Hotelgäste im Spielerausch

Foto: Hotel

Jeden Herbst verwandelt sich das Ramada Hotel Willingen für zehn Tage in ein Paradies für Brettspieler. Während der Aktion "Spieletreff Sauerland" beträgt die Zimmerauslastung fast hundert Prozent – und das in der Nebensaison.

Im Restaurant kämpfen Werwölfe gegen Vampire. Durchs Bistro dampft eine Eisenbahn. Und im Tagungsraum feilschen Händler um Kaffee, Mais und Zucker. Hoteldirektor Andreas Respondek bringt das nicht aus der Ruhe, ganz im Gegenteil. Er blickt zufrieden auf das Durcheinander.

Sein 3-Sterne-Superior-Hotel steht im Hochsauerland, einer Ferienregion im Mittelgebirge. Im Sommer begeistern grüne Wälder die Touristen, im Winter weiße Pisten. Und im Herbst? „Da fällt es uns schwer, Gäste zu gewinnen“, sagt Beate Gohmert. Schon die Vorgänger der Verkaufsassistentin kämpften mit dem Problem. Die Lösung: Eine Aktion, die das Haus füllt. Das war 1985. Die Hotelleitung überlegte fieberhaft, wie sich die Auslastung in der nasskalten Jahreszeit steigern lässt. Da kam die Bekanntschaft mit Hans-Christian Winters gerade recht. Winters war damals Journalist und Mitglied der Jury „Spiel des Jahres“. Der Preis ist sozusagen der Oscar der Spielebranche. Winters suchte einen Ort, an dem er mit Freunden ungestört Neuheiten testen konnte. Das Ramada Hotel Willingen gefiel ihm auf Anhieb. Schnell wurde man sich einig. Die Aktion war geboren.

Zum ersten Spieltreff Sauerland kamen fünfzig Gäste, beim zweiten Event waren es schon Hundert. Heute reisen Jahr für Jahr mehr als 250 Personen zu den Spieleabenden an. Und obwohl keine Urlaubszeit ist im Sauerland, ringt der Vampir im vollen Restaurant ums Überleben. Zwei Würfel rollen über den Tisch. Der Werwolf jubelt. Er hat den Kampf und das Kosmos-Spiel „Jäger der Nacht“ gewonnen. Die Gäste lachen, erheben sich und schlendern zum Abendbuffet. Auch Spieler müssen essen.

Der eine drapiert Kartoffelsalat auf seinem Teller, daneben ein Schnitzel. Die andere bevorzugt Pasta und Gemüse. Zurück am Tisch haben die Mitspieler alles für eine Revanche vorbereitet. Die Teller landen neben dem Brett und werden für die nächsten dreißig Minuten ignoriert. „Essen ist für Spieler eine kleine Nebensache“, sagt Gohmert. Hungrig sind die Gäste nur auf eines: Spiele.

Ausgebucht ohne Werbung

Der 27. Spieletreff findet dieses Jahr vom 11. bis 20. November statt. Die 100 Zimmer, darunter 66 Appartements für je vier Personen, sind für den zehntägigen Aktionszeitraum bereits fast komplett ausgebucht – und das ganz ohne Werbung. Die Veranstaltung ist ein Selbstläufer und füllt die 358 Betten auch in der Nebensaison. „Die meisten Gäste reservieren beim Check-out schon fürs nächste Jahr“, freut sich Gohmert. Das Arrangement für eine Nacht kostet 70 Euro pro Person, wer neun Nächte bleiben will, zahlt 432 Euro. Im Preis enthalten sind neben der Übernachtung das Frühstücks- und Abendbuffet sowie der Zutritt zum Wellness-Bereich.

Für die Spieler offeriert das Hotel außerdem einen speziellen Service. Viele Besucher schicken im Vorfeld der Veranstaltung riesige Pakete an das Haus. Der Inhalt: Brettspiele, was sonst. „Wir nehmen die Postsendungen in Empfang, lagern sie und bringen sie den Gäste nach der Anreise aufs Zimmer“, erläutert Gohmert.

Eigentlich müssten die Gäste keine Spiele mitbringen, besitzt doch das Hotel selbst eine Sammlung mit über tausend Spielen, die ständig wächst. Der Spieletreff Sauerland ist inzwischen so bekannt, dass Verlage dem Hotel aktuelle Spiele schenken. Knut-Michael Wolf ist verantwortlich dafür, dass der Kontakt zu den Unternehmen nicht abbricht ist. Der Spieleautor und -kritiker kennt die Szene bestens und ist Mitorganisator der Veranstaltung.

Der Werwolf gewinnt auch die zweite Runde. Erst verputzt er seine Gegner, dann das inzwischen kalte Abendessen. Der Gruppe steht der Sinn nach neuen Abenteuern. Die Gäste entscheiden sich für „Navegador“. In dem Spiel des PD-Verlags müssen sie Seewege erschließen und Kolonien besiedeln. Schon bald segeln Holzschiffe der glühenden Sonne über Afrika entgegen. In Deutschland leuchtet der Mond über Willingen. Es ist kurz vor Mitternacht. Die Nacht ist noch lang. Die Spieler fallen oft erst früh morgens in ihre Betten.

Während des Aktionszeitraums verirrt sich kein „normaler“ Gast in das Hotel. Alle 250 Besucher wollen nur eins: spielen. Damit sie ihrer Leidenschaft voll und ganz frönen können, verwandelt sich das komplette Haus in ein riesigen Spielplatz: die fünf Tagungsräume, in denen sonst bis zu 240 Geschäftskunden konferieren, genauso wie das Restaurant mit 370 Sitzplätzen.

Die Vorbereitungen sind trotzdem überschaubar. „Am anstrengendsten ist es, unsere Spielesammlung zu überprüfen. Zwei Wochen dauert es, jedes Spiel zu öffnen und nachzuzählen, ob alle Figuren, Karten und Würfel noch vorhanden sind“, sagt Gohmert.

Zehn Tage Vorbereitung

Die eigentlichen Vorbereitungen für Spieltreff dauern etwa 10 Tage. Dazu gehören das Umstellen der Tische sowie das Schreiben der Personalpläne. Etwa 25 Mitarbeiter sind im Einsatz. Damit der Arbeitsaufwand für die Service-Kräfte geringer ist, werden die Getränke während der Spielewoche nicht bar, sondern mit Chips bezahlt. Zehn Stück kosten 17 Euro. Ein Bier gibt’s für zwei Chips, sprich 3,40 Euro. Außerdem tragen alle Gäste ein rotes Armband. Es zeigt, dass sie das Arrangement gebucht haben. Viele Spieler kennen diese Prozedur. Sie kommen schon seit Jahren. Das Hotel ist ihr zweites zu Hause. Auch der Werwolf fühlt sich hier wohl. Er steht nach der durchspielten Nacht mit gepackten Koffern vor der Rezeption. Seine Augen sind klein, das Haar ist verstrubbelt. Es wurde spät. Mal wieder. Er hat das letzte Spiel verloren. Doch er ist sich sicher: Es gibt eine Revanche. Nächstes Jahr will er seine Konkurrenten auch beim Wettsegeln schlagen. Seine Kajüte im Ramada Hotel Willingen hat er dafür schon gebucht.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Allgemeinen Hotel- und Gastronomie-Zeitung.

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