Der Spieleweltverbesserer

Als Realschullehrer hatte Günter Burkhardt kaum Erfolgserlebnisse. Als Spieleautor ist das anders. Seinen größten Traum hat er sich trotzdem noch nicht erfüllt. Fotos: Sebastian Wenzel

Die Holzkiste ist knietief mit Spielfiguren gefüllt. Hüttchen wie bei Mensch ärgere dich nicht, runde und eckige Steine, Figuren in Form von Ampelmännchen und Schnecken, mittendrin eine Walnuss. Günter Burkhardt wühlt mit beiden Händen in der Kiste, nimmt immer wieder eine Figur heraus und dreht sie prüfend in alle Richtungen.

Er entscheidet sich für eine daumengroße Version in Flaschenform und stellt sie vor sich auf den Schreibtisch. “Eigentlich kann alles zum Spiel werden”, sagt er und schubst mit der Figur einen Würfel in Richtung Schreibtischkante. “Man muss sich nur ein paar Regeln ausdenken und ein passendes Thema finden.” Günter Burkhardt ist Spiele-Erfinder. 32 verschiedene Spiele hat er schon veröffentlicht. Mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er auf der schwäbischen Alb. In Gosbach, wo er auch aufgewachsen ist. Eine halbe Autostunde von Stuttgart entfernt. Die Ideen für seine Spiele kommen ihm, wenn er mit dem Fahrrad allein durch die Natur fährt. Oder wenn er im Urlaub mit dem Wohnmobil fremde Länder bereist. Meist sieht er irgendwo einen interessanten Gegenstand, ein Gebäude oder einen Ort, der als Spielkulisse dienen könnte. Einen mittelalterlichen Markplatz zum Beispiel.

Traumhafte Erfindungen
“Neulich habe ich sogar von einem Spiel geträumt.” An den Traum konnte er sich am nächsten Morgen nicht mehr erinnern. “Ich hab einfach nicht mehr zusammen gekriegt, wie das Spiel funktionieren sollte.” Er greift nach dem Würfel an der Tischkante und versucht ihn mit den Fingern zu formen wie ein Stück Knetgummi. Das wäre sicher ein gutes Spiel geworden.

Die Regale in seinem Arbeitszimmer im Keller des Hauses sind bis zur Decke mit Spielen gefüllt. Über 600 hat Günter Burkhardt zusammen mit seiner Familie gesammelt. Tabu ist über Incognito und Superhirn gestapelt, die Elefantenparade steht neben den Siedlern von Catan. Er zieht eine mit Papier beklebte Pappschachtel aus dem Regal. Ein Prototyp. Auf den Deckel hat er eine Landschaft mit einem Fluss gezeichnet. Er nimmt den Deckel ab, stellt ihn mit der Öffnung nach unten auf den Schreibtisch und beginnt, die Pappoberfläche mit verschiedenfarbigen Plastikscheiben zu bedecken. Erst eine eckige, dann eine runde – bis die Flusslandschaft vollständig verdeckt ist.

Spieleschachteln statt Familienfotos
In seiner Familie wurde früher viel gespielt. Mühle, Dame und Halma. Die Klassiker eben. Sein Vater war Schlosser, die Mutter Näherin und Hausfrau. Sonntags ging die ganze Familie in die Kirche und zog ordentliche Kleidung an. Das waren die Regeln. Nicht, weil die Familie sehr gläubig gewesen wäre. “Weil das alle gemacht haben. Das war alles bloß so eine Hülle”, sagt er. Er hat die Regeln nie akzeptieren wollen.

Mit 13 hatte er es satt. Hat sich verweigert, seine eigenen Regeln aufgestellt: Was er anzieht, wann er in die Kirche geht. “Das hat dann viel Ärger gegeben. Vor allem mit meiner Mutter.” Zu ihr hat Günter Burkhardt heute kaum noch Kontakt, obwohl sie im selben Ort lebt. Im Treppenhaus des Hauses in Gosbach hat er alle Schachteldeckel seiner 32 Spiele an die Wand gehängt. Wie Bilder. Bei anderen Leuten würde man hier vielleicht die Fotos der Verwandschaft finden.

Er greift nach der flaschenförmigen Spielfigur und schiebt sie so durch die Plättchenlandschaft, dass eine Furche entsteht und der Fluss wieder zu erkennen ist. Rechts und links fallen einige Plastikplättchen vom Deckel auf den Schreibtisch. “Durch den Zauberfluss” soll das neue Spiel heißen. Wer es schafft, beim Durchqueren des Flusses möglichst wenige Plättchen vom Spielfeld zu stoßen, hat gewonnen. Ganz ausgereift ist die Idee aber noch nicht. “Vielleicht nehme ich doch noch Spielkarten dazu.”

Beim Ausprobieren und Verändern hat er auch seine Begabung für das Entwickeln von Spielideen entdeckt. Mit den Spielen, die man im Laden kaufen konnte, war er nie richtig zufrieden. Manche Regeln haben ihm einfach nicht gepasst. Da fehlte entweder die Strategie oder die Schnelligkeit, manchmal war der Spielplan langweilig oder konnte einfach weggelassen werden. “Ich hab dann hier und da was geändert und ein paar neue Regeln aufgestellt, bis ich das Spiel wirklich gut fand.

Spielen macht im Leben vieles leichter
Wenn er von seinen ersten Erfindungen erzählt, werden die Sätze kürzer und er spricht schneller, aufgeregt, als wenn ihm die Ideen von damals gerade erst gekommen wären. Wie ein Kind, das von seinen Weihnachtsgeschenken schwärmt.

Günter Burkhardt ist 45. Sein erstes Spiel erschien vor zehn Jahren im Goldsieber-Verlag. Manitou wurde ein Riesenerfolg und landete prompt auf der Liste zum Spiel des Jahres 1997.

Er fischt ein Holzklötzchen aus dem Schubladenschrank neben dem Schreibtisch und legt es auf eines der Plättchen am Rand des Spielfeldes. Vielleicht kann man damit dem Spiel noch den nötigen Pepp geben. Von der Idee bis zum fertigen Spiel dauert es in der Regel etwas mehr als ein Jahr. “Je nachdem, wie schnell die Verlage sind und ob ich mit meiner Idee überzeugen kann.”

Am Terrassentisch im Garten oder im Wohnzimmer spielt Günter Burkhardt auch mit seinen Kindern und Ehefrau Elisabeth regelmäßig. Das fördert das Miteinander. “Beim Spielen kann man seine Gefühle ausleben”, sagt er. Man lernt zu verlieren, zu gewinnen und die richtigen Strategien anzuwenden. “Das macht im Leben vieles leichter.”

Statt Lob erntete er blöde Kommentare
Als Realschullehrer hat Günter Burkhardt früher kaum Erfolgserlebnisse gehabt. Er hatte Lehramt studiert. Mathematik und Gesellschaftskunde. Das deutsche Bildungssystem hielt er für überholt, steckte seine gesamte Energie in den Unterricht, setzte sich für seine Schüler ein, erprobte neue Modelle und Lehrstrategien. Statt Lob erntete er blöde Kommentare von Kollegen, die die Motivation des jungen Lehrers nicht nachvollziehen konnten: “Das Lehrerzimmer war voll von Leuten, die nur gemeckert haben, statt aktiv zu werden.” Die strikten Regeln, Rahmenbedingungen und Verordnungen in der Schule machten es ihm unmöglich, seine eigenen Vorstellungen von Erziehung und Unterricht umzusetzen. “Am Wochenende hab ich mich dann oft gefragt: Was habe ich eigentlich bewegt?”

Im Regal neben dem Schreibtisch stehen gleich fünf Exemplare von Günter Burkhardts neuestem Spiel: Deutschland – Finden Sie Minden? Es ist erst seit wenigen Wochen in den Läden. Als er den Deckel von der Spielschachtel hebt, zögert er kurz, um die Spannung zu steigern. Wie ein Autor, der sein eigenes Buch zum ersten Mal aufschlägt. Die Kritiken der Fachleute sind gut. „Finden Sie Minden? dürfte vielleicht das Potenzial zum Spiel des Jahres haben”, sagt Günter Burkhardt fast beiläufig. Er spricht oft vom Spiel des Jahres, und jedes Mal zucken seine Mundwinkel leicht und er rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Einmal ein Spiel des Jahres zu erfinden wäre sein größter Traum.

Seine Augen wandern suchend über den Schreibtisch, werden fündig, und sofort greift die rechte Hand zielstrebig nach dem Würfel. “Das ist schon ein tolles Gefühl, wenn man das eigene Spiel im Laden kaufen kann”, sagt er. “Da sieht man dann, was man erreicht hat, und weiß, dass andere Leute Spaß daran haben.” Burkhart greift in die Schachtel neben dem Fenster und fischt zwei Holzbauklötze hinaus.

Sein zwölfjähriger Sohn Benjamin hat auch schon ein eigenes Spiel erfunden: Rumpel Ritter. Die Idee kam ihm ganz alleine, die Spielregeln hat er selbst bestimmt. Nur beim Bau des Prototypen hat Papa geholfen. Tochter Lena ist zehn. Sie bastelt gerade am Modell für ihre erste Spiele-Erfindung. Seine Frau Elisabeth ist die wichtigste Kritikerin beim Testen der Spiele.

Günter Burkhardt lässt den Würfel einen Baustein hinunterrutschen, den er an einer Seite angehoben hat, sodass eine Art Rampe entsteht. Zehn Jahre lang hat er auch in der Schule versucht, seine eigenen Ideen umzusetzen. “Das war wie zehn Jahre gegen den Strom schwimmen”, sagt er. Er hat sich beurlauben lassen und ist seitdem hauptberuftlicher Spiele-Erfinder. Wenn er einen neuen Beruf wählen müsste, wäre er gerne Bürgermeister in seinem Heimatdorf. Weil man dann auch selber die Regeln bestimmen kann. Und ganz viel verbessern.


Dir gefällt der Artikel? Dann unterstütze uns. Empfiehle den Beitrag Deinen Freunden und klicke auf das Werbebanner. Pro Klick verdienen wir einige Cents. Vielen Dank.

Werbung

Du kannst diesen Artikel nicht mehr kommentieren.

Online-Spiele:

Jenga, Kniffel, Mastermind, Schach, Vier gewinnt und Tangram. Mehr Spiele findest Du auf der Übersichts-Seite.
 
 

Aktion: