“Es kommt nicht auf die Schachtelgrösse an”

Fotos: GoodMood Photo - Fotolia.com, Spiel des Jahres. Montage: Sebastian Wenzel
zuspieler.de veröffentlicht den offiziellen Kommentar des „Spiel des Jahres“-Vorsitzenden Tom Felber zum Spielejahrgang 2013, der ursprünglich auf spiel-des-jahres.de erschienen ist. Er schreibt: Oft sind gerade kleine preiswerte Spiele sehr raffiniert und bieten enormen Spielspass. Weil sie überall hin mitgenommen und nahezu an jedem Ort gespielt werden können, sind manche von ihnen die idealen Botschafter, um das Spiel als Kulturgut in Familie und Gesellschaft weiter zu verbreiten, was ja das zentrale und eigentliche Anliegen ist, das die Jury „Spiel des Jahres“ mit ihren Preisen, Nominierungen und Empfehlungslisten verfolgt.

Der Entscheid, dieses Jahr von den Ausmassen auch sehr kleinformatige, im Gehalt aber durchaus Spiele mit grossem Format zu nominieren, mag deshalb einerseits als ein Statement wirken, das längst fällig war. Andererseits ist die Jury aber überzeugt davon, dass jedes der nominierten Spiele das Potenzial hat, um auch tatsächlich ausgezeichnet zu werden.

30 Spiele hat die Jury dieses Jahr auf ihre Empfehlungslisten gesetzt und in drei farblich getrennten Kategorien je drei Titel für einen Hauptpreis nominiert: Blau steht für Kinderspiele, Rot bezeichnet Spiele für Alle, und mit der Farbe Anthrazit sind Spiele für erfahrenere Leute gekennzeichnet. Die Trennlinie zwischen „Spiel des Jahres“ und „Kennerspiel des Jahres“ führt hauptsächlich über den Aufwand der notwendig ist, um in die jeweiligen Spielewelten eintreten zu können.

Auch ausserhalb des Kinderspiel-Bereichs setzt die Jury den Schwerpunkt erneut bei den Spielen mit leichterem Zugang, um vor allem Leuten, die keine Experten sind, Rat und Orientierungshilfe zu bieten. Zwar erschienen im Laufe des vergangenen Jahres im komplexeren Bereich Spiele in Hülle und Fülle auf dem Markt, die meisten von ihnen wandelten – nach Ansicht der Jury – aber doch auf zwar soliden, aber eher bekannten Pfaden. Auf Innovatives und Unerwartetes, das auch funktioniert, stiess man weit häufiger im roten Jury-Bereich, was sich auch in der Liste widerspiegelt.

Hat man sich durch den gesamten Jahrgang gespielt, bleibt eine grosse Zahl von kooperativen Spielen in der Erinnerung haften: Spiele, bei denen die Spieler als Gruppe gemeinsam gewinnen oder verlieren, liegen nach wie vor im Trend. Die Systeme sind dabei in den vergangenen Jahren immer ausgeklügelter geworden, so dass das gemeinsame Erlebnis tatsächlich ähnliche Spannungen erzeugt wie der Wettbewerb gegen Konkurrenten. Nicht immer geht es darum, gemeinsam ein Unheil abzuwenden, sondern der Reiz kann auch durchaus nur darin liegen, konstruktiv im Team einen Highscore hoch zu treiben.

“Klassische Mechanismen neu interpretiert”

Auffallend ist sodann, dass viele alte klassische Spielmechanismen auf überraschende oder schräge Weise neu interpretiert werden. Mehreren Spielen, die dieses Jahr auf den Listen zu finden sind, liegen zwar bekannte traditionelle Ideen zu Grunde, die aber auf völlig unerwartete Weise auf neue Ebenen gehoben werden: Das klassische Bingo wird mit taktischen Komponenten versehen, Karten hält man plötzlich verkehrt herum in der Hand. Bei Würfeln gilt nicht nur, welchen Wert sie zeigen, sondern auch wo sie landen. Das Schokoladen-Spiel wird zum hektischen Tempel-Abenteuer umgemodelt. Die Jury hat dieses Jahr bewusst mehrere Spiele mit einem Platz auf der Liste gewürdigt, bei denen Spielsystem und Spielthema ganz besonders gelungen zu einer Einheit verschmelzen. Einige der empfohlenen Spiele entfalten ihren Reiz allerdings nicht immer offensichtlich in der ersten Partie, sondern erst wenn man sich mit zunehmender Spielerfahrung tiefer und tiefer in ihren Sog begibt.

Alle drei für das „Spiel des Jahres“ nominierten Spiele haben gemeinsam, dass die Wartezeiten minimal sind, weil die Beteiligten zum Teil zeitgleich aktiv sind. Mal wird zusammen ein möglichst wertvolles Feuerwerk gezündet, mal dürfen auch die von Gegnern geworfenen Würfel klug genutzt werden, mal wird Bingo, das eh simultan gespielt wird, taktisch verfeinert ins alte Rom transferiert.

Die diesjährige Nomination für das „Kennerspiel des Jahres“ gleicht einem geografischen kleinen ABC. Alle drei Spiele entführen in fiktive oder ferne Orte: Andor, Brügge und Carrara. Je nach Vorliebe muss ein Land vor Horden einfallender Bösewichte geschützt werden oder es gilt, entweder in der ersten Börsenstadt Europas Einfluss, Macht und Status zu gewinnen oder mit Marmor aus Carrara, der in verschieden wertvollen Qualitäten abgebaut wird, Paläste, Kirchen und Patrizierhäuser in Italien zu errichten.

Zwei hervorragende Strategie-Spiele, die aufgrund ihrer Einstiegshürden, Komplexitäten und Spiellängen über dem Bereich stehen, den die Jury als nominierungsfähig für das Kennerspiel erachtet, wurden zusätzlich auf die Empfehlungsliste gesetzt.

Es ist der Jury bewusst, dass der eine oder andere Spielefan sein Lieblingsspiel auf der Liste vermissen wird. Schon aus Platzgründen konnten auch diesmal nicht alle guten Spiele berücksichtigt werden. Die Jury ist aber überzeugt, dass für jeden Geschmack, jeden Anspruch, jede Gruppensituation und jedes Alter etwas Passendes dabei ist.

Bei der Selektion ins Gewicht fiel diesmal leider bei einigen vielversprechenden Titeln auch, dass der Erscheinungstermin zu knapp vor der Klausurtagung lag, so dass die Spiele für eine seriöse Beurteilung nicht sinnvoll und oft genug gespielt und ausprobiert werden konnten. Allgemein bekannt dürfte inzwischen zudem sein, dass originelle Spielideen der Jury nicht genügen, selbst wenn sie genial sind. Es kommt auch sehr auf deren Umsetzung, auf das Gesamtprodukt an. Durch suboptimale Redaktionsarbeit, die in Material-, Design- oder Spielregelmängeln zum Ausdruck kam, wurde einmal mehr das Potenzial mehrerer aussichtsreicher Spieletitel geschmälert oder sogar vernichtet. Ein Hauptproblem ist nach wie vor, dass noch immer zu viele Spielregeln in Bezug auf Übersichtlichkeit, Klarheit und den didaktischen Aufbau zu wünschen übrig lassen.
Welche Titel dieses Jahr zum „Spiel des Jahres“ und „Kennerspiel des Jahres“ gekürt werden, wird am Montag, 8. Juli, im Rahmen einer Pressekonferenz in Berlin bekannt gegeben. Zuvor werden die nominierten Spiele von jedem Jurymitglied nochmals einer intensiven mehrwöchigen Testphase unterzogen. Die Chancen sind dabei für alle sechs Spiele noch intakt.

Denn ein Geheimnis aus der Jurysitzung kann für einmal verraten werden: Favoriten gibt es intern bisher keine.

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2 Kommentare zu ““Es kommt nicht auf die Schachtelgrösse an”

  1. Hallo, der Bericht ist gut, ich vermisse die Best Liste – diese hänge ich im Geschäft aus und gebe es interessierte Kunden mit. Je mehr man über Spiele spricht – besserer Verkauf, ich freue mich wenn Sie mir gute Ideen geben um Verkauf und Spieletage
    MFG Gembries

  2. Hallo Gembries,

    die Empfehlungsliste findest Du unter http://zuspieler.de/die-nominierten-2013/ und http://www.spiel-des-jahres.com.

    Nun zu den Spieletage: Vielleicht hast Du ja Interesse, bei “Stadt-Land-spielt” mitzumachen. Mehr dazu unter http://zuspieler.de/sehen-uns-als-botschafter-des-gesellschaftsspiels/.

    Wenn Du das Catan-Mobil für eine Veranstaltung mieten möchtest, sind die Mitarbeiter des Städtischen Spielezentrums Herne der richtige Ansprechpartner, http://www.spielezentrum.de.

    Auch im kommenden Jahr findet wahrscheinlich ein Gratisrollenspiel-Tag statt. Mehr dazu unter http://zuspieler.de/der-gratisrollenspieltag/.

    Garantiert findet im kommenden Jahr der Weltspieltag statt, http://www.recht-auf-spiel.de/index.php?option=com_content&view=article&id=5&Itemid=24

    Ansonsten gibt es auch immer wieder Aktionen von Verlagen. Dazu am besten direkt bei den jeweiligen Verlagen nachfragen.

    Zum Verkauf: Inspirationen dazu geben Dir vielleicht die Ergebnisse der Studie “Toys 3.0 – The Next Generation” der Spielwarenmesse Nürnberg, http://www.spielwarenmesse.de/index.php?id=4963. Ansonsten hier noch ein Hinweis auf einen Artikel über die Spielepräsentation bei Kaufhof, http://zuspieler.de/verlage-raus-ordnung-rein/.

    Grüße
    Sebastian

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