Atomstrom ist Trumpf

Michael Mieß möchte, dass Menschen nicht die Augen vor den Gefahren der Atomkraft verschließen. Sein AKW-Quartett soll Interessierte über Kernkraftwerke aufklären. Foto: Till Werhan

Je mehr Kernkraftwerke, desto besser: Das ist das Motto beim AKW-Quartett des Berliners Michael Mieß. Wer im Spiel fleißig Reaktoren sammelt, gewinnt die Runde und Wissen. Der Energiekonzern Eon findet das alles andere als super.

Im Sommer 2010 rollt Michael Mieß durch Mecklenburg Vorpommern und die Geschäftsidee in seinen Kopf. Der Berliner radelt vorbei an gelben Rapsfeldern und grünen Wiesen. Die Sonne strahlt, der Wind weht Ostseeduft über die Äcker. Mieß genießt den Ausflug aufs Land – bis er hinter dem Kurort Lubmin plötzlich absteigen muss. Ein Tor versperrt den Weg. Dahinter ragt ein graues Gebäude in den blauen Himmel: das ehemaligen Atomkraftwerk Greifswald. Kurz nach der Wende wurde es abgeschaltet. Der Rückbau dauert bis heute an. Tag für Tag legen Arbeiter die Vergangenheit still.

Zurück in Berlin legt Mieß dagegen erst richtig los. „Die Größe des Greifswalder Meilers hat mich so beeindruckt, dass ich wissen wollte, wie viele solcher Reaktoren noch in Deutschland stehen“, erinnert sich der Friedrichshainer. Das Ergebnis seiner Recherche ist das AKW-Quartett. Seit April können es Interessierte für zehn Euro kaufen. Das Spiel besteht aus 32 Karten. Um zu gewinnen, gilt es möglichst viele Quartette zu sammeln – das sind je vier Karten einer Oberkategorie. Manche kennen das Spielprinzip vielleicht noch aus ihrer Jugend. Statt Autos oder Flugzeugen vergleichen die Kontrahenten beim AKW-Quartett jedoch Kernkraftwerke.

Mega-Leistung gegen Mega-Restlaufzeit

In Deutschland konnten vor dem Moratorium 17 Atommeiler Strom produzieren. Ein Quartett muss aber aus 32 Karten bestehen. Deswegen gibt’s Spiel zusätzlich Forschungsreaktoren und stillgelegte Kraftwerke. Mieß sortierte sie in acht Oberkategorien. Der „Mega-Oldtimer“ VAK Kahl ging Anfang der 60er als erstes deutsches Atomkraftwerk ans Netz und ist längst abgeschaltet. Das KKI Isar 2 sticht mit seiner „Mega-Leistung“ hervor. Der Reaktor gewann von 1999 bis 2004 den Weltmeistertitel bei der Brutto-Jahresstromerzeugung. Andere trumpfen mit ihrer „Mega-Restlaufzeit“ auf.

Neben der Ober- finden Spieler auf jeder Karte fünf Unterkategorien: zum Beispiel den „Betriebsbeginn“, die „Bruttoleistung“ oder das Jahr der „(geplanten) Abschaltung“. Einige der Angaben sind inzwischen veraltet. Während der Spielkartenhersteller ASS Altenburger das Quartett druckte, wankte in Japan die Erde. In Fukushima explodierte das Kernkraftwerk und in Berlin stürzten scheinbar in Stein gemeißelte Überzeugungen ein. Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündete ein Moratorium. Das KKP Philippsburg 1 ist seitdem vom Netz, vorübergehend. Im AKW-Quartett steht als geplanter Abschalttermin noch das Jahr 2020. Die „Störfälle“ sind ebenfalls auf dem Stand Ende Februar. Mieß fügte die Daten hinzu, damit winzige Forschungsreaktoren gegen riesige Meiler eine Chance haben. In der Kategorie gewinnt nicht die höchste, sondern die niedrigste Zahl. „Das hält das Quartett spannend“, sagt der Spiele-Erfinder.

Mieß lehnt Atomkraft ab. Er favorisiert erneuerbare Energien. Seine Diplomarbeit schrieb er über Biogas. Sein Wunsch: Alle Menschen sollten sich Gedanken über die Vor- und Nachteile von Kernenergie machen. Mit dem AKW-Quartett will er ihnen dabei helfen. Er recherchierte für jedes Kraftwerk eine Anekdote. Einige davon sind meldepflichtige Ereignisse. 1975 kam es im KGR Greifswald zu einem Zwischenfall. Die Ursache: Ein Elektriker wollte seinem Lehrling zeigen, wie man Schaltkreise überbrückt. Andere Kurzgeschichten präsentieren ungewöhnliche Fakten. Das GKN Neckarwestheim erzeugt zum Beispiel als einziges deutsches Kernkraftwerk Strom fürs Bahnnetz.

Wo stürzten Kampfjets in der Nähe von Atomreaktoren ab? Welches AKW ist das einzige Deutschlands, das Bahnstrom generiert? Das AKW-Quartett verrät die Antworten. Foto: akw-quartett.de

„Daten schlecht recherchiert“

Mieß hofft, dass die Informationen zum Nachdenken anregen: „Die Frage, wie wir in Zukunft Elektrizität produzieren, ist so wichtig, dass sich jeder damit auseinandersetzen sollte. Wenn Menschen das getan haben und Atomenergie befürworten, ist das für mich auch in Ordnung. Hauptsache, sie begründen ihre Meinung.“ Carsten Thomsen-Bendixen verdient genau damit sein Geld. Er ist Pressesprecher des Energiekonzerns Eon und von dem Quartett nicht begeistert. Seine Kritik: „Die aufgedruckten Daten sind schlecht recherchiert.“ Ein meldepflichtiges Ereignis sei noch lange kein Störfall, die Oberkategorie „Mega-Störfälle“ sei falsch. So etwas habe es in Deutschland noch nicht gegeben. „Das Unglück in Fukushima stufen Experten auf der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse INES mit 7 ein. Das schlimmste meldepflichtige Ereignis in Deutschland erreichte die Stufe 2“, sagt Thomsen-Bendixen. In der Tat entsprechen laut Bundesamt für Strahlenschutz alle 103 meldepflichtigen Ereignisse aus dem Jahr 2009 der INES-Stufe 0. Von einem Störfall sprechen Spezialisten erst ab Stufe 1, von einem Unfall ab Stufe 4. Mieß weiß das. „Ich habe mich trotzdem für das Wort ,Störfall’ entschieden, weil es ein allgemeinüblicher Begriff ist.“

Dem Absatz schadet die sprachliche Ungenauigkeit anscheinend nicht. Das AKW-Quartett ist seit April auf dem Markt. Bisher haben es etwa 350 Menschen gekauft. Damit die Nachfrage weiter steigt, hat Mieß eine App für das iPhone veröffentlicht. Unter akw-quartett.de können Interessierte sie kostenlos herunterladen. Es handelt es sich um eine abgespeckte Version mit 24 Karten. Außerdem kann man nur mit dem Computer um den Sieg kämpfen. Wer gegen echte Menschen spielen will, muss zum Original greifen. Das macht eh mehr Spaß und ist umweltfreundlicher – schließlich funktioniert es ohne Strom.

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4 Kommentare zu “Atomstrom ist Trumpf

  1. Nun ja,

    Herr Mieß mag ja tun, wenn er will.
    Ob er – als Diplomierter, der über Biogas schrieb – wirklich von Recherche sprechen mag, wenn er schlicht mit Copy-Paste aus Wikipedia Anekdoten nachdruckt?
    http://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Greifswald
    Absatz 2, Störfall
    usw. usw.
    Hoffentlich steht da keine Doktorarbeit an.

    Unangenehm auffällig ist in diesem Zusammenhang auch die minimale textliche Abwandlung der Spielregeln, die mir vom Seuchen- und Ungeziefer-Quartett sehr bekannt sind.

    Soweit meine Recherche

  2. Hallo Svenja,

    Michael Mieß hat diese Anekdote tatsächlich aus der Wikipedia. Ich habe während der Recherche für den Artikel bei Marlies Phillip angerufen. Die EWN-Sprecherin hat mir bestätigt, dass dieser Vorfall so passiert ist. EWN steht für Energiewerke Nord. Das Unternehmen ist der heutige Eigentümer des Kernkraftwerks Greifswald/Lubmin.

    Grüße
    Sebastian

  3. Ich denke, dass Wikipedia eine gute Möglichkeit der Recherche ist, solange man sich nicht ausschließlich auf diese Quelle verlässt. Und gemeinfreie Texte sind auch dazu da, übernommen zu werden (solange man den Text nicht für den eigenen ausgibt).
    Auch dass Spielregeln gleicher Spiele gleich lauten, ist für sich genommen nicht schlimm – es sei denn, es handelt sich um stark individuelle Formulierungen. Die Regeln zu Quartett, Supertrumpf, 32 heb auf, sind eben Allgemeingut.

    Was ich als Spieleautor nicht so gut finde, ist, dass kein eigenes Regelwerk geschaffen wurde sondern eben nur bekannte Regeln für ein bestimmtes Thema übernommen wurden. Die Aufforderung auf der Spielregelseite “Fallen Dir noch mehr Spielregeln ein? Oder hast Du Tipps und Anregungen? Dann sende uns eine Mail an …” drückt da schon etwas Geringschätzung über die Arbeit von Spieleautoren aus.

    Nun denn, auf der anderen Seite finde ich es ausgesprochen positiv, dass das Spiel als ein Medium genutzt wird. Nicht Spielzeug sondern unterhaltsames Medium. Dann allerdings müssen Autor und Verlag sich an einer anderen Latte messen lassen, die da heißt: Journalistische Sorgfalt.

    Mal eben ‘meldepflichtiges Ereignis’ in Störfall umzubenennen, um deren Zahl zu erhöhen, geht gar nicht. Das ist so als wenn im Straßenverkehr jede Verkehrsübertretung als Unfall geführt würde, nur weil ‘Unfall’ ein allgemeinüblicher Begriff ist. Was spricht sonst dagegen, beide Zahlen aufzunehmen?

    Unter solchen ‘journalistischen Bearbeitungen’ leidet die Glaubwürdigkeit. Insbesondere können sich die Käufer des Spiels lächerlich machen, wenn sie irgendwo mit ihrem ‘Wissen’ aus dem Kartenspiel trumpfen wollen. Dann heisst’s nicht Supertrumpf sondern Schwarzer Peter. 😉

  4. Das Spiel ist mies, ich mein das ist eine 1:1 Kopie eines Populären spiels und keine Innovation. Ich mein das kann sich jeder daheim ausdrucken, die daten sind easy im web zu finden,…

    Was bringt die thematik, am ausstieg wird nicht mehr gerüttelt (das kann ich als österreicher leicht sagen), aber die bevölkerung hat aus Fokushima gelernt, wie ich denke. und den Schwarzen Peter hat hier eindeutig die Atomindustrie. 350 verkaufe spiele,…auch nicht der wahnsinn…

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