch ärgere Dich nicht gehörten nicht zu dem von fortschrittlichen Pädagogen und Freizeitexperten empfohlenen Beschäftigungen. Anerkannt waren die Spiele, in denen Intelligenz und Übung alles entschieden, vor allem Schach.

Schach galt als Training für den Geist

In den Klubs der Jungen Pioniere, den Aufenthaltsräumen der FDGB-Ferienheime, sogar im Kompanieklub der Kasernen lagen stets Schachbretter und mehr oder weniger komplette Sätze von Schachfiguren herum. In den Volksparks und Naherholungszentren — die nach den sowjetischen Parks der Kultur und Erholung entstanden waren — waren große Schachbretter in den Boden eingelassen. Sonntags spielten hier die Lokalmatadoren vor den Augen des Publikums. Schach war zwar nicht so anerkannt wie Gewichtheben oder gar Fußball, doch es galt als Training für den Geist, insofern als fortschrittlich und nützlich. In der Sowjetunion wurde viel Schach gespielt und viele der internationalen Großmeister kamen von dort. Und nicht nur das, auch die Klassiker des Marxismus-Leninismus waren begeisterte Schachspieler. Darüber schreibt Heinz Machatschek, der Verfasser eines der wenigen Brettspielbücher, das 1972 im Verlag Neues Leben herauskam. „Welch große Bedeutung dem Schach zukommt, zeigt auch das Beispiel von zwei der hervorragendsten Persönlichkeiten, die die Menschheit hervorgebracht hat und die trotz ihrer starken anderweitigen Inanspruchnahme zugleich überdurchschnittliche gute Schachspieler waren — von Karl Marx, dem Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, sowie von Wladimir Iljitsch Lenin, dem Schöpfer der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und Begründer des sowjetischen Staates. Beide schätzten das Schachspiel… , betonten vor allem seine erzieherische und ästhetische Rolle, und beide waren starke praktische Spieler.“

Zu der Behauptung, Lenin wäre ein so genialer Taktiker der Revolution durch das Schachtraining geworden, mag sich der Autor des DDR-Schachbuchs nicht durchringen. Doch er deutet es wenigstens an: „Die Fähigkeit, sozusagen auf den ersten Blick eine Stellung zu beurteilen, verhalf Lenin, Aufgaben und Studien rasch zu lösen“. Dann zitiert er den Revolutionsdichter Wladimir Majakowski, der in seinem Lenin-Poem schrieb:

„Ging vom Schachbrett stracks zum Schauplatz echter Stürme, wo im Feld die Bauern nicht mehr Spielfiguren: Kapital, den König, die Gefängnistürme Schlug er… .“

Doch spieltheoretisch widerspiegelte Schach als Strategiespiel wenig von den Alltagssituationen in der DDR. Die abso-lute Gleichheit der Ausgangspositionen, die Ausschaltung des Zufalls, die strenge Rationalität — so war die Wirklichkeit keineswegs. Spiele, die den sozialistischen Alltag und dessen Widrigkeiten reflektierten, gab es keine. Die Funktionäre und Amtsträger der DDR nahmen sich selbst viel zu wichtig, um sich gerne als Figuren in einem Spiel zu sehen, dabei waren sie oft weniger selbständig als die Steine auf dem Schachbrett oder die hopsenden Männchen beim Halma.

Ein sozialistisches Monopoly? Undenkbar!

Ein sozialistisches Monopoly wäre undenkbar gewesen. Dabei bot der real existierende Sozialismus zahlreiche Situationen, die sich in einer Monopoly-Variante gut widergespiegelt hätten. Ständig musste man das Risiko abwägen, wie viel man riskieren konnte. Verweigert man die freiwillige Verpflichtung zum dreijährigen Dienst in der Armee und riskiert dadurch den Studienplatz? Zieht man schwarz in eine leer stehende Wohnung und nimmt den Ärger in Kauf? Pfeift man auf FDJ, Partei und den nächsten Subbotnik, obwohl man weiß, dass es Minuspunkte bringt? Wird man Mitglied der Partei? Verpflichtet man sich als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit? Obwohl es in der Regel nicht um Geld und Immobilien ging, war das sozialistische Real-Monopoly mit viel mehr Risiken und Ungewissheiten belastet als das Leben im Kapitalismus.

Vor allem aber spielte Improvisation eine viel größere Rolle. Die DDR war eine Selber-mach-Gesellschaft. Alles werkelte mehr oder weniger erfolgreich in Haus, Hof und Garten. Jeder war ein kleines Mäxchen Pfiffig, wie eine der bekannten Figuren aus der Pionier-Zeitschrift Fröhlich sein und singen — kurz Frösi genannt — hieß. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn nicht auch die im Westen beliebten und in der DDR verpönten Spiele selbst gebastelt worden wären. Dies verlieh dem nervenaufreibenden Jonglieren mit Aktienpaketen und Grundstücken einen zusätzlichen Kitzel.

Als Modell für reale Vorgänge des Realsozialismus taugten vor allem jene Spiele, in denen Geschicklichkeit und Routine mit dem Glück eine dialektische Verbindung eingingen — wie man im Marxismus-Leninismus-Kurs gesagt hätte. Spieltheoretisch kam das Pokerspiel dem sozialistischen Alltag am nächsten. Zu den merkwürdigsten Erinnerungen an die achtzehn Monate bei der Nationalen Volksarmee gehören nächtliche Pokerrunden. Einige Spitzbuben zogen unbedarfteren Genossen förmlich die Hosen aus. Oft verspielten sie am Zahltag den gesamten Monatssold von 80 Mark. Pokern war wie der Alltag in der Diktatur. So wie man im wirklichen Leben nie wusste, ist dein Gegenüber ein scharfer Hund ist, der dich beim Vorgesetzten verzinkt, oder gar ein Stasi-Spitzel? Ist er gefährlich, oder tut er bloß so. In vielen Situationen kam es darauf an, dass Pokerface zu bewahren. Nur keine Regungen zeigen, oder wenn, dann nur falsche. So wie im Politunterricht, der Parteiversammlung oder beim Gespräch mit einem Stasi-Mitarbeiter. Viele Eltern gaben ihren Kindern den Ratschlag auf den Lebensweg: Lass dir niemals anmerken, was du denkst! Doch Pokern um Geld war streng untersagt, zudem hatte es den Ludergeruch des Amerikanischen also dekadent Verworfenen. Pokerfans waren fast schon feindliche Agenten. Jedenfalls bei der Armee hätte sich niemand beim Pokern erwischen lassen dürfen.

Skat stärkte das Kollektiv

Höher in der gesellschaftlichen Anerkennung stand das Skatspiel. Es galt als volkstümlich, geradezu als proletarisch und stärkte das Kollektiv. Es erfreute sich deshalb auch staatlicher und gesellschaftlicher Förderung, wenn auch deutlich in geringerem Maße als Schach, zumal nicht bekannt war, dass Marx, Engels und Lenin oder die anderen Führer des Weltproletariats Skatbrüder gewesen wären. Auf Betriebsfesten, in Erholungsheimen oder anderen Kollektiveinrichtungen wurden gelegentlich Skatturniere organisiert. Zudem waren die Spielkarten aus Altenburg ein Exportschlager der DDR. Auch das Skatspiel entsprach in vielen Punkten dem realen Leben. Wichtig ist, was man auf der Flosse hatte. Der Rest ist Geschicklichkeit und Erfahrung.

Zumal es beim Skat — so wie es auch im Alltag der DDR war — eine Menge fester Regeln gibt. Niemals überreizen! Achtzehn … zwanzig … zwo … passé. Lass die anderen das Spiel machen. Lieber ein bisschen mauern als zu viel riskieren. Vater Staat hat es ja vorgemacht und am 13. August 1961 eine Mauer gebaut, die Friedhofsruhe und Sicherheit garantiert. Übrigens gab es feste Regeln und die entsprechenden Spruchweisheiten dazu. Auch ein ausgesprochenes Omablatt mit drei oder vier Jungs ist keine Erfolgsgarantie. Es kommt auf die Reihenfolge an und auf die Stellung im Spiel. Trumpf ausspielen, Luschen einsammeln, Kleinvieh macht auch Mist. Oder die Faustregel: Bei Grand spielste Ässe — wenn de keene hast, hälste die Fresse. Und Fresse halten, war oft angesagt im real existierenden Sozialismus, denn die Ässe hatten meist die Anderen. Ansonsten galt: Auch wenn du hoffnungslos in den Miesen steckst: Mensch ärgere dich nicht!

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