“Mein Spiel ist wie ein Modell des Lebens”

Prof. Max J. Kobbert war von 1978 bis 2009 Professor für Kunstdidaktik und Psychologie an den Kunstakademien Düsseldorf und Münster. Er ist Gründungsmitglied der Spiele-Autoren-Zunft (SAZ)  und seit 2010 Vertreter der SAZ im Deutschen Kulturrat. Sein größter Erfolg als Spieleautor ist das Spiel "Das verrückte Labyrinth “. Foto: Ravensburger. Montage: Sebastian Wenzel

Professor Max J. Kobbert, der Erfinder des Spiels „Das verrückte Labyrinth“, ist Wahrnehmungspsychologe und war Dozent an verschiedenen Universitäten und Kunstakademien. Im Interview mit der Ravensburger Pressestelle erklärt der 66-Jährige, was das Familienspiel mit anschaulichem Denken zu tun hat, warum diese Form des Denkens unterschätzt wird – und was Menschen auf allen Kontinenten daran fasziniert.

Herr Kobbert, gibt es einen Zusammenhang zwischen Ihrem akademischen Beruf und ihrer Erfindung, dem verrückten Labyrinth?
Schon als Student hatte ich Spaß daran, mir Wahrnehmungsaufgaben auszudenken. Und während meiner Lehrtätigkeit kam es mir immer darauf an, zu zeigen, dass Denken mehr ist als logisches Denken oder sprachliches Denken. Wir denken eben auch in anschaulichen, bildhaften Kategorien. „Das verrückte Labyrinth“ verlangt gerade dieses anschauliche Denken. Ich habe das Spiel konzipiert, um das anschauliche Denken bei Kindern und Erwachsenen zu trainieren.

Kann man anschauliches Denken nicht auch mit anderen Spielen trainieren? Zum Beispiel mit Memory?
Bei Memory geht es mehr um visuelle Merkfähigkeit. Beim verrückten Labyrinth geht es um jene Form des Denkens, die Sigmund Freud als Probehandeln bezeichnet hat, das heißt, um inneres, experimentelles Probehandeln: Wir nehmen eine sich ständig verändernde räumliche Anordnung gedanklich vorweg. Und das, ohne Sprache zu benutzen. Ohne diese Form des Denkens kämen wir im Alltag nicht zurecht. Wenn wir zum Beispiel eine Wohnung einrichten, brauchen wir diese Art der Vorstellungskraft. Auch ein Bildhauer braucht sie oder ein Maschinenbauer oder ein Architekt. „Das verrückte Labyrinth“ ist eine permanente Denkaufgabe.

Sind ältere Menschen die besseren Labyrinth-Spieler, weil sie mehr Zeit hatten, anschauliches Denken zu üben?
Eher im Gegenteil. In unserer Familie war die jüngere Tochter im Alter von sieben Jahren die beste Spielerin. Kinder sind da Erwachsenen in der Regel überlegen. Deswegen ist das Spiel gut geeignet für Familien. Wenn wir mit dem anschaulichen Denken Probleme haben, dann hat das auch mit dem Unterricht in unseren Schulen und in den Universitäten zu tun. Da wird versucht, das mathematisch-logische Denken von anschaulichen Anteilen zu säubern. Man begründet das mit den heorien des einflussreichen Entwicklungspsychologen Jean Piaget. Der hatte das anschauliche Denken als eine kindliche Vorstufe zu abstrakteren Formen des Denkens abgehandelt. Das hatte große Auswirkungen auf die Didaktik.

Anschauliches Denken müsste gezielt interdisziplinär trainiert werden. Die verschiedenen Arten des Denkens entwickeln sich parallel zueinander weiter. Und Anschaulichkeit hilft beim Begreifen enorm. Sie hilft sogar beim logischen Denken. Die binomischen Formeln der Mathematik zum Beispiel machen so manchem 14-, 15-Jährigen in der Schule zu schaffen. So richtig durchschaut habe auch ich sie erst als Erwachsener, als ich eine räumliche Veranschaulichung dazu kennen lernte. Man kann ja so vieles im wahrsten Sinne des Wortes einsehen.

Warum haben Sie das Labyrinth gewählt, um diese Art des Denkens zu trainieren?
Labyrinthe haben mich schon immer fasziniert. Allerdings hat mich bei den Labyrinthen in Rätselheften gestört, dass der Spaß schnell vorbei war, wenn man den einen, richtigen Weg gefunden hatte. Ich wollte etwas erfinden, das seinen Reiz behält. Bei meiner Version des Labyrinths ist das System selbst permanent im Wandel. Es verändert sich, indem wir darin herumspazieren. Jede Veränderung, die einer vornimmt, verändert das Ganze und zwingt den Nächsten, sich anders zu verhalten als geplant. Diese Form des Labyrinths ist wie ein Modell des modernen Lebens. Es handelt sich um ein chaotisches oder rückbezügliches System und es erfordert nicht-lineares, vernetztes Denken. Die Pädagogik ist leider auf die Anforderungen solches Denkens noch immer nicht eingerichtet. Dabei wäre das so wichtig, wenn ich nur an den Umgang mit der Umwelt denke. Auch da hat unser Handeln Konsequenzen für das große Ganze.

„Das verrückte Labyrinth“ wird in vielen Ländern der Welt gespielt. Ist die Fähigkeit, anschaulich zu denken, überall auf der Welt gleichermaßen verbreitet?
Jedes Land hat seine eigene Spielkultur, und doch spricht „Das verrückte Labyrinth“ offensichtlich ein Urbedürfnis in allen Menschen an. Man versteht es ohne Sprache allein vom Zuschauen schnell und verspürt das Bedürfnis mitzuspielen. Junge und Alte oder Menschen aus verschiedenen Schichten begegnen sich auf dieser Ebene. Ob in Amerika oder im Fernen Osten überall findet „Das verrückte Labyrinth“ Freunde, weil das Denken in räumlichen Zusammenhängen universell ist.

Was meinen Sie mit „Urbedürfnis“?
Ich bin überzeugt, dass es für uns Menschen nichts Schöneres gibt, als einen Weg zu finden, der unmöglich schien.

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