Das Leben des Alex Randolph (1/3)

Alex Randolph. Foto Drei Hasen in der Abendsonne
Am 4. Mai wäre Alex Randolph 90 Jahre alt geworden. Er hat den Beruf Spieleerfinder erfunden und sich Klassiker wie Sagaland, Hol’s der Geier oder Inkognito ausgedacht. Der Verlag Drei Hasen in der Abendsonne veröffentlicht pünktlich zum Geburtstag die Biographie "Die Sonnenseite". zuspieler.de publiziert Auszüge daraus. Im ersten Teil unserer Mini-Serie verrät Alex Randolph mit seinen Worten, wie ein Erlebnis im Krieg sein Spiel Hol’s der Geier beeinflusste, was er auf dem Klo der Universität Chicago lernte und was der Kabarettist Herbert Feuerstein mit TwixT zu tun hat.

1940: Chicago

Es war die berühmte Universität von Chicago, wo ich das Glück hatte [...] im International House untergebracht zu sein. Denn in meinen Augen war es ein Paradies des Geistes. Sehr gut eingerichtet, mit großen Wohnräumen, Restaurants, Musikzimmer, Theater, und so weiter.

Aber das wirklich Außerordentliche dort waren die Leute, denen man begegnete. Mehrere Nobelpreisträger. Enrico Fermi hat dort gewohnt. Arthur Compton und Pierre Auger kamen jeden Tag. Und noch viele andere. Alfred Korzybski, der Erfinder der modernen Semantik. Was mich begeisterte, war die Atmosphäre, waren die Gespräche. Wie leicht es war, dieser ganzen Welt nahe zu kommen. Und man hat auch gespielt. Ich habe oft mit Fermi Schach gespielt. Er hat nicht sehr gut gespielt. Das erste Mal, als ich noch nicht wusste, wer er war, habe ich ihn herausgefordert, aber nachher war es immer er, vielleicht, weil ich italienisch gesprochen habe. [...]

Auf meinem Flur waren die anderen Studenten alle vier oder fünf Jahre älter als ich. Ich war damals kaum achtzehn. Sie haben alle für ihre Doktorarbeit (Promotion) gebüffelt. Sehr hart. Ich weiß nicht, ob man Studieren arbeiten nennt, aber das haben sie getan. Trotzdem gab es jede Nacht im einen oder anderen Zimmer ein kleines Pokerspiel, wie sie es nannten. Aber ich durfte nicht mitspielen. Sie erklärten mir, dass das einzige Spielziel beim Poker sei, Geld von den anderen wegzunehmen. Und mit mir wäre das nicht lustig gewesen. Aber ich beobachtete sie. Und ich lernte viel, was mir später in der Armee sehr nützlich wurde. Viel interessanter als Poker aber war der „John”.

[...] Es ging ungefähr um Folgendes: Ein erster Spieler zeichnete auf den Kacheln der Toilette(n) eine Spur oder eine Figur, ein Zeichen, was er wollte. Zum Beispiel: einen schwarzen Punkt hier und zwei kleine Kreise auf der anderen Seite. Oder einen Pfeil in Richtung einer der Ecken, usw. Damals waren die Kacheln in den Toiletten immer kleine Sechsecke. Perfekt zum Spielen.

Der nächste, der dort hinkam und in der Stellung des Denkers dasaß, versuchte zu verstehen, was er sah. Und wenn er Lust hatte, zeichnete er andere Spuren. Man wusste nie, was man dort finden würde. Ein bisschen wie „Eleusis” vor seiner Zeit. (Eleusis ist ein Spiel von Bob Abbot – der Sinn dabei ist, heraus zu finden, wie die Spielregel geht.)

Man nannte es „John”, weil „John” ein amerikanischer Euphemismus für Toilette ist. Da die Toiletten über Nacht gereinigt wurden, konnte man jeden Tag von neuem beginnen.

Im Allgemeinen sah ich taktische Situationen. Ich fragte mich: Wie kann dieser schwarze Punkt von dort entfliehen? Oder: Wie verhindere ich, dass diese Linie bis zur Mauer kommt? Ich habe das wirklich sehr gemocht. Selten in meinem Leben habe ich irgendetwas so sehr gemocht. Und trotzdem …

… der „John” war kein Spiel. [...] Der „John” war kein Spiel, weil er keine Grenzen hatte. Er war sehr lustig, auch sehr spielerisch und sehr intelligent, aber ohne Grenzen irgendeiner Art, in der Form, im Raum … jeder machte, was er wollte. Und er machte es alleine, ohne sich zu kümmern, was die anderen getan hatten. [...] Und davon kam das Verständnis, ein sehr einfaches Verständnis und das war schon etwas. Jetzt verstand ich, dass ein Spiel, um ein Spiel zu sein, Grenzen brauchte. Und jedes Spiel seine eigenen Grenzen. [...]

1942: Der Krieg

Ich wurde im schwärzesten Augenblick des Krieges eingezogen, als alles verloren schien: Am Anfang des Sommers 1942. Um die Wahrheit zu sagen, hätte ich – wie genug andere Studenten – um einen Aufschub von ein oder zwei Jahren bitten können, aber ich habe gar nicht daran gedacht. Ich quälte mich mit Widersprüchen. [...] Auf der einen Seite war ich an der Universität ein glühender Pazifist geworden. Ich war auf jeden Fall, von meiner Natur her, ein Kriegsgegner, weil ich niemals den stupiden Gehorsam aushalten könnte, den ohne jede Vernunft, der die eigentliche Basis des Militärkults ist. Nichts Schrecklicheres auf der Welt, als eine Kompanie junger Männer im Gleichschritt! Aber auf der anderen Seite gab es Krieg gegen den Nationalsozialismus, damals – in meinen Augen – und auch heute noch, die schlimmste Geißel aller Zeiten, der ganzen Geschichte. Und deshalb, glaube ich, ich wäre zweifellos freiwillig gegangen, wenn man mich nicht einberufen hätte … aber wer weiß? [...]

Ich wurde zu einem Attaché der italienischen Militärregierung beordert, nach Brindisi, an der Adriaküste. Ich bekam niemals heraus, warum – aber es war perfekt, weil es dort ein großes Hotel gab, in dem sich alle niederen Militärgrade aufhalten mussten. Nur, vor diesem Hotel gab es einen Quai, und auf diesem Quai ein Bombendepot. [...] Diese Bomben wurden von den Übriggebliebenen der 5. Indischen Division bewacht. [...] Diese Truppen spielten jeden Abend ein mir fremdes Spiel. Ich brauchte einige Zeit, bis ich verstand, um was es sich handelte. Es gab eine Art bedruckte Tickets – sehr schlecht gedruckt –, die man kaufen konnte von dem, der die Bank hielt. Man zahlte schon dafür, mitspielen zu dürfen … Dann spielte man ein bisschen, wie man heute Hol’s der Geier spielt.

Psychologie spielte eine große Rolle, es war sehr einfach, sehr leicht. Es gab nur eins, das ärgerlich war: Im Fall eines Unentschieden gewann die Bank! Ich fand es sehr skandalös, dass die Unteroffiziere, welche die Bank hielten, in diesem Fall alles bekamen! Aber das System ist sehr interessant, ich mag es sehr und benutzte es oft.

1945: Das Ende des Kriegs – Freiheit

Das Kriegsende. Wir wussten alle, dass es kommen würde, und zwar von einem Moment auf den anderen. Da wir aber nicht wussten, wann, wurden wir trotzdem davon überrascht. Eine Art Euphorie erfasste die ganze Armee, uns alle, zur gleichen Zeit – ein bisschen wie früher, wenn plötzlich die Ferien da waren. Und sofort hatten alle Pläne. Meine Kameraden wollten vor allem so schnell wie möglich zurück nach Amerika; ich aber nicht. Überhaupt nicht. Ich wollte Europa entdecken, und wie es der Zufall wollte, landete ich in Österreich.

1958: TwixT

Fünf von insgesamt 23 dokumentierten TwixT-Partien zwischen Alex Randolph und Herbert Feuerstein aus dem „Heiligen Buch“ (1958). Foto: Drei Hasen in der Abendsonne
Die Idee kam mir auf einen Schlag. Warum nicht mal ein „Border- to-Border-Spiel“ (von einem Spielfeldrand zum andern) mit Rösselsprüngen? Das war in Wien, in den 50-er Jahren. Ich interessierte mich ja seit langem für Rösselsprünge auf dem Schachbrett und gleichzeitig auch für Spiele, bei denen man Verbindungen von einem Rand zum andern herstellen muss, wie Hex von Piet Hein (oder von John Nash?). Also war die Idee, die beiden Adern zu verbinden, ganz natürlich … fast unausweichlich.

Jedenfalls machte ich sofort einige Testspiele und noch am gleichen Abend brachte ich mein neues Spiel ins Café Hawelka – einem etwas heruntergekommenen, aber dennoch sympathischen Ort –, wo sich viele lustige Leute trafen: Künstler, Schriftsteller, Leute vom Theater … und zeigte es Herbert Feuerstein. Er war damals noch sehr jung, aber seine Fähig- keit, zu verblüffen und zu unterhalten, was ihn dann berühmt gemacht hat, war schon da. Diese ersten TwixT-Partien wurden auf den karierten Seiten eines einfachen Notizblocks gespielt. Zu dieser Zeit waren alle meine Spiele Papier- und Bleistift-Spiele! Es war so etwas wie ein Ideal für mich, nur absolut Notwendiges zu benutzen. Jedenfalls kam TwixT sofort gut an und an den folgenden Abenden noch mehr … nach einer Woche spielte es jeder. [...]

Im zweiten Teil unserer Mini-Serie verrät Alex Randolph mit seinen Worten, warum er Japan nicht mochte, wie er den Spieleverlag Ravensburger entdeckte und wieso er das Projekt „Bookshelf Games“ von 3M – für legendär hielt.

Noch mehr aus dem Leben des Alex Randolph erfährst Du in dem Buch “Die Sonnenseite” von dem Verlag “Drei Hasen in der Abendsonne“. Es kostet Euro 19,90 Euro und hat 142 Seiten. Du kannst das Buch bei amazon.de bestellen.


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