Erst imitieren, dann konstruieren

Foto: Marén Kruse

Máren Kruse erfindet an einer Berliner Grundschule zusammen mit Kindern Brettspiele. Auf zuspieler.de erklärt sie, was Kinder dabei lernen und warum es nicht ausreicht, wenn Glitzerfelder auf Spielbrettern nur schön aussehen.

Nele entwickelte ihr erstes Spiel mit sechs Jahren. Mittlerweile ist Nele sieben und weiß schon heute, was sie morgen werden will: Spieleautorin. Das erzählt sie jedem, der es hören will. Nele arbeitet hart an ihrer Karriere und verbessert ihre Spiele ständig. Egal ob in ihrer Freizeit oder in der Brettspiel-AG an einer Berliner Grundschule: Sie ist fast dauernd mit ihren Werken beschäftigt.

Nele hat bereits zwei Spiele entwickelt – von den selbst erfundenen Figuren, über die Gestaltung des Spielplans, bis hin zu Regeln und Mechanismen. Es macht ihr Spaß. Sie denkt gerne über neue Ideen nach, entwirft Materialien und baut Regeln ins Spiel ein. Meist kann sie es kaum erwarten, ihre Entdeckungen und Erfindungen in der AG vorzustellen und zu testen. Kritik, steckt sie lächelnd weg. Sie steht dazu, dass sie ihr Spiel trotzdem gut findet.

Was sich bei Nele an kognitiven und emotionalen Reifungsprozessen abzeichnet, vollzieht sich in ähnlicher Weise bei allen Kindern, die Spiele entwickeln. Sie entdecken sich selbst und ihre Fähigkeiten. Kinder entwickeln ein Selbstvertrauen, eine schnelle Auffassungsgabe und ein Gespür dafür, wie Dinge funktionieren und in Beziehung treten. Veränderung und Persönlichkeitsentwicklung erfolgt dabei einerseits über Identitätsstiftung und andererseits über Konsequenz-Erfahrung. Beides ist im Prozess des Spieleentwickelns verankert.

Gesellschaftsspiele individuell verschönern

Wenn man mit Kindern Spiele entwickelt, fällt eines direkt auf: Für Kinder heißt Erfinden anfangs, sich Ideen aus vorhandenen Spielen abzuschauen und zu nutzen. Kinder imitieren, adaptieren, kopieren, skalieren, und reproduzieren. Diese Beobachtung deckt sich mit den Erfahrungen renommierter Spieleentwicklerkollegen wie Wolfgang Kramer oder auch meines Co-Autoren Jens-Peter Schliemann. Alle begannen in frühester Kindheit, Spiele nachzubauen und Regeln abzuändern oder neue hinzuzufügen.

Auch in der Brettspiel-AG an unserer Schule haben wir so begonnen. Die Kinder hatten große Freude daran, Miniversionen diverser Spiele wie Mikado oder Puzzles zu erstellen. Für sie lag der Mehrwert zunächst in der Ausgestaltung individueller ästhetisch-künstlerischer Aspekte. Dadurch war das Spiel nicht irgendein gekauftes Produkt, sondern ihr Spiel, das sie selbst angefertigt hatten. Mit Hingabe verliehen die Kinder den Spielen ihre persönliche Note, wodurch sich der Spielreiz erhöhte. Davon profitierte das gesamte Umfeld – von Eltern, über Geschwistern, Großeltern bis hin zu Freunden und Klassenkameraden. Es entstand eine Dynamik, die insbesondere das Klassenumfeld packte. Plötzlich begannen auch Kinder, die nicht in der Brettspiel-AG waren, Spiele zu erfinden und zu entwickeln.

Im weiteren Verlauf kommen dann das Interessieren, Diskutieren, manchmal auch Lamentieren, Kapieren, Modifizieren, Initiieren und Inszenieren dazu. So finden sich die Kinder mittlerweile in jeder freien Minute zusammen und diskutieren über das Spielmaterial, die Figuren, die Regeln und wie diese einzusetzen wären. Telefonkonferenzen werden geschaltet, da sich nicht immer alle Kinder am Nachmittag gemeinsam treffen können. Oft arbeiten sie in Gruppen zusammen. Die Kinder helfen sich gegenseitig mit ihrem erlernten Wissen und ihren Fähigkeiten. Bei den Tests neuer Spiele, schlagen sie selbständig Änderungen vor. Die erlernten Rückkoppelungsmechanismen münden in ersten Modifizierungsversuchen. Das heißt, die Kinder sind wesentlich schneller als früher im Rückschließen und erkennen mögliche Schwachstellen sowie im Gestalten der Regeln. Durch diese Mechanismen, tritt eine Selbstregulation ein, die es Kindern ermöglicht, ihr Denken und Handeln hin zu gewünschten Dynamiken zu korrigieren, beziehungsweise anzupassen. Dies alles ohne pädagogisches Eingreifen, und ohne Druck von Außen. Die Kinder entwickeln ein zunehmendes Lösungsdenken. Ein Beispiel aus dem Spieleentwickleralltag, verdeutlicht diese Rückkoppelungsmechanismen:

Glitzernde Fehler

In ihrer Anleitung schrieb Nele sinngemäß: „Ein Spieler muss aussetzen, sobald er auf ein Glitzerfeld kommt. Die Zugfolge ist den Spielern freigestellt.“ Durch die beiden Regeln entstand ein Ausschluss. Klar, dass bei freier Zugfolge kein Spieler jemals ein Glitzerfeld betreten wollte. Glitzerfelder sind zwar schön fürs Auge, doch nutzlos, wenn sie nicht an einen bindenden Mechanismus gekoppelt sind. Das stellte Nele im Laufe der Testrunden verwundert fest und änderte den Prototypen ihres Spiels. Das Glitzerelement, dass sie als wichtig empfand, funktionierte sie zu einem eigenen Mechanismus um, quasi einem Spiel im Spiel. Nele belegte die Felder mit unterschiedlichen Symbolen, die verschiedene Aufgaben auslösten. So blieben die Spieler immer neugierig, welche Aufgaben sich hinter welchem Symbol versteckten.

Dieser Lernprozess zeigt sich bei allen Kindern. Zunächst imitieren sie vorhandene Spielemechanismen. Später dann kommt das Differenzieren, Kombinieren und Rekonstruieren hinzu. Sie entdecken unterschiedliche Welten. Nach etwa zwei bis drei Jahren des Entwickelns beginnen sie zu konstruieren und dabei Welten zu erfinden. Sie hinterfragen, kritisieren, selektieren und dekonstruieren- nehmen dabei die Welt auseinander und fügen sie anders wieder zusammen. Daran schließt sich der Prozess des Variierens und Transformierens an, bis sie am Schluss mit ihrem Spiel möglicherweise kooperieren, auf alle Fälle aber hausieren gehen.

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Ein Kommentar zu “Erst imitieren, dann konstruieren

  1. Ist ja witzig, vor etwa 4 Wochen habe ich selbst einen Brettspieleerfinderwerkstatt in Berlin Kreuzberg veranstaltet. Kinder waren aber zwischen 8 und 12 Jahren.

    Danke für den Artikel

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