Kommentar: Für jeden Anspruch und Geschmack

Montage: Sebastian Wenzel
zuspieler.de veröffentlicht den offiziellen Kommentar des „Spiel des Jahres“-Vorsitzenden Tom Felber zum Spielejahrgang 2012, der ursprünglich auf spiel-des-jahres.de erschienen ist. Tom Felber, Vorsitzender der Jury Spiel des Jahres und Kennerspiel des Jahres, kommentiert das Jahr des Würfels und überarbeitete Auflagen, die die Arbeit der Jury erschweren.

Rot-Blau-Anthrazit. Das ist seit letztem Jahr die Trikolore von „Spiel des Jahres“. Die drei Farben repräsentieren die verschiedenen Zielgruppen der drei Preise. Der rote Pöppel soll möglichst allen Menschen Spielspaß bereiten. Blau steht für das „Kinderspiel des Jahres“ und Anthrazit ist für erfahrenere Spieler gedacht, die schon längere Zeit spielen und sich vom „Spiel des Jahres“ nicht mehr richtig gefordert fühlen. An den hochkomplexen Anspruch von eigentlichen „Spiele-Freaks“ richtet sich Anthrazit aber bewusst nicht. Auch dieses Jahr hat die Jury in allen drei Kategorien je drei Spiele nominiert.

Neu wurde die Empfehlungsliste klarer in die Bereiche Rot und Anthrazit unterteilt. Nach mehrtägiger Klausurtagung hat die Jury bei Rot acht weitere empfehlenswerte Spiele auf die Liste gesetzt. Bei den anspruchsvolleren Spielen ergänzen drei Titel die Nominierten. Dies deshalb, weil die Zielgruppe für diese Spiele kleiner ist. Die Trennlinie zwischen „Spiel des Jahres“ und „Kennerspiel des Jahres“ führt hauptsächlich über den Aufwand, der notwendig ist, um in die jeweilige Spielwelt eintreten zu können.

Erlebnisreiche Spielwelten voller Wunder und Überraschungen wurden von den Autoren und Redakteuren wiederum im Multipack erschaffen. Die Jury bekundete keine Mühe, genug Spiele für die Empfehlungslisten zu finden. Im Gegenteil: Wie in den vergangenen Jahren mussten zahlreiche hervorragende Spiele, die eine Erwähnung ebenso verdient gehabt hätten, beim Rangeln um die Plätze geopfert werden, weil deren Zahl auf der Empfehlungsliste einfach beschränkt ist. Für jeden Anspruch und jeden Geschmack ist auf dem deutschsprachigen Spiele-Markt etwas erhältlich und auf der Empfehlungsliste präsent. Sogar ein nicht abstraktes atmosphärisches Solitär-Spiel, also ein reines Ein-Personen-Spiel, ist 2012 auf der Liste mit dabei.

Es war das Jahr des Würfels. Unheimlich viele kleine rasante Würfelspiele, die zum Teil Varianten bereits bekannter Spiele sind, wurden aus den Schüttelbechern der Hersteller auf den Markt geworfen und bereichern das Programm fast aller Verlage. Ein Würfelspiel ist sogar auf die Nominierungsliste gefallen. Überhaupt gab es dieses Jahr im Vergleich zu früher eine enorme Zahl von leicht überschaubaren, lustigen Spielen, bei denen Heiterkeit, Gaudi und Gelächter im Vordergrund stehen. Ein „Spiel des Jahres“ gewinnt den Preis aber trotzdem in Zukunft nicht deshalb, weil es einfach ist und einen leichten Einstieg hat, sondern immer noch, weil es vor allem gut ist.

Mehr überarbeitete Auflagen erschweren die Arbeit

Auffallend ist leider auch die klar zunehmende Zahl von Spielen, die zum Zeitpunkt des Erscheinens noch nicht in allen Details ausgereift sind. Vermehrt werden Regeländerungen, Material- und Design-Verbesserungen aufgrund von Reaktionen von Kunden und Kritikern auf die erste Auflage vorgenommen. Dies erschwert die Juryarbeit beträchtlich. Die Jury würde sich oft wünschen, dass die Redaktionen mehr Zeit in die Entwicklung einzelner Spiele investieren könnten, so dass die tollen Ideen auf Anhieb auch zur Geltung kommen. In diesem Zusammenhang ist die diesjährige Nominierung von „Eselsbrücke“ zu sehen. Erst die überarbeitete Neuauflage ist berücksichtigt worden, nachdem die erste Auflage im letzten Jahr noch Mängel aufgewiesen hatte, die den Spielspaß spürbar trübten.

Bei der Nominierung der je drei Titel für das „Kennerspiel des Jahres“ und das „Spiel des Jahres“ hat die Jury festgestellt, dass auch der Tod als natürlicher Teil zum Leben und zum Spielen gehört. Sei es, dass der Weg zu Ruhm und Ehre in einer ländlichen Familiensaga über die Verewigung der Protagonisten nach deren Ableben in der Dorfchronik führt. Sei es, dass man plötzlich mitten in einem Bergsteiger-Drama an einem Achttausender im Himalaja stecken bleibt, dessen Ausgang ungewiss ist. Die eisigen Berggipfel sind ein krasser Gegenpol zu den trockenen Wüstengefilden des dritten nominierten Spiels, wo Tuaregs mit Datteln, Salz und Pfeffer handeln. Damit hat es ein reines Zwei-Personen-Spiel auf die Nominierungsliste geschafft. Bei den Nominierten zum „Spiel des Jahres“ wird bewiesen, dass Zocken in Las Vegas auch ohne Geld und das Erfinden von Geschichten auch mit einem Gedächtnis wie ein Sieb höllischen Spaß machen. Das dritte Spiel entführt in ein mittelalterliches Land der beinahe unbegrenzten Möglichkeiten, dessen unheimlich variables Spielsystem erst im Verlauf von mehreren Partien seine wahre Spieltiefe preisgibt.

Die Antwort auf die Frage nach den Gewinnern von „Spiel des Jahres“ und „Kennerspiel des Jahres“ kennt vorerst nur der Wind. Gelüftet und in die Welt hinausgetragen wird das Geheimnis mit der Preisverleihung am 9. Juli in Berlin. Welche zwei Spiele es auch sein werden: Alle sechs nominierten Spiele haben die Gene und das Potenzial, um unterschiedlichste Menschen, sei es in der Familie, im Freundes- aber auch im Fremdenkreis, immer wieder auf kreative und sinnvolle Weise zu einem spannenden Erlebnis zusammenzubringen, an das man sich jedes Mal noch lange gerne erinnern wird.

Links rund um das Thema

Du kannst diesen Artikel nicht mehr kommentieren.