Kommentar: Aus Fehlern gelernt

Montage: Sebastian Wenzel
Neun Fachjournalisten haben gesprochen. Die Mitglieder der Jury haben Qwirkle als Spiel des Jahres 2011 und 7 Wonders als Kennerspiel des Jahres 2011 gewählt. Oft wurde die Jury für ihre Entscheidung gescholten. Aus gut informierten Kreisen ist zu hören, dass auch einige Jury-Mitglieder mit Preisträgern der vergangenen Jahre nicht ganz glücklich waren. Dieses Jahr dürfen die Spieleprofis sich jedoch auf die Schuler klopfen – sie haben alles richtig gemacht.

Qwirkle besticht durch einfache Regeln. Bei diesem Spiel können alle mitmachen, Oma, Eltern und Kinder. Das Werk von Susan McKinley Ross hat Potenzial, ein Klassiker zu werden. Scrabble, Domino und Rummikub lassen grüßen. Das haben die Spieleredakteure früh erkannt. Mehrere deutsche Verlage buhlten um die Lizenzrechte von Qwirkle, das in den USA 2006 bei Mindware erschien. Schmidt Spiele hat den Wettstreit gewonnen und darf sich freuen. Qwirkle wird dem Verlag sehr wahrscheinlich hohe Umsätze bescheren – nicht nur in diesem Weihnachtsgeschäft.

Das richtige Spiel für die Zielgruppe

Wer je im Handel gearbeitet hat weiß: Viele Käufer stehen ratlos vor den Regalen. Die zahlreichen bunten Schachteln verwirren sie. Meist greifen sie dann zu Klassikern aus ihrer Kindheit wie Monopoly oder verlassen sich blind auf die Empfehlung der Jury. Mit dem Preis für Qwirkle hat die Jury das richtige Spiel für diese Zielgruppe ausgezeichnet. Während Dominion, Spiel des Jahres 2010 2009, Vielspieler begeisterte, überforderte es viele Familien. Das ist schlecht und beschädigt die Auszeichnung. Dixit, Preisträger des vergangenen Jahres, überzeugte durch wunderschöne Grafiken, war aber kein klassisches Gesellschaftsspiel. Hier steht eher die Kommunikation im Vordergrund. Über Keltis, Spiel des Jahres 2008, hüllen wir an dieser Stelle den Mantel des Schweigens.

Natürlich profitiert die Jury bei ihrer Wahl von dem neuen Preis, dem Kennerspiel des Jahres. Es soll bekanntlich vor allem Menschen eine Orientierungshilfe bieten, die längere Zeit spielen und Erfahrung beim Erlernen neuer Spiele mitbringen. Während früher Strategiespiele wie Tikal oder Torres Spiel des Jahres wurden, hätten sie heute keine Chance mehr auf den Hauptpreis. Sie müssten sich mit dem Kennerspiel des Jahres begnügen. Dem Autor dieser Zeilen gefällt Strasbourg zwar deutlich besser als 7 Wonders, aber das Werk von Antoine Bauza hat in der Szene einfach zu viel Staub der Geschichte aufgewirbelt, als dass die Jury es hätte ignorieren können. Auf BoardGameGeek, der wichtigsten Spiele-Internetseite der Welt, bewerteten es über 7.000 Nutzer mit einer Durchschnittsnote von 7,96 von 10 Punkten. Strasbourg kommt nur auf 176 und Lancaster auf 112 Bewertungen.

Deutlicher Unterschied zwischen Spiel und Kennerspiel des Jahres

Durch die zwei Preisträger hat die Jury auch die Trennlinie zwischen dem roten und dem anthraziten Preis klar definiert. Das neue Kennerspiel soll sich vom Spiel des Jahres bekanntlich dadurch unterscheiden, dass die Regeln etwas umfangreicher und detaillierter sind. Die Spieler müssen nicht nur die eigenen, sondern auch die Figuren und Aktionen der anderen im Auge behalten, die Züge dauern länger und meist gibt es nach Spielende eine Schlusswertung. Hätte Asara statt Qwirkle den Hauptpreis gewonnen, wäre es schwer gewesen, diese Unterschiede zwischen den Spielen deutlich zu erkennen.

Die Jury hat dieses Jahr ein gutes Händchen bewiesen – hoffen wir, dass das auch in Zukunft gilt und Fehler der vergangenen Jahre sich nicht wiederholen.

Links rund um das Thema:

6 Kommentare zu “Kommentar: Aus Fehlern gelernt

  1. Da hat sich ein Fehler eingeschlichen: Dominion war Spiel des Jahres 2009.

    Aber warum hüllst du den Mantel des Schweigens um Keltis? Das war doch auch ein schönes Spiel für die Familie.

  2. Hallo Arne,

    ups, das mit den Jahreszahlen ist ein ärgerlicher Flüchtigkeitsfehler. Danke für den Hinweis. Ich habe den Text korrigiert.

    Ich hülle den Mantel des Schweigens über Keltis weil, …

    a.) … ich als Spiele-Erklärer öfters die Erfahrung gemacht habe, dass Menschen sich das Spiel gekauft haben, die Regeln sie aber überforderten. Das ist für den Preis “Spiel des Jahres” ein ähnliches Problem wie bei dem Preisträger von 2009, Dominion.

    b.) … Keltis kein Klassiker wie andere Preisträger geworden ist. Als Beispiele seien hier nur Rummikub, Siedler von Catan oder Carcassonne genannt. Qwirkle hat das Potenzial solch ein Klassiker zu werden.

    c.)… es wenn es schon Keltis sein muss, Keltis – Das Orakel die deutlich bessere Variante ist.

    d.) .. ich das Spiel persönlich nicht mag, der Beitrag als Kommentar gekennzeichnet ist und ich mir deswegen die Freiheit herausnehme, auf das Spiel an dieser Stelle nicht weiter einzugehen :-).

    Grüße
    Sebastian

  3. Danke für’s Mantellüften! Ich kann alle Argumente nachvollziehen. Mir persönlich gefällt Keltis gut. Und was die Einfachheit der Regeln angeht ist Qwirkle wirklich ein ideales Familienspiel…

  4. Ich möchte in Sachen Dominion widersprechen: Ich halte Dominion für eine ausgezeichnete Wahl als Spiel des Jahres 2009, weil es ein Meilenstein für die Spieleentwicklung war. Dominion hat ein ganzes Genre begründet, das haben sonst nur Titel wie El Grande geschafft (das übrigens in einer vergleichbaren Liga spielt, was Komplexität angeht.). Die Auszeichnung Spiel des Jahres richtet sich schließlich nicht nur an die Spieler, sondern soll auch (was gern vergessen wird) ein Zeichen für die Spieleentwicklung setzen und diese in positiver Weise vorantreiben. Genau dieser Aspekt ist ja auch der erklärte Grund (wenn man die Rückblicke der Jury liest), warum damals El Grande ausgezeichnet wurde: Weil die Jury die Verlage ermutigen wollte, komplexere Spiele zu entwickeln und auf den Markt zu bringen.
    Dominion hat unter den Spielern ein Deckbuilding-Fieber ausgelöst und die Spieleentwicklung vorangetrieben – was für einen besseren Kandidaten könnte man sich vorstellen?

  5. Ich bin gespannt ob Qwirkle wirklich das Zeug zum Klassiker hat. Natürlich sind die Spielregeln sehr einfach gehalten und die Einstiegsbarriere ist dadurch sehr gering. Aber wie schon im Artikel erwähnt wurde, besteht eine große Nähe zu Scrabble, Domino und Rumikub. Und aus meiner Erfahrung wird es durch solche Nähe immer schwer aus dem Schatten dieser Spiele zu springen.
    Wobei bei Amazon ist es schon auf Platz 1. 🙂

  6. Pingback: Dixit Odyssey » Das-SpielEn.de

Online-Spiele:

Jenga, Kniffel, Mastermind, Schach, Vier gewinnt und Tangram. Mehr Spiele findest Du auf der Übersichts-Seite.
 
 

Aktion: