Not mit Noten

Foto: nailiaschwarz/photocase.de

Mit Noten ist es so eine Sache. Sie sollen Dinge vergleichbar machen. Tatsächlich heucheln sie aber oft nur scheinbare Objektivität vor – vor allem, wenn Rezensenten Gesellschaftsspiele bewerten. Sebastian Wenzel erklärt, warum er auf BoardGameGeek trotzdem Noten vergibt.

Jeder nach seinem Geschmack

Eigentlich macht es keinen Sinn, ein Spiel mit einer Note zu bewerten. Noten haben einen Absolutheitsanspruch. Ein Brettspiel, das mit der Schulnote 1 bewertet wurde, ist scheinbar besser als ein Brettspiel mit der Schulnote 4. Dabei hängt die Tatsache, ob ein Spiel Spaß macht oder nicht – und nichts anderes soll eine Note ausdrücken – von vielen Faktoren ab.

Wenn ich mich am Wochenende mit Freunden zu einem Bier treffe und wir die ganze Nacht Scharade spielen, lachen und uns die abstrusesten Begriffe ausdenken und erraten, macht das wahnsinnig Spaß. Würde ich in meiner Dienstags-Runde Scharade vorschlagen, wäre das Entsetzen groß. Wenn ich mich dienstags mit Vielspieler-Freunden treffe, quälen wir uns in der Regel mit langen Regeln und komplexen Spielmechanismen – und genießen es. Säßen Nicht- oder Gelegenheitsspieler am Tisch, würden sie spätestens nach einer Viertelstunde abschalten.

Aber selbst wenn ich in einer homogenen Gruppen spiele, hat (zum Glück) jeder Mensch seinen eigenen Geschmack. Mir persönlich gefällt das aktuelle Kennerspiel des Jahres, 7 Wonders, nicht. Auch bei den anderen Mitspielern meiner Dienstags-Runde kommt Strasbourg, das ebenfalls als Kennerspiel des Jahres nominiert war, wesentlich besser an. Trotzdem gibt es zahlreiche Vielspieler, die 7 Wonders lieben. Welche Note wird dem Spiel also gerecht?

Ein weiteres Problem: Viele Spiele verändern ihren Charakter und ihre Dynamik je nach Zahl der Mitspieler. Mit drei Mitspielern gefällt mir 7 Wonders – um bei diesem Beispiel zu bleiben – wesentlich besser als mit sechs oder gar sieben. Eine Gesamtnote, kann dies nur bedingt widerspiegeln.

Tom Felber, der momentan Vorsitzender der Jury Spiel des Jahres ist und für die Fachzeitschrift Spielbox schreibt, verzichtet ebenfalls auf Noten. Im Internet begründet er seine Entscheidung unter anderem wie folgt:

"Ich selber bin mir oft nach zehn Partien nicht sicher, ob ich ein Spiel wirklich in allen Facetten erfasst habe und ob ich ihm mit meiner verbalen Beurteilung tatsächlich gerecht werde. Wie soll ich da erst eine Note vergeben? Ich kenne kein System, mit dem ich die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit solcher Noten sicherstellen könnte."
Quelle: Noten für Spiele?

Während ich auf zuspieler.de Anfangs auch Noten für Spiele vergeben habe, verzichte ich seit Mai darauf. Stattdessen stelle ich regelmäßig Spiele vor, die mir persönlich im vergangene Monat besonders viel Spaß gemacht haben. Mal sind das Klassiker wie Skat oder Schach, mal Neuheiten wie Strasbourg oder Fiesling.

Warum Noten auf BoardGameGeek?

Anders auf BoardGameGeek. Unter http://www.boardgamegeek.com/collection/user/zuspieler verwalte ich seit Oktober 2010 (soweit wie möglich) alle Spiele, die ich besitze oder gespielt habe. Neben dem Namen und der Angabe, wie oft ein Spiel auf den Tisch kam, finden sich dort auch Noten. Warum?

Ich bin freier Journalist und schreibe nicht nur für zuspieler.de, sondern auch für andere Medien, zum Beispiel für Spiegel Online über Street Games, für to4ka über den Spielplatz Deutschland oder für die AHGZ über den Spieletreff Sauerland. Außerdem rezensiere ich in diversen Medien Gesellschaftsspiele, zum Beispiel für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), fürs Mitarbeitermagazin des Hamburger Hafens oder für die ADAC Motorwelt. In Zukunft wird diese Tätigkeit weiter zunehmen.

Meine BoardGameGeek-Sammlung hilft mir den Überblick zu Behalten. Sie ist für mich ein Arbeitswerkzeug – nicht mehr und nicht weniger. Die Tabelle stellt keine Kauf-Empfehlung oder -Warnung dar. Ganz im Gegenteil. Schließlich nehme ich mir die Freiheit heraus, ein Spiel schon nach der ersten Runde oder gar nach kurzem Anspielen zu bewerten. Dieser Ersteindruck spiegel in keinster Weise die Qualität eines Spiels wider. Was auch gar nicht möglich wäre. Schließlich beginnt man ein Spiel erst nach mehreren Runden zu erfassen.

Daumen hoch oder runter

Wer sich meine Liste auf BGG anschaut, stellt fest, dass ich nur drei Noten vergebe. Eine 3 bedeutet Daumen runter, eine 5 Daumen in der Mitte und eine 8 Daumen hoch. Das reicht mir, um mich an einen Spieleindruck zu erinnern. Wobei eine 5 eine durchaus akzeptable Note ist. Es heißt: Das Spiel gefällt mir. Ich finde es allerdings weder besonders schlecht, noch besonders gut. Aber selbst eine 3 ist für ein Spiel kein Todesurteil. Nehmen wir zum Beispiel Kraken-Alarm von Kosmos. Auf BoardGameGeek bewerte ich das Kinderspiel mit einer 3. Es gefällt mir persönlich nicht und wird in keiner meiner Spielerunden je auf den Tisch kommen. Trotzdem habe ich Kraken-Alarm im Mitarbeitermagazin des Hamburger Hafens empfohlen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass der Nachwuchs vom Schwing-Mechanismus begeistert ist. In meiner Rezensionen beschreibe ich dieses Phänomen. Wortwörtlich heißt es da:

"[…] Normalerweise verlieren Kinder ungern. Sie schreien und heulen sobald eine Niederlage naht. Bei Krakenalarm tobt in der Regel nur einer: Papa Krake. Es ist schlecht für die Spieler, wenn er seine Tentakel schwingt. Es droht ein Proviantverlust. Den Kindern ist das egal. Sie starren fasziniert auf seinen Arm – eine orangene Kugel, die an einem Seil baumelt. Trifft der Ball das Kipp-Schiff, sinkt es. Trifft er es erneut, richtet es sich wieder auf. […]"

Ausfürliche Rezensionen lesen oder selbst spielen

Fazit: Wen es interessiert, wie ich persönlich ein Spiel finde, der kann unter http://www.boardgamegeek.com/collection/user/zuspieler nachschlagen. Dabei sollte er jedoch eines immer im Kopf behalten. Meine Noten auf BGG sind keine Kauf-Empfehlung oder -Warnung. Erst recht nicht, wenn ein Spiel nur einmal auf den Tisch kam. Aussagekräftiger ist es da schon, wenn ein Spiel von mehreren Personen bewertet wurde, wie es zum Beispiel beim Board Game Rank der Fall ist. Aber auch hier rate ich allen, sich nicht blind auf die Noten zu verlassen. Klüger ist es, ausführlichere Kritiken zu lesen, hören oder sehen. Und wer auf Nummer sicher gehen will, der testet Spiele vor dem Kauf am besten selbst und bildet sich seine eigene Meinung.

Übrigens: Als ich diesen Artikel verfasst habe, hatte ich auf BoardGameGeek 244 Spiele benotet. 26,2 Prozent davon mit einer 3 (Daumen runter), 52,5 Prozent mit einer 5 (Daumen in der Mitte) und 21,3 Prozent mit einer 8 (Daumen hoch).

Aktualisierung: Seit dem 9. November 2012 habe ich mich aus den in den ersten Absätzen genannten Gründen dazu entschlossen, Spiele nicht mehr auf BoardGameGeek zu bewerten.


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