Entwicklungstagebuch: EinStein würfelt nicht!

Als im Wissenschaftsjahr 2005, das Albert Einstein gewidmet war, die damalige Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn die Universität Jena besuchte, überreichte ihr Rektor Prof. Dr. Klaus Dicke als Gastgeschenk das Spiel "EinStein würfelt nicht". Das vom Jenaer Mathematiker Prof. Dr. Ingo Althöfer anlässlich des Einstein-Jahres entwickelte Brettspiel, von dem es auch eine Internetvariante gibt, ist jedoch mehr als ein Produkt des fantasievollen Geistes seines Schöpfers. "Das Spiel zeigt, wie Wissenschaft in der Praxis funktioniert und macht Mathematik anschaulicher", erläutert Althöfer. So lässt sich etwa mit dem EinStein-Spiel die Wahrscheinlichkeits-Rechnung ganz plastisch lernen. Foto: Scheere/FSU-Fotozentrum

EinStein würfelt nicht! habe ich im Sommer 2004 erfunden. Der Öffentlichkeit EinStein würfelt nicht!" habe ich im Sommer 2004 erfunden. Der Öffentlichkeit wurde es präsentiert auf der Computer-Messe "Games Convention" in Leipzig, im August 2004. Etwa dreihundert Besucher probierten es an den vier Tagen aus. Danach war ich mir sicher: EinStein würfelt nicht! (kurz Ewn) ist ein tolles Spiel.

Für Vergnügungssüchtige: Es gibt ein Youtube-Video, das den Fernseh-Komiker Oliver Pocher auf der Games Convention 2004 zeigt. In einer Szene (von 1min : 05sec bis 1:35) versuche ich, ihm die Spielregeln von Ewn zu erklären, und merke erst ziemlich spät, dass er mich verscheissert. Angucken

Ewn fiel nicht vom Himmel. Sein Vorgänger war ein Fussball-Brettspiel mit Zufalls-Elementen. Hier sind einige Schritte aus dessen Entwicklung dargestellt.

Im Juli 2002, während der FIFA-Fussball-WM in Korea und Japan, hatte ich ein elektronisches Spiel namens "BallaBalla" für Zillions of Games entworfen. BallaBalla wird auf einem rechteckigen Brett mit 6 x 5 Feldern und zwei Toren gespielt. Jede Seite hat elf Figuren – und es gibt zwei komische Schiedsrichter. Der Name BallaBalla deutet an, dass die Schiris manchmal ein bisschen verrückt agieren. Auf jeden Fall sind sie unberechenbar. Dieses Spiel hat eine ziemlich grosse Glücks-Komponente.

BallaBalla-Screenshot von der Zillions-Download-Seite.
BallaBalla-Screenshot von der Zillions-Download-Seite.

in Jahr später fing ich an, echte Brettspiele zum Anfassen zu erfinden. Dabei schaute ich mir auch BallaBalla wieder an und modifizierte es: keine Schiris mehr, die Spielfiguren bekamen Rückennummern von 1 bis 6, ein 6-seitiger Würfel wurde für einen Teil der Aktionen verantwortlich. Es ist immer noch ein Spiel mit Glücksanteil, aber auch mit einiger strategischer Tiefe. Sein provisorischer Name war Würfel-Fussball.

Im Oktober 2003, auf den Essener Spieletagen, durfte ich das Spiel bei Ravensburger vorführen. Würfel-Fussball löste aber keine Begeisterungs-Stürme aus. Immerhin nahmen sie den Prototypen mit, gaben aber zwei Monate später eine Absage: "Sportspiele verkaufen sich nicht." Im Mai 2004 war mein Debüt beim Göttinger Spiele-Autoren-Treff. Drei Prototypen hatte ich dabei, unter anderem den Würfel-Fussball.

Würfel-Fussball und rechts daneben "Einparken bis zum Abwinken". Foto: Wieland Herold
Würfel-Fussball und rechts daneben "Einparken bis zum Abwinken". Foto: Wieland Herold

Es gab einiges Interesse am Würfel-Fussball. Auch Corne van Moorsel schaute, spielte sogar eine Testpartie. Corne ist Autor von "Street Soccer", was schon 2004 ein bekanntes und beliebtes Brett-Fussballspiel war.
Seitenbemerkung: In meinen Augen ist van Moorsel der beste niederländische Spiele-Erfinder. (Niek Neuwahl zähle ich hier als Italiener.)

Im Juni 2004 nahm ich einen neuen Anlauf und schickte Würfel-Fussball an den Noris-Verlag. Sie bissen an, aber die Verhandlungen zogen sich elend lang hin. Es ging hauptsächlich um einen eigentlich unnötigen Disput: Sollte der Name des Autors (also meiner) auf der Spieleschachtel erscheinen oder nicht? Erst im Juli 2005 wurde der Vertrag unterschrieben. Ich hatte mich durchgesetzt: Ingo Althöfer stand auf Verpackung und Spielbrett.

Finale - Edition 2005. Finden Sie meinen Namen auf der Schachtel!. Foto: Noris
Finale – Edition 2005. Finden Sie meinen Namen auf der Schachtel!. Foto: Noris

Noris wählte den Titel "Finale". Später stellte sich heraus, dass diese Entscheidung suboptimal war: Schon zur WM 1998 hatte Kosmos ein Karten-Fussball-Spiel von Oliver Abendroth mit genau diesem Namen auf den Markt gebracht.

Aus einer Sicht war es ein Glücksfall, dass die Verhandlungen mit Noris so lang dauerten. In der Zwischenzeit hatte mein ehemaliger Student Dr. Jörg Sameith sein Computer-Programm McRandom entwickelt. Für eine grosse Klasse von Brettspielen muss man nur die Regeln "eingeben", und McRandom spielt das Spiel sofort ziemlich ordentlich. Durch lange McRandom-Serien von Computer-vs-Computer-Spielen lernten wir, dass Würfel-Fussball auf einem 7 x 5-Brett (statt 6 x 5) viel besser funktioniert. Insbesondere gibt es dann fast keine Partien mehr, die ohne Tor in einem Patt enden. Übrigens, erst durch McRandom wurden mir auch die strategischen Elemente von Würfel-Fussball bewusst: gegen das Programm hole ich, wenn ich mich voll anstrenge, gerade mal 40 % der Punkte.

Noris veröffentlichte drei Editionen von Finale, alle in verschiedenen Schachteln.

Finale, Edition 2008. Foto: Ingo Althöfer
Finale, Edition 2008. Foto: Ingo Althöfer

Der Ball fliegt zwischen dem bekanntesten Berg der Schweiz (Matterhorn) und dem Grossglockner (höchster Berg Österreichs) hindurch. Die Fussball-EM 2008 fand in diesen beiden Ländern statt.

Der Vertrag mit Noris endete 2008, und ich wechselte zu Kosmos. Kosmos gestaltete Material und Schachtel völlig neu, wählte auch einen anderen Namen. Für die FIFA-WM 2010 erschien das Spiel als "Torjäger" auf dem Markt. Am allermeisten gefällt mir bei Torjäger das alternative Spielbrett auf der Rückseite des normalen Plans: Es ist, ganz in grau gehalten, eine schmuddelige Downtown-Strasse, mit leeren Flaschen und Müllcontainern an der Spielfeldseite. In der Mitte des Spielfeldes befindet sich ein Kanaldeckel, fast wie der Eingang zu einem schwarzen Loch.

Torjäger: Fussball zwischen Hochglanz und Gosse. Foto (links): Kosmos. Foto/Montage (rechts): Ingo Althöfer
Torjäger: Fussball zwischen Hochglanz und Gosse. Foto (links): Kosmos. Foto/Montage (rechts): Ingo Althöfer

Bis Ende 2010 waren schon mehr als 75.000 Exemplare von Finale und Torjäger verkauft. Einige Leute, auch Besprecher für Spielemagazine und Webseiten, dachten, dass Finale nur ein billiger und wenig schöner Abklatsch von "EinStein würfelt nicht!" sei. Diese Webseite soll auch erklären, wie und in welcher Reihenfolge die beiden Spiele wirklich entstanden.

Alex Randolph, ein Grossmeister unter den Spiele-Erfindern, prägte das Sprichwort: "Ein Spiel ist nicht dann fertig, wenn man nichts mehr hinzufügen kann. Es ist fertig, wenn man nichts mehr wegnehmen kann!"

In diesem Sinn ist Ewn näher an Vollendung als Würfel-Fussball: die Spielfeld-Grösse wurde reduziert von 7*5 + 2 auf 5*5, die Zahl der Spielsteine pro Spieler von elf auf sechs. Auch der Schlagmechanismus macht Ewn leichter und schneller – beim Würfel-Fussball gibt es überhaupt kein Schlagen.

Epilog

Im September 2004 zeigte ich "EinStein würfelt nicht!" Dr. Reinhold Wittig, dem rastlosen Göttinger Spiele-Autoren-Guru und Macher der Wander-Ausstellung "Gott würfelt nicht". Deren Start war für 2005 geplant. Wittig kriegte sich vor Begeisterung über das Spiel nicht mehr ein, nachdem er es eine halbe Nacht lang mit Max Kobbert ausprobiert hatte – mit einem Glas Wein in der einen Hand und dem Würfel in der anderen. Er veröffentlichte Ewn in seiner Edition Perlhuhn und machte es zum Begleitspiel der Ausstellung.

Edition Perlhuhn: EinStein würfelt nicht! mit schwarzem Spielplan und Robotern in Rosa und Blau als Figuren. Foto: Edition Perlhuhn
EinStein würfelt nicht! mit Robotern. Foto: Edition Perlhuhn

Reinhold Wittig ist ein sehr freundlicher Mann. Er erlaubte, eine weitere Edition von "EinStein würfelt nicht!" in meinem kleinen 3-Hirn-Verlag herauszubringen.

Foto: Ingo Althöfer
Foto: Ingo Althöfer

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