“Ludoart muss mit der PC-Version von Planet Steam einen Ruf verteidigen”

Frank Czarnetzki, Geschäftsführer Ludoart: "Grundsätzlich ist ein Computerspiel nicht mit einem Brettspiel vergleichbar." Foto: Ludoart. Bearbeitung: Sebastian Wenzel

In wenigen Wochen soll die PC-Version von Planet Steam erscheinen. Im Interview mit zuspieler.de sagt Frank Czarnetzki (Czarnè), Geschäftsführer Ludoart, wieso diese nicht mit dem Angebot in der Brettspielwelt vergleichbar ist, warum er Geld dafür verlangt und wie sich das Programm von M.U.L.E. unterscheidet.

Erfolgreiche Brettspiele erscheinen schon länger als PC- oder Konsolen-Versionen. Demnächst können Interessierte auch Planet Steam auf ihrem Rechner spielen. Warum veröffentlicht Ludoart ausgerechnet dieses Spiel für den Computer?
Für Planet Steam gibt es eine große Fan-Gemeinde. Diese bildet sich vorwiegend aus Vielspielern, von denen ein Großteil keine Abneigung gegen Compputerspiele hat. Komplexere Spiele wollen einfach besser verstanden werden. Da bietet der Computer einen deutlich einfacheren Einstieg. Er führt durch das Tutorial und der Spieler kann regeltechnisch nichts falsch machen. Er kann zwar immer noch dumm handeln und verlieren, aber zumindest agiert er laut Anleitung. Beim Brettspiel ist das anders. Die PC-Version bietet also auch eine Regelhilfe für alle, die Planet Steam als Brettspiel schon besitzen.

Am Spieltisch kämpfen meist mehrere Personen um den Sieg. Viele Menschen schätzen die direkte Interkation mit den Konkurrenten. Dieser Faktor fehlt beim PC-Spiel . Wieso wird es Deiner Meinung nach trotzdem ein Erfolg?
Wir haben die digitale Version voll verfügbar gemacht, ohne jegliche Einschränkungen gegenüber dem Brettspiel. Man kann mit zwei bis fünf Menschen spielen, oder beliebig Computergegner hinzuschalten. Diese besitzen eine sehr hohe künstliche Intelligenz – was man von der menschlichen Intelligenz seiner Konkurrenten aus Fleisch und Blut nicht immer behaupten kann. Die PC-Variante ist somit auch ein Training für das Brettspiel. Oft finden sich bei größeren Spielen wie Planet Steam außerdem auf die Schnelle keine Mitspieler, sodass man hier gerne mal die PC-Version zockt.

Grundsätzlich ist aber ein Computerspiel nicht mit einem Brettspiel zu vergleichen. Das ist wie bei Filmen und Büchern. Es gibt Menschen, die sehen Geschichten lieber auf der Leinwand, andere lesen sie lieber auf Papier. Einen Vergleich zwischen diesen beiden Medien würde auch keiner ernsthaft anstreben, da dieser immer hinkt.

Planet Steam wird als kostenpflichtigen Download verkauft. Andere Unternehmen veröffentlichen Ihre Spiele umsonst im Internet – sei es auf Verlagsseiten oder auf Portalen wie Brettspielwelt. Wieso hat sich Ludoart gegen diesen Schritt entschieden?
Weil wir die PC-Version als ein eigenständiges Produkt betrachten und nicht nur als „Werbemittel“ für das Brettspiel. Große Verlage haben eine andere Verbreitung und Marktmacht. Sie offerieren fast immer kostenlose PC-Versionen zu Brettspielen, die sich ohnehin schon mehr als 250.000 Mal verkauft haben. Wenn man genau hinschaut sind diese oft mit der kalten Nadel gestrickte, animationsarme Umsetzungen. Da sie „umsonst“ sind, kann sich nicht wirklich jemand beschweren, oder? Wer Wert auf Atmosphäre legt, soll das Brettspiel kaufen – so die Vermarktungsstrategie großer Verlage. Löbliche Ausnahmen bestätigen hier sicher die Regel.

Mit dem Angebot der Brettspielwelt ist Planet Steam überhaupt nicht zu vergleichen. Dort fehlt jegliche KI-Programmierung für Computergegner. Dies ist die meiste Arbeit und benötigt viele Tests im Anschluss . Zudem wird dort nicht so viel Aufwand mit Sound und Grafik betrieben, wie dies bei Planet Steam der Fall ist.

Wieviel Geld müssen Interessierte in die Hand nehmen?
Etwa 19 Euro. Damit ist die Planet Steam PC-Version um 70 Prozent günstiger als das Brettspiel. Programmierer, Autor und Grafiker haben sehr viel Zeit in das ehrgeizige Projekt gesteckt. „Ehrenamtlich“ können das nur reiche Leute machen. Die 19 Euro betrachten wir als Anerkennung und Wertschätzung der Spieler, die nur leise erahnen können, was für eine Leistung und Arbeit hinter all dem steht. Reich werden wir dadurch alle nicht.

Viele Computerspiele überzeugen neben ausgefeiltem Gameplay mit toller Grafik und bombastischem Sound. Welche Bedeutung haben diese Elemente bei einer Brettspielumsetzung?
Für Planet Steam waren dies die beiden wichtigsten Kriterien. Schließlich hat Ludoart mit seinen materialaufwändigen Brettspielen einen Ruf zu verlieren. Dadurch muss ein PC-Spiel von uns atmosphärisch mehr Dichte aufweisen als eine „gewöhnliche“ Brettspieladaptionen. Das ausgefeilte Gameplay, liegt wie oben erwähnt, in der anspruchsvollen künstlichen Intelligenz, die sich durch individuelle Optionen sehr weit nach oben einstellen lässt. Soundeffekte und viele Musikstücke sind ebenso integriert. Die Produktion, der Rohstoffhandel, sowie die Herstellung von neuen Tanks werden separat animiert, lassen sich aber auch abschalten. Hier und da tritt unregelmäßig heißer Dampf auf, begleitet mit dem typischen Zischen, während Ventilräder sich in bestimmten Phasen zu drehen beginnen.

Allen, die das Brettspiel schon gespielt haben, sei gesagt, dass in der PC-Version sätliche Experten-Varianten und Erweiterungen beliebig zuschaltbar sind. Mehr noch: Ein Spezialist „Mr.Tank“ wurde für die PC-Version neu entwickelt.

Planet Steam basiert auf dem Computerspiel M.U.L.E. aus der Atari Zeit. Mit der PC-Umsetzung von Planet Steam schließt sich der Kreis. Inwieweit ist eure Entwicklung von M.U.L.E. inspiriert?
Während M.U.L.E in einer Phase in Echtzeit unter Zeitdruck und Hektik gespielt wird, läuft bei Planet Steam alles sehr strategisch ab. Der Glücksfaktor ist quasi nicht mehr gegeben. Die deutlichste Parallele liegt in der Abfolge der einzelnen Phasen pro Runde und das wir bei M.U.L.E. ebenfalls Rohstoffe produzieren und anschließend handeln. Das war es aber auch schon.

Im Grunde lässt sich nur das grobe Gerüst miteinander vergleichen. Die Struktur mit den vielen, kleinen ineinander verzahnten Elementen, die Planet Steam so reizvoll machen, ist in M.U.L.E. nicht gegeben. M.U.L.E. ist fantastisch und ein Klassiker. Ca. 300.000 heutige Fans können nicht irren. Planet Steam zeigt, was knapp 30 Jahre später, in der Spielentwicklung geschehen ist.

Übrigens: Der voraussichtliche Erscheinungstermin der PC-Version von Planet Steam ist Ende Juni 2010. Interessierte können ab dann im Ludoart-Laden für 19 Euro das Spiel sowie eine kostenlose Demo-Version herunterladen. Einen ersten Eindruck vermittelt dieser Trailer:

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