Die Umsatzbeschleuniger

Die Jury Spiel des Jahres 2010 entscheidet über hohe Gewinne. (von links): Karsten Grosser (Melle, Neue Osnabrücker Zeitung), Birgit Nößler (Berlin, freie Journalistin), Andreas Haaß (Stuttgart, freier Journalist), Iris Treiber (Karlsruhe, freie Journalistin), Bernhard Löhlein (Eichstätt, Radio K1), Chris Mewes (München, freier Journalist), Kathrin Nos (Nußloch, freie Journalistin), Udo Bartsch (Hannover, freier Journalist), Stefan Ducksch (Bielefeld, freier Journalist). Foto: Spiel des Jahres e.V. Bearbeitung: Sebastian Wenzel

Der Gewinner erhält neben Ruhm und Ehre viel Geld. Das "Spiel des Jahres" ist die weltweit wichtigste Spieleauszeichnung. Vom Sieger verkaufen sich innerhalb eines Jahres regelmäßig zwischen 200.000 und 400.000 Exemplare. Eine gigantische Zahl. Normalerweise starten größere Verlage mit einer Auflage von höchstens 20.000 Stück. Dieses Jahr haben neun Personen darüber entschieden, welche Unternehmenskasse klingelt.

Die Jury-Mitglieder sind ausschließlich Fachjournalisten. Auf einer mehrtägigen Klausurtagung erarbeiteten sie die Nominierungsliste für das »Spiel des Jahres«. Dabei beurteilen sie

  • die Idee (Originalität, Spielbarkeit, Spielwert),
  • die Regeln (Aufbau, Übersichtlichkeit, Verständlichkeit),
  • das Layout (Karton, Spielplan, Regel) und
  • das Design (Funktionalität, Verarbeitung).

Bevor die Experten eine Entscheidung treffen, machen sie drei Dinge: spielen, spielen und spielen. "Jedes Mitglied hat eigene, mehr oder weniger große Kreise von Freunden, Bekannten oder Kollegen, die sich treffen. Wichtig ist, mit verschiedenen Charakteren zu spielen, mit Gelegenheits-Spielern wie mit Freaks, weil sich dabei unterschiedliche Seiten eines Spiels zeigen können", steht auf der FAQ-Seite des Vereins Spiel des Jahres. Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt Jury-Mitglied Birgit Nößler die weiteren Schritte.

"Erst testen wir die Spiele in unseren Runden. Dann tauschen wir uns im Internet aus und machen uns auf Kandidaten aufmerksam. Dann gibt es eine Klausurtagung, auf der wir zweieinhalb Tage über die Spiele diskutieren und sie noch mal spielen. Am Ende der Tagung stehen unsere Empfehlungsliste und die fünf Nominierungen für den Preis fest. Fünf Wochen später, am Abend vor der Preisverleihung, stimmen wir geheim ab."

Quelle: Birgit Nößler im Interview mit der Berliner Zeitung

Alle Wahl-Entscheidungen fallen mit einfacher Mehrheit. In Zeitschriften, aber vor allem im Internet, werden diese oft heiß diskutiert. Das wissen die Jury-Mitglieder. Karsten Grosser äußert sich dazu folgendermaßen:

"Seit sieben Monaten bin ich Mitglied der Jury. […] Zwar habe ich schon vorher als Rezensent der Neuen Osnabrücker Zeitung einen guten Überblick über die Jahrgänge gehabt, doch nun sind umfassende, quasi lückenlose Kenntnisse gefragt. Schließlich bin ich jetzt nicht nur Kritiker, sondern rücke selbst in den Fokus der Kritik. Das kenne ich aus eigener Erfahrung, habe ich den vergangenen Jahren doch immer wieder selbst die Entscheidungen der Jury kommentiert. Mal lobend, mal tadelnd. Nun werde ich selbst von allen Seiten beäugt. Von den Spielern, den Autoren, den Kritiker-Kollegen, den Verlagen. Alle dürfen zu Recht verlangen, dass ich gewissenhaft und sorgfältig vorgehe."

Quelle: Erlebnisbericht von Karsten Grosser

Vorsitzender der Jury ist seit Februar 2009 Bernhard Löhlein. Er arbeitet als Redakteur bei „radio K1“, dem kirchlichen Hörfunk für die Diözese Eichstätt. Die Besprechung von Spielen ist dort fester Programmbestandteil, etwa in der Kindersendung „Pulcinella“ oder im Medien-Magazin am Samstag-Abend. Über 150 Spiele testet Löhlein pro Saison.

"Meine Frau stöhnt schon manchmal über die Mengen von Kartons, die sich in jedem Zimmer der Wohnung stapeln. Aber sonst freut sie sich über mein Engagement."

Quelle: Bernhard Löhlein im Portrait von vaeter-nrw.de

Das Handelsblatt nannte Löhlein einst "einen der mächtigsten Menschen in der Industrie für Brett- und Kartenspiele". Er weiß über die finanzielle Tragweite seiner Entscheidungen.

"Ich habe lange überlegt, ob ich diese Verantwortung tragen kann. Doch wenn es uns nicht gäbe, würden sofort die Verlage in die Lücke springen."
Quelle: Bernhard Löhlein im Handelsblatt

Die Mitglieder der Jury arbeiten laut Presseinformation ehrenamtlich. Sie erhalten demnach Reise- und Übernachtungskosten für ihre Tätigkeit, aber kein Honorar. Für die Verwendung ihres Logos erhält die Jury Lizenzgebühren von den Verlagen. Damit betreibt sie eine Geschäftsstelle und einen Internet-Auftritt, druckt Informations-Broschüren und finanziert Messe-Stände. Darüber hinaus finanziert sie ein Stipendium für Spieleautoren und unterstützt Ausstellungen.

Interessante Einblicke in das Geschäft mit dem Spiel des Jahres gibt auch dieses Video der Deutschen Welle.

Übrigens: Zum 30. Juni 2010 hat Stefan Ducksch den Verein Spiel des Jahres verlassen. Sandra Lemberger und Tom Felber sind gleichzeitig in den Kreis der wahlberechtigten Jury-Mitglieder aufgenommen worden. Sandra Lemberger schreibt Kritiken für Hall9000 und ist seit 2007 als Beirätin in der Jury „Kinderspiel des Jahres“ dabei. Sie wird weiterhin für das „Kinderspiel des Jahres“ abstimmen. Tom Felber war von 2000 bis 2008 aktiv in der Jury tätig. Während einer zweijährigen Weltreise blieb er als korrespondierendes Mitglied im Verein.

Aktualisierung 29. Juni 2011: Auf der Pressekonferenz Spiel des Jahres 2011 habe ich ein Interview mit dem Vorsitzenden der Jury, Tom Felber, geführt. Darin verrät er, wie man Jury-Mitglied wird, wie die Jury das Spiel des Jahres wählt und was Verlage und Spieler tun können, wenn sie mit der Entscheidung der Jury unzufrieden sind.

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