“Fallen lernt man nur durch Fallen”

Der Weltspieltag findet am 28. Mai 2011 statt.

Mit dem Weltspieltag will das Deutsche Kinderhilfswerk mit seinen Partnern im „Bündnis Recht auf Spiel“ die Bedeutung des Spiels für Kinder ins Bewusstsein rufen und mehr Akzeptanz für spielende Kinder fördern. 2011 wird der Weltspieltag deutschlandweit zum vierten Mal ausgerichtet und findet unter dem Motto „Spielorte neu entdecken!“ statt. In seinem Gastbeitrag erklärt Holger Hofmann, Leiter Programmabteilung des Deutschen Kinderhilfswerks, was es mit dem Motto auf sich hat.

Betrachtet man den Freiraum, der Kindern heute für „Spiel und Bewegung“ zur Verfügung steht, dann müssen wir konstatieren, dass manche Kinder eine entsprechende Erfahrung nur noch im pädagogischen Rahmen von Bildungseinrichtungen erfahren. Sie werden morgens zur Schule gefahren, am Nachmittag wieder abgeholt, um sich zuhause mit Hausaufgaben und dem Computer zu beschäftigen oder vielleicht noch zum Sport- oder Musikunterricht begleitet zu werden. Es lässt sich feststellen, dass der Aktionsradius von Kindern heute geringer ist als früher. Im öffentlichen Raum sind nur noch wenige Kinder anzutreffen, die Straße als Spielraum ist heute nahezu vollständig verloren gegangen. Die Kenntnis über die Wohngegend ist dadurch bei Kindern immer weniger vorhanden. Sie kennen sich im Shopping-Center besser aus als im Wohnumfeld und verpassen Gelegenheiten, wo sie Verstecken spielen, sich an Bachläufen tummeln oder Baumhäuser bauen könnten. Sie werden diese Erfahrung meist ein Leben lang nicht nachholen.

Der Verweis auf den typischen Spielplatz kann nicht genügen, dort halten sich Kinder – wenn sie aus der Obhut ihrer Eltern entwachsen sind – wenig oder nur noch kurz auf. Eine Wippe nutzen sie pro Spielplatzbesuch durchschnittlich zwei Minuten, eine Schaukel fünf und eine Kletterburg immerhin schon zehn Minuten. Denn diese Geräte sind nur für eine Funktion ausgelegt, sie fordern die Kreativität nicht heraus, deshalb beschäftigen sich Kinder nicht lange mit ihnen. Die Ausgestaltung von Spielplätzen orientiert sich mittlerweile insbesondere an Gerätenormen und Haftungsfragen. Anregungsvielfalt, Interaktion und Gestaltbarkeit sind dagegen untergeordnete Qualitäten. Die Verweildauer ist ungleich höher an Orten, an denen Kinder Spuren hinterlassen, die sie selbst gestalten, wo sie miteinander in Kontakt kommen und Rollenspiele entwickeln können. Dazu braucht es jedoch eine gewisse Unübersichtlichkeit, es braucht Hecken, Nischen und Möglichkeiten, sich zu verstecken – ohne dauernde Aufsicht oder pädagogische Begleitung durch Erwachsene. Doch solche Freiräume sind rar in Städten, in denen Brachflächen oder Wiesen oft als „Baulücken“ bezeichnet werden. Mit dem Weltspieltag gilt es, solche Freiräume aufzuspüren, zu erhalten und für Kinder nutzbar zu machen.

“Kindern mehr zutrauen”

Fehlen Kindern solche Freiräume, so ist davon auszugehen, dass sich ihre motorischen Fähigkeiten, ihre Unabhängigkeit, ihr Selbstbewusstsein und ihre Achtung vor der natürlichen und sozialen Umwelt nachteilig entwickeln. Die Dramatik der motorischen Defizite von Kindern ist mittlerweile bekannt. Politische und fachliche Forderungen richten sich aber in der Regel an die Bildungseinrichtungen und an die Familie, der öffentliche Raum spielt eine untergeordnete Rolle. Selten zu hören ist die Forderung nach frei zugänglichen und gestaltbaren Spielflächen im Wohnumfeld, nach einem Kinderbauernhof, der Kontakt zu Heim-, Haus- und Nutztieren bietet, nach Bauspielplätzen oder nach dem Erhalt von Brachflächen, Kletterbäumen und frei zugänglichen Gewässern.

Letztlich traut sich aber kaum jemand, diese Freiräume zu fordern – zu groß ist die Angst, sich dem Vorwurf der Gefährdung von Kindern aussetzen zu müssen. Dabei war es für die heutigen Erwachsenen in ihrer eigenen Kindheit etwa noch üblich, mit sechs Jahren auf dem Fahrrad das Wohnumfeld zu erobern – aus Sorge um ihr Wohlergehen dürfen Kinder das heute oftmals erst ab zehn Jahren. Eltern erkennen nicht, dass sie ihren Kindern mit solcher Vorsicht mehr schaden als nutzen. Es ist eine Binsenweisheit: „Fallen lernt man nur durch Fallen“. Kinder vor allen Gefahren beschützen zu wollen heißt, ihnen eine wichtige Erfahrungsgrundlage zu entziehen, ohne die es ihnen schwer fallen wird, sich außerhalb dieser „Schutzräume“ gesund zu entwickeln. Selbst die Unfallkassen fördern mittlerweile „risikoreiche“ Bewegungsprojekte. Dass Eltern ihren Kindern heute so wenig zutrauen, steht im Zusammenhang von medial verstärkten Ängsten, Unsicherheit mit der eigenen Elternrolle und einem überhöhten Sicherheitsbedürfnis unserer heutigen Gesellschaft. Mit mehr Vertrauen in ihre Kinder, würden Eltern die Grundlage dafür schaffen, dass sich die Kinder selbst etwas zutrauen.

Damit Freiräume für Kinder sich im öffentlichen Raum wieder entwickeln, müssten aber auch Politik und Stadtplanung davon wegkommen, Stadtentwicklung an den Prämissen der Funktionalität und Ästhetik auszurichten. Stattdessen sollten Erfahrungs- und Interaktionsqualität in den Vordergrund rücken. Dies ist nicht minder für alle Generationen und deren Interaktion untereinander von Bedeutung. Nicht zuletzt steht eine einseitig verstandene Bildung, die sich an Quantität ausrichtet, Freiräumen von Kindern entgegen. Die Notwendigkeit von Ganztagsschulen soll hier nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden, aber sie ist in ihrer aktuellen Form dafür verantwortlich, dass viele Kinder überhaupt keine Freiräume – in zeitlichem Sinne – mehr erleben. Viele Erwachsene wundern sich über an der Gesellschaft wenig interessierte Kinder und Jugendliche oder auch über eine Jugend, die eine spezifische Jugendkultur vermissen lässt. Wirklich verwunderlich ist das im Zuge des Verlustes von Freiräumen, dem damit verbundenen Rückzug ins Private, in virtuelle Räume und einer sich dadurch erschwerten Individualität aber nicht.

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