Frankfurter Spielkinder

Fotos: Sebastian Wenzel
Von wegen Spielen ist Kinderkram. In Frankfurt-Bockenheim treffen sich regelmäßig Erwachsene, die Karten- und Brettspiele zocken. zuspieler.de hat sie besucht.

Achim Isenberg kommandiert Außerirdische. Raumtruppen, Roboter und Rebellen warten auf seine Befehle, doch Isenberg schweigt. Der 41-Jährige grübelt. Er schiebt mit dem Zeigefinger seine Brille auf die Nase. Er schließt seine Augen, reibt sich die Schläfe. Isenberg muss sich entscheiden. Soll er den Planeten „New Sparta“ erobern oder das All erkunden? Durch den Kopf des Ginnheimers wandern Strategien, durch seine rechte Hand Karten. Auf den Vorderseiten sind bunte Bilder gedruckt, auf der Rückseite der schwarze Weltraum und silbernen Buchstaben: Race for the Galaxy steht dort. So heißt das Kartenspiel von Tom Lehmann, mit dem Isenberg in fremde Sonnensysteme fliegt. Isenberg ist Gesellschaftsspieler. Jeden ersten und dritten Samstag trifft er sich mit gleich gesinnten Freunden im Café Albatros. Von 17 Uhr bis Mitternacht rollen dort Würfel über die Holztische und laufen Spielfiguren über Bretter.

“Spielzeug für Erwachsene wird immer wichtiger”

Der Verband der Spielwaren-Industrie (DVSI) schätzt, dass die Deutschen dieses Jahr 2,6 Milliarden Euro für Gesellschaftsspiele, Modelleisenbahnen und Puppen ausgeben. Nicht alles davon ist für den Nachwuchs gedacht. „Spielzeug für Erwachsene wird immer wichtiger – zum Beispiel als Ausgleich für den stressigen Alltag. In den vergangen Jahren besonders beliebt: Brettspiele. Der Anteil der erwachsenen Käufer liegt hier bei 25 Prozent“, informiert der DVSI. Die Konsumenten haben die Qual der Wahl. Allein im Herbst präsentierten die Verlage über 750 neue Spiele. Hinzu kommen Klassiker, die sich in den Regalen der Fachhändler stapeln: zum Beispiel Monopoly, Die Siedler von Catan oder Carcassonne.

Isenberg rutscht auf seinem Kommandosessel umher, einem dunkelbraunen Holzstuhl. Gelbe Wandlampen tauchen den Raum in ein warmes und helles Licht. Das ist wichtig für Spieler. So lassen sich Farben unterscheiden und Kartentexte entziffern. Auf dem ersten Nebentisch türmen sich bunte Kartons, noch mehr Spiele. Am zweiten Nebentisch unterhält sich eine Familie, normale Gäste. Die Mutter dreht den Kopf zu den Kartenspielern. Ihre Augen fixieren neugierig das Treiben. „Wir sind immer auf der Suche nach Mitspielern. Bei uns ist jeder Willkommen“, sagt Isenberg. Aktuelle Termine erfahren Interessierte auf der Internetseite der Gruppe, www.spielenachtmittag.de. Dort können sie sich auch in einen E-Mail-Verteiler eintragen. So trudelt die Einladung zum nächsten Treffen automatisch ins Postfach. Wer im Café Albatros vorbeischaut, profitiert gleich dreifach.

Erstens kennen die Profis die meisten Spiele und erklären sie gerne. Niemand muss sich durch komplizierte Anleitungen quälen. Zweitens kann man die unterschiedlichsten Brett- und Kartenspiele testen. Bei jedem Treffen sind mindestens zehn Werke vor Ort. Das erleichtert das nächste Mal in der Spielwarenabteilung die Kaufentscheidung. Drittens lernen Besucher unkompliziert neue Leute kennen – vom Geschäftsführer bis zum Studenten, vom Zugezogenen bis zum Einheimischen. „Der Name verrät es schon: Gesellschaftsspiele sind dafür gemacht, dass man sie in Gesellschaft spielt“, sagt Isenberg.

Er greift nach einer Karte und legt sie auf den Tisch. Seine Entscheidung ist gefallen. Der Planet „New Sparta“ soll fallen.

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Der Artikel erschien erstmalig im Journal Frankfurt.

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