“Anspruch der nominierten Spiele sinkt”

Fotos: Spiele-Offensive/Verlage. Montage: Sebastian Wenzel
Wolfram Dübler-Zaeske ist der Spiele-Experte des Onlineshops Spiele-Offensive. Er ist der Meinung, dass die Jury des "Spiel des Jahres" einen falschen Weg eingeschlagen hat. Dübler-Zaeske sagt: "Der Anspruch der nominierten Spiele sinkt seit Jahren." Er wünscht sich, dass sich das ändert. Ein Kommentar.

Alle Jahre wieder fiebert die Brett- und Kartenspielgemeinde der Verleihung der wichtigsten Auszeichnung auf dem deutschen Spielemarkt entgegen, dem Spiel des Jahres. Seit 1979 wird dieser Preis verliehen, und so hat man sich besonders um das Spiel als Kulturgut verdient gemacht. Viele tolle und spielenswerte Spiele wurden nominiert oder ausgezeichnet, und so wurde das Spielen erfreulicherweise wieder mehr und mehr in die Öffentlichkeit gerückt. Allerdings beobachte ich seit einigen Jahren bei dem Spiel des Jahres einen Trend zu immer leichteren, kürzeren Spielen.

„Anspruch der nominierten Spiele sinkt“

Zahlreiche Diskussionen in Foren, Onlinenetzwerken und Messen spiegeln genau dies wieder. Und so war ich gespannt auf die diesjährigen Nominierungslisten. Was soll ich sagen, der Trend hat sich bestätigt und wird fortgesetzt: Der Anspruch der nominierten Spiele sinkt weiter. Natürlich gibt es seit 2011 einen zusätzlichen Preis für anspruchsvollere Spiele: Das “Kennerspiel des Jahres” soll sich mit komplexeren Spielen beschäftigen, deren Anteil sich in den letzten Jahren deutlich erhöht hat. Doch wenn das Kennerspiel regelkundige Familien ansprechen soll. Für wen ist dann das traditionsreiche Spiel des Jahres gedacht?

Leichter – schneller – kürzer

Die nominierten Spiele in dieser Kategorie waren einmal richtungsweisend – Siedler, El Grande, Tikal, Zug um Zug, Alhambra,Thurn und Taxis, Carcassonne – um nur einige zu nennen. Doch die Ausrichtung hat sich geändert: leichter, schneller, kürzer. Und ich frage mich, ob die Jury die Familien so einschätzt wie es die Nominierungsliste suggeriert, und ihnen nichts Schwierigeres zutraut. Meine Erfahrung sind andere. Familien setzen sich sehr wohl für längere Zeiten an Spiele und tauchen gerne in Spielewelten ein. Eine willkommene Abwechslung zu Arbeit und Alltag mit seinen Problemen und Sorgen. Dafür braucht es Spiele mit ordentlichen, verständlichen Regeln. Sehr gut ist daher die Entscheidung der Jury, einige Spiele nicht zu nominieren, weil Regel, Material oder Design diesen Ansprüchen nicht genügten.

„Vielspieler fühlen sich nicht mehr vertreten“

Vielspieler scheint die Jury indes außen vor zu lassen. Für sie ist dieser Preis unwichtig geworden, sie fühlen sich nicht mehr vertreten. Das Gefühl bekomme ich, wenn ich Kommentare und Wortmeldungen verfolge. Ein schlechter Weg, sind sie es doch, die die guten Spiele jeglicher Art weiterempfehlen und einem breiten Publikum zugänglich machen. Das Spiel des Jahres ist der bedeutendste, ökonomisch wichtigste und einflussreichste Spielepreis unserer Branche. Der Weg, den die Jury in den letzten Jahren gegangen ist, ist sicherlich konsequent. Ob es der richtige Weg für die richtigen Zielgruppen ist, wage ich jedoch zu bezweifeln. Ich würde mir ein Gegensteuern in Sachen Anspruch der nominierten Spiele wünschen, ansonsten wendet sich die Gruppe Spieler weiter vom Spiel des Jahres ab, die ebenso wie dieser Preis für die Erhaltung und Verbreitung des Kulturgut Spiels verantwortlich ist.“

Hintergrund: Wolfram Dübler-Zaeske (39) ist der neue Videomoderator der Spiele-Offensive.de. Für den Onlineshop stellt er Brett- und Kartenspiele in Vorstellungsvideos vor. Ebenfalls übernimmt er die Spielregelerklärung auf Video. Dübler-Zaeske ist seit fünf Jahren Spielregelerklärer. Bereits 2008 tourte er für Kosmos mit der Catan-Bus-Nordseetour und war hier für zahlreiche Spieleveranstaltungen tätig. Von 2010 bis 2012 arbeitete er für FamilyGames ebenfalls auf Spieleveranstaltungen und zusätzlich auf Messen. Seit Oktober 2012 ist Wolfram das Gesicht der Spiele- Offensive.de.

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6 Kommentare zu ““Anspruch der nominierten Spiele sinkt”

  1. “Zahlreiche Diskussionen in Foren, Onlinenetzwerken und Messen spiegeln genau dies wieder.” und genau dort finden sich auch Nerds/Freaks/Vielspieler oder wie man sie auch immer bezeichen will wieder. Das Spiel des Jahres hat aber das Ziel ein Spiel einer großen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Also all den Menschen die nicht in Foren, Onlinenetzwerken oder Messen über Spiele informieren. Und wenn man mich frägt dann ist El Grande ein geniales Spiel aber für das Spiel des Jahres einfach falsch. Denn stellt euch vor das kauft eine Oma für ihren Enkel. An Weihnachten wollen sie dieses Spiel dann spielen. Nach spätestens 10min. gibt die Oma auf. Das Spiel wird in Schrank gestellt und nie wieder ausgepackt. Und das Fazit bei Oma und Enkel: “Brettspiele sind doof, die versteht niemand” dann wird nächstes Weihnachten eben doch ein Computerspiel gekauft. Das kann der Enkel dann wenigstens nach 5min spielen und ist glücklich.

    Schade wieder eine Chance nicht gentutzt um eine Familie das schönste Hobby der Welt näher zu bringen. Ich finde gut das der Spiel des Jahres Verein sich nicht nach dem Stimmen ein paar weniger richtet. Auch ich bin nicht immer ein Fan der Spiel des Jahres Spiele. Und das Kennerspiel des Jahres richtet sich auch nicht an die Freaks in den Foren. Aber gut lassen wir das.

  2. Ich kann Manuel nur zustimmen.
    Oder um es so auszudrücken: Ist jeder der Qwixx spielt ein Idiot? Dann bin ich auch blöde weil ich zur Zeit einen Krimi lese statt Goethes Wahlverwandschaften?
    Warum muss alles immer so schrecklich pseudo-intellektuell sein?
    Was ist schlecht wenn Spieler unheimlich viel Spaß mit Qwixx, Verflixxt , Keltis oder 6 nimmt! haben?
    Ich finde es im Gegenteil sogar hervorragend wenn die Jury sich entscheidet ein sehr einfach zugängliches Spiel zum Spiel des Jahres zu machen. Die oeben genannaten Spiele sind doch nicht schlechter als die Schwergewichte nur weil sie einfach sind. Sie sind eben anders. Es ist doch schön wenn die Hemmschwelle/Einstiegshürde niedrig ist, sich der Spaß schnell und ohne langen Regelstress einstellt und sich dann eben Appetit auf mehr entwickelt.
    Als El Grande herauskam war ich noch Gelegenheitsspielerin und war mit dem Spiel völlig überfordert. Es hat mir das Spielen also überhaupt nicht näher gebracht. Warum also unterm Tannebaum über die Spielregel von El Grande streiten statt einfach mit 6 nimmt! Spaß haben?
    Ich spiele hier unter anderem in einem Spieletreff, die so wenig Spiele kennen das sie echt Probleme haben mit Keltis, 6 nimmt!, Rage usw.. Würde ich da Ora et labora auf den Tisch bringen, würden die nie wieder mit mir spielen. Mit diesen einfachen Spielen haben aber alle sehr viel Spaß. Das weckt die Neugierde. Sind das deswegen keine Spieler? Ich finde diesen Spieletreff hervorragend, um mal zu gucken was überhaupt für die breite Masse geeignet ist, denn wir Vielspieler sind nun mal alle etwas abgehoben. Ist ja auch nichts schlimmes so lange wie wir nicht immer die anderen so von oben herab verurteilen.

  3. Spiel des Jahres ist inzwischen in unserer Familie ein Kriterium dieses Spiel nicht zu kaufen. Warum? Zu kurzweilig und auch wirklich teilweise sehr Anspruchslos. Damit hält man seine Kinder nicht mehr lange am Tisch.
    Meine Kinder haben jedoch große Freunde an Taktik Spielen. Klar so eine Anleitung braucht Zeit da muss man sich dann mal hinsetzen und durchlesen um es den Kiddies nachher schnell erklären zu können aber dann geht’s bei uns auch rund. Dann sind PC und Handy für ein paar Stunden vergessen.
    Ab und an bekommen wir nochmal das ein oder andere Spiel Des Jahres geschenkt aber die versauern meist nach 2 mal spielen im Regal, weil es meine Kinder einfach nicht interessiert.
    Spiele wie Twilight Imperium Rex aber stoßen auf eine riesen Begeisterung und werden regelmäßig von meinen Kindern gewünscht obwohl sie beide Jünger sind als die Altersempfehlung auf der Packung.
    Ich denk Familien und auch „Omi“ ist mehr zuzutrauen als so mancher denkt. Jedes Computerspiel der Jungen Generation hat jetzt schon einen höheren Schwierigkeitsgrad als jedes Spiel des Jahres. Damit lockt man nach meiner Meinung die Kinder heute gar nicht mehr. Vom Fesseln und für ein Brettspiele zu begeistern mit solchen banalen Spielen schon mal gar nicht.

  4. Ich finde den Kommentar sehr treffend, da er mein Gefühl aus den letzten Jahren gut wiedergibt.
    In unserer Familie kommen seit einigen Jahren keine Spiele des Jahres mehr auf den Tisch. Da liegen die Gründe ähnlich wie bei “Sophia”.

  5. @Sophia:
    Sicherlich haben viele Computer-/Konsolenspiele eine höhere Komplexität, als die für das SdJ nominierten Spiele. Allerdings haben diese Spiele eben auch den Vorteil, dass ich sie spielen kann, ohne die Regeln selbst zu kennen, weil ich jemanden habe, der für mich rechnet und mir Bescheid gibt, wenn eine Handlung nicht möglich ist.

    Die komplexeren E-Games haben daher eine trotzdme sehr geringe Einstiegshürde. Dhingeghend hätte ich mir gewünscht, wenn sich die Jury getraut hätte “Andor” für das SdJ zu nominieren, da hier für eine relativ hohe Komplexität versucht wurde die Einstiegshürde mittels eines Tutorialsystems herunter zu schrauben.

    Abschließend muss ich aber auch anmerken, dass alle Nichtspielern, die ich zu einer Runde Qwixx überreden konnte, davon ziemlich angetan waren. Denn Spielen profitiert von der Dichte an bedeutsamen Entscheidungen und genau die ist in Qwixx unheimlich hoch, auch im Vergleich zu einigen Schwergewichten, da jedes Kreuz den eigenen Handlungsrahmen einschränkt und auf der anderen Seite Punkte bringt.

  6. @Sophia: Ist doch prima! Für Familien wie Ihre gibt es doch nun den Preis “Kennerspiel des Jahres”. Und sollte Ihnen auch das Kennerspiel zu anspruchslos werden, orientieren Sie sich doch einfach am Deutschen Spiele Preis.

    Das “Spiel des Jahres” ist für eine andere Zielgruppe gedacht. Und die wird nach wie vor fast immer hervorragend bedient.

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